Geestkliff

Kommt man vom Binnenland an die Küste, gilt es zuerst überall den Deich zu bezwingen, um einen Blick auf das Wattenmeer zu bekommen. Tatsächlich überall?
Blick vom Wernerwald auf das Watt, im Hintergrund die Insel Neuwerk

Blick vom Wernerwald auf das Watt, im Hintergrund die Insel Neuwerk | © Jürn Bunje

Nein, an zwei Stellen der niedersächsischen Küste gibt es keinen Deich und trotzdem besteht keine Gefahr, dass das Hinterland bei Sturmfluten überschwemmt wird. Auch in Schleswig-Holstein, z. B. bei Schobüll an der Husumer Bucht, gibt es Bereiche, wo die "Höhenzüge" der Geest direkt bis ans Meer und sorgen für einen natürlichen Lückenschluss zwischen den Deichen.

Die Geestlandschaft ist nichts anderes als ein riesiges Gebilde aus Sand, Geröll und Steinen. Das Material wurde von den Gletschern der vorletzten Eiszeit herantransportiert. Einen Teil schoben die Gletscher vor sich her und schufen die so genannten Endmöränen. Unterhalb der Gletscher lagerte sich im norddeutschen Raum nach ihrem Abschmelzen das im Eis mitgeführte Material als Grundmoräne ab. Dabei entstanden sandige, flache Erhebungen und wellige, leicht erhöhte Gebiete, die als Geest bezeichnet werden. Der Begriff "Geest" kommt vom niederdeutschen Wort "güst" für unfruchtbar, da im Gegensatz zu den "fetten" Kleiböden der Marsch die sandigen Böden der Geest nur eine karge Vegetation zulassen.

Vor dem Deichbau war die Geest für das Meer eine Barriere und bildete so die natürliche Küstenlinie. Daher sind viele Küstenstädte wie Norden, Esens, Wittmund oder Jever am Rande des Oldenburgisch-Ostfriesischen Geestrückens, der den Kern Ostfrieslands bildet, entstanden. Ein zweiter Geestrücken, die Hohe Lieth (niederdeutsch für hoher Abhang), verläuft von Bremerhaven bis hoch ans Meer bei Cuxhaven und trennt das Wurster vom Hadelner Land.

Seeseits der Geest konnten sich später, in Abhängigkeit vom Stand des Meeresspiegels, die großen fruchtbaren Marschgebiete entwickeln.

Was also vor 1000 Jahren das natürliche Bild an der niedersächsischen Küste darstellte, der Übergang von der Geest über die Marsch hinaus ins Watt ohne Deich, ist heute eine absolute Besonderheit. In Niedersachsen gibt es diesen natürlichen Übergang nur noch bei Cuxhaven und in Dangast am Jadebusen.

Zwischen Cuxhaven-Duhnen und Berensch reicht die Geest über einige Kilometer direkt bis an das Wattenmeer heran und schützt den Landstrich vor Sturmfluten. Im Laufe der Jahrhunderte "knabberte" aber auch hier die Meeresbrandung an der Küste, eine Abbruchkante entstand. Dieses Geestkliff ist heute noch mit mehreren Metern Höhe gut im Gelände zu erkennen. In diesem Teil des Nationalparks kann man den ganzen Formenschatz des natürlichen Überganges zwischen Meer und Geest mit den dazwischen liegenden Wattgebieten und Salzwiesen entdecken. Dazu zählen die Krähenbeerenheiden bei Duhnen, das Geestkliff vor dem Wernerwald, die eigentümlichen "Eichenkrattwälder" als Resultat einer historischen Waldnutzung und der Windschur, kleine Moorseen und auch Niedermoorbereiche.

Auch am alten Kurhaus in Dangast (Gast = Geest) reicht die Geest noch bis direkt ans Watt. Die Vorzüge dieser hohen Geestkante wusste schon der damalige Regent Graf Bentinck zu nutzen und gründete 1797 eine Seebadeanstalt nach englischem Vorbild. Auf dem inselartigen Dangaster Geesthügel lagen die Seebadeanlagen nicht nur gut geschützt, sondern die Geest "speiste" auch einen natürlichen Sandstrand, damals selten für Festlandsküstenbäder.

Zwar ist in Dangast das eigentliche Geestkliff schon seit 1905 durch eine Klinkerwand gesichert. Nur so konnten die Anlagen des Seebades mit dem auch heute noch bestehenden Kurhaus und dem ehemalige Badehaus vor dem Absturz in den Jadebusen bewahrt werden. Aber auch hier bietet sich immer noch dieser ganz besondere Blick zwischen Bäumen hindurch hinunter auf die Wattflächen. Und wer auf einer der Bänke an der Promenade am alten Kurhaus einen Platz ergattern kann, der hat wohl einen der schönsten Logenplätze direkt am Nationalpark erwischt.

Nutzen Sie die schönen Herbsttage doch einmal für eine Entdeckertour zu den Geestkliffen. Nur dort können Sie einen kleinen Eindruck davon bekommen, wie es wohl vor 1000 Jahren überall an der Küste ausgesehen hat.