Meer ohne Müll

Das Wattenmeer vor den deutschen Küsten ist insgesamt betrachtet ein gesunder und appetitlicher Lebensraum. Man wird beim Schwimmen oder Wandern nicht mit Bergen oder Teppichen von Müll konfrontiert, die einem den Naturgenuss verleiden. Und das Einzige, was - je nach persönlicher Empfindung - unangenehm riecht, sind Schwefelbakterien, die von Natur aus im Schlickwatt zu Hause sind. Nichtsdestotrotz ist das Wattenmeer Teil der Weltmeere, die aus verschiedenen Quellen, von See und von Land aus, als Müllkippe missbraucht werden. Das Land Niedersachsen und die Nationalparkverwaltung arbeiten auf verschiedenen Ebenen mit vielen Partnern daran, dieser Belastung des einzigartigen, besonders geschützten Lebensraumes entgegenzutreten.
Ergebnis einer Müllsammelaktion an einem ostfriesischen Inselstrand

Jährlich gelangen etwa 20.000 Tonnen Müll in die Weltmeere. 70% davon sammeln sich am Meeresgrund und beeinträchtigen die Lebensgemeinschaften, die dort zu Hause sind. 15% treiben im Wasser, weitere 15% werden an die Küsten gespült.

Vögel und Robben können sich in Netzresten und anderen Müllteilen verfangen und schwer verletzen oder sogar strangulieren. Betroffen sind auch Küken, wenn die Vogeleltern Abfall zum Nestbau verwenden. Glas und anderes Scharfkantige birgt gleichfalls große Verletzungsgefahren.

Das größte Problem ist, von der Menge und den Auswirkungen her, der Plastikmüll. Gerade im flachen Wasser und an den Stränden wird er durch mechanische Kräfte und UV-Strahlung immer weiter zerkleinert, bis er am Ende als sogenanntes Mikroplastik auf den ersten Blick unsichtbar, aber mit verheerenden Folgen im Wasser und im Sediment verbleibt.

Fishing for Litter

Wenn die Fischer zum Fang von Garnelen ("Krabben") und anderen Meerestieren hinausfahren, landet fast immer, in wechselnden Mengen (je nach Meeresströmung) auch Müll in den Netzen. Naheliegend, diesen gleich mit an Land zu bringen, dami er ein für allemal in der Natur keinen Schaden mehr anrichten kann. Und die Fischer haben ein sehr großes Interesse daran, saubere Produkte aus einem sauberen Lebensraum zu vermarkten.

Transport und ordnungsgemäße Entsorgung erfordern jedoch einen logistischen und finanziellen Aufwand, den man den Fischern nicht allein zumuten kann. Zwar finden sich auch Fischereireste wie abgerissene Netzteile im Meeresmüll, doch der weitaus größte Teil stammt aus anderen Quellen.

Das 2013 in Niedersachsen gestartete Projekt "Fishing for litter" ermöglicht es den Fischern, den unerwünschten "Beifang" ordnungsgemäß zu entsorgen. Partner des Projektes sind der NABU, der ein vergleichbares Projekt 2011 an der Ostseeküste auf den Weg brachte, und das Land Niedersachsen, vor Ort vertreten durch die Nationalparkverwaltung, das Staatliche Fischereiamt und den Nds. Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Die Pilotphase (2013-2014) wird vom Nds. Umweltministerium mit 66.000 Euro gefördert.

Die Fischer erhalten "big bags", um den Müll an Bord zu verstauen. Am Hafen steht ein Container bereit, der nur per Schlüssel zugänglich ist, damit wirklich nur der gefischte Müll dort landet. Um die Abfuhr kümmern sich die Projektpartner in Zusammenarbeit mit einem örtlichen Entsorgungsunternehmen. In einer Sortieranlage wird der Müll nach Art und Herkunft sortiert, um Aufschluss über Zusammensetzung und Verursacher zu erhalten. Denn während zu dem Müll, der direkt am Strand gesammelt wird, bereits entsprechende Analysedaten vorliegen, besteht bei der schwimmenden Fraktion noch Nachholbedarf.

Die ersten Container stehen in Norddeich, Greetsiel und Ditzum (Stand März 2013), wo sich etwa 30 Fischer beteiligen. Weitere Standorte werden die Kutterhäfen in Dornumersiel, Neuharlingersiel, Fedderwardersiel und Cuxhaven.

Natürlich werden die niedersächsischen Küstenfischer allein mit ihrer Sammlung nicht die Nordsee vom Müll befreien. Doch jedes Stück, das aus dem Meer geholt wird, kann keinen Schaden mehr anrichten.

Vor allem aber soll und wird das Projekt, durch begleitende Informationsarbeit, zur Sensibilisierung beitragen. Denn obwohl das ökologische Bewusstsein etwa seit den 1970er Jahren Gesellschaft, Politik und auch Justiz erreicht hat, scheint es leider noch nicht ausreichend verankert zu sein - sonst wäre Umweltverschmutzung durch Müll heute kein Thema mehr. Deshalb müssen immer wieder neue Wege beschritten werden, um das Problem - hier im wahrsten Sinne des Wortes - nach oben zu holen und weitere Unterstützer zu gewinnen.

Strand-Müll-Boxen

Auf den Ostfriesischen Inseln werden seit dem Frühjahr 2013 sogenannte Strand-Müll-Boxen installiert. Damit wird die Initiative vieler Strandwanderer unterstützt, die aus Liebe zur Inselnatur schon immer einsammeln, was andere in die Landschaft geworfen haben. Das Gesammelte kann jetzt in Gitterboxen so entsorgt werden, dass es nicht wieder verweht wird.

In dieser Gemeinschaftsinitiative von Nationalparkverwaltung, Kommunen und Landkreisen wird unabhängig von den gesetzlich geregelten Zuständigkeiten für Abfallbeseitigung pragmatisch angepackt: Alle fühlen sich gemeinsam zuständig.