Welche Salzwiese liebt der Brutvogel?

„In dem hohen Struppzeug brütet doch kein Vogel". „Vögel meiden unbeweidete Salzwiesen". „Seit die Vorländer entweidet werden, brüten dort keine Vögel mehr." Wie Fixsterne stehen manche scheinbaren Wahrheiten im Raum. Aber stimmt es wirklich, daß Austernfischer und Rotschenkel, Säbelschnäbler und Lachmöwe unter dem Generalziel der Nationalparkentwicklung - unter dem „Natur Natur sein lassen" - leiden?
Welche Salzwiese liebt der Brutvogel?

Welche Salzwiese liebt der Brutvogel?  | © Foto: Martin Stock

In einem Projekt der Ökosystemforschung hat Bernd Hälterlein vom Nationalparkamt Schleswig-Holstein alle verfügbaren Daten über die Bestandsentwicklung von Brutvögeln an der schleswig-holsteinischen Westküste zusammengetragen.

1.Ergebnis

Einige Arten bevorzugen unbeweidete Salzwiesen, einige meiden sie und für einige ist dieBeweidungsintensität von nachrangiger Bedeutung. Mehrere Arten besiedelten die Salzwiesen sogar erst, nachdem die Beweidung dort reduziert wurde.

Veränderungen der Brutvogelbestände

auf der Hamburger Hallig seit der Rücknahme der Beweidung 1991 (nach Angaben des Naturschutzbundes Deutschland)

Einige Arten, wie Säbelschnäbler und Küstenseeschwalben, verringerten in einzelnen Gebieten zwar ihre Bestände. Einige der typischen Brutvögel der Salzwiesen, Austernfischer und Rotschenkel, profitierten in den meisten Fällen aber von der Extensivierung der Salzwiesen:

Auf Hallig Habel stieg der Austernfischerbestand in dem Maße an, in dem die Beweidung der Hallig in den letzten20 Jahren reduziert wurde.

  1. Auf Nordstrandischmoor wurden im nutzungsfreien Teil der Hallig 37,7 Austernfischernester pro 10 Hektarfestgestellt, im beweideten waren es 25,8 Nester/10 ha.
  2. Auf Helmsand verdoppelte sich die Zahl brütender Rotschenkel seit der Extensivierung 1985.
  3. Auf der Hamburger Hallig brüteten Anfang der 60er Jahre 15-34 Rotschenkel. Als das Gebiet in den 70er und 80er Jahren intensiv beweidet wurde, waren es 0-11 Paare. Seit die Beweidung in großen Bereichen der Hamburger Hallig 1991 eingeschränkt wurde, brüten dort etwa 100 Paare Rotschenkel.(1)

Nun beziehen sich die oben genannten Beispiele auf einzelne Gebiete, die relativ klein und daher nicht unbedingt repräsentativ sind. Wie sieht die Gesamtsituation an der Westküste aus? Hälterlein kommt zu dem Ergebnis, daß die Westküstenbestände der meisten Brutvögel der Salzwiesen seit dem Beginn der Extensivierung im Jahr 1991 unverändert blieben oder zugenommen haben.

Die ökologische Situation von Brutvögeln läßt sich allerdings nicht allein anhand ihrer Zahl bewerten. Ebenso wichtig ist ihr Bruterfolg. Aus diesem Grunde wurde 1991 begonnen, den Bruterfolg einiger Küstenvogelarten systematisch zu untersuchen. Es zeigte sich, daß in unbeweideten Parzellen im Friedrichskoog Vorland der Schlupferfolg doppelt so hoch war, wie in anderen Gebieten. Gleichartige Ergebnisse deuten sich für die 10 sogenannten „Census areas" der Westküste an, kleine Gebiete, in denen Brutvögel und ihr Bruterfolg alljährlich erfaßt werden.

Der bessere Bruterfolg in unbeweideten Gebieten kann mit dem besseren Angebot an Insektennahrung für die Küken, den besseren Versteckmöglichkeiten gegenüber Räubern und den geringeren Störungen durch Weidevieh erklärt werden.

Abb. Brutvögel in den Salzwiesen der Westküste.
Im Herst 1991 begann die Extensivierung der Salzwiesen.

 

(Auszug aus: Nationalpark-Nachrichten 06/97)