Verschwundene Lebensräume

Das Wattenmeer verändert sich ständig. Der Lebensraum ist geprägt von Gezeiten und Jahreszeiten, durch unregelmäßige Störungen wie Sturmfluten und Eiswinter. Gerade die Umweltveränderungen spielen für Artendichte und -vielfalt eine entscheidende Rolle. Wenn Arten oder gar Lebensräume allerdings ganz verschwinden, hat oft der Mensch Schuld daran:

Das Seemoos (Sertularia cupressina) ist ein koloniebildender Hydroidpolyp, dessen Skelette wie Bäumchen aneinander geheftet sind. Es wächst bis in 10 m Wassertiefe. Etwa um 1900 wurde getrocknetes und gefärbtes Seemoos zum floristischen Modeartikel; bis 1971 wurde das Seemoos gefischt, indem es mit umgebauten Kuttergeschirren vom Wattboden gerissen wurde. Vermutlich ließen diese Fischerei sowie die Überdüngung und Verschlickung die Seemoosbänke im schleswig-holsteinischen Wattenmeer verschwinden.

An den stabilen Hängen der großen Wattströme lebt der Borstenwurm Sabellaria spinulosa in Wohnröhren, die er aus Sandkörnern baut. Durch die Längenzunahme der Röhren und die Ansiedlung mehrerer Generationen übereinander können Sandkorallenriffe mit einer Höhe von etwa 1 m entstehen. Aus früheren Zeiten sind 17 Sandkorallenriffe im schleswig-holsteinischen Wattenmeer bekannt. Heute gibt es vermutlich nur noch einen Standort im Rütergat bei Amrum. Die Ursachen für den Rückgang sind unbekannt. Veränderte Meeresströmungen, ein vorübergehendes Bestandstief und eine gezielte Zerstörung durch die Fischerei werden diskutiert.

Schon vor Jahrhunderten wurde die Europäische Auster (Ostrea edulis) intensiv geerntet. Vom 4.2.1587 (!) datiert eine Urkunde des dänischen Königs, worin der Austernfang zum Schutz der Bestände genehmigungspflichtig und Wilderei unter Strafe gestellt wurde. In der langen Zeit danach gab es immer wieder Bestandszusammenbrüche. Vermutlich wegen Überfischung erholten sich die Austern davon zuletzt nicht mehr - das endgültige Aus für die Austernfischerei kam nach dem strengen Winter 1921/1922. Lebende Exemplare der Europäischen Auster werden heute nur noch vereinzelt gefunden.

Manche Menschen finden Austern attraktiv; ihre Zucht kann ein lukratives Geschäft sein. Daher wurde in den 80er Jahren bei Sylt auf Kulturflächen eine verwandte Art eingeführt, die Pazifische Auster (Crassostrea gigas). Sie hat sich mittlerweile als wuchs- und ausbreitungsfreudig erwiesen.