09.09.2016

Die Vogelbrutzeit 2016 im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer - ein gemeinsamer Rückblick

Brutbestände mit teils positiver, teils negativer Tendenz / Schutzmaßnahmen für Strandbrüter erfolgreich umgesetzt
Löffler

Auch 2016 weiterhin im Aufwind: der Löffler. Foto: G. Reichert/NLPV

Das Monitoring (Dauerbeobachtung) der Brutvogelbestände an der niedersächsischen Küste ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die von der Nationalparkverwaltung, der Staatlichen Vogelschutzwarte des NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz), dem Mellumrat e.V. sowie der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz e.V. umgesetzt wird. Neben den hauptamtlichen Vogelwarten und Nationalpark-Rangern arbeiten daran ein Vielzahl von Freiwilligen im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes oder des Freiwilligen Ökologischen Jahres mit.

An der niedersächsischen Nordseeküste brüten jährlich etwa 95.000 Paare der typischen See- und Küstenvögel. Während die Tourismussaison Ende Juli noch im vollen Gang ist, haben die Vögel der Nordseeküste ihr Brutgeschäft weitgehend beendet. „Wir blicken auf eine Brutsaison zurück, die von erfreulichen, aber auch von negativen Entwicklungen zeugt“, so Gundolf Reichert, Brutvogelexperte der Nationalparkverwaltung.

Ergebnisse

Positiv ist der stabile Brutbestand der Brandseeschwalbe von über 3.600 Paaren, wovon allein die Kolonie auf Baltrum in diesem Jahr über 3.000 Paare beherbergt hat. Dort brütet die Art in Vergesellschaftung mit etwa 8.000 Lachmöwenpaaren. Damit befindet sich auf der kleinsten bewohnten Ostfriesischen Insel eine der größten Seevogelkolonien des Wattenmeeres.

Eine nach wie vor positive Entwicklung zeigt der Bestand des Löfflers, der erst seit 1995 dauerhaft im Gebiet vorkommt und mittlerweile mit insgesamt etwa 600 Paaren auf fast allen Inseln brütet. Die Ausbreitungstendenz hält an, und so wurde in diesem Jahr erstmals der Nachweis einer kleinen Löfflerkolonie auf der Ruine der alten Festungsanlage Langlütjen in der Außenweser erbracht.

Die Eiderente hat von den Niederlanden kommend das Wattenmeer zu Beginn der 1980er Jahre dauerhaft besiedelt. Ihr Bestand beträgt bei uns mittlerweile knapp 1.000 Paare, wobei die größten Vorkommen auf Mellum, Spiekeroog, Memmert und Borkum zu finden sind. Eiderenten brüten eigentlich ausschließlich auf den Wattenmeerinseln. In diesem Jahr gab es jedoch im Bereich Crildumersiel-Horumersiel den Nachweis von drei Junge führenden Eiderentenweibchen, die möglicherweise in den Festlandssalzwiesen erbrütet wurden.

Die Weißwangengans (Nonnengans) ist im Winterhalbjahr eine sehr zahlreiche Charakterart des Wattenmeers sowie des küstennahen Binnenlands. Diese Vögel stammen aus den Brutpopulationen Nordeuropas und Russlands. Seit einigen Jahren hat sich an Ems, Elbe, auf Wangerooge und Spiekeroog ein kleiner Brutbestand der Nonnengans etabliert, offenbar mit ausbreitender Tendenz: aus diesem Jahr liegt auch von der Insel Mellum ein Brutnachweis vor.

Wie schon in den Vorjahren kam es zu Bruten des Stelzenläufers, einer sehr langbeinigen Watvogelart, die ihre Hauptverbreitung in Süd- und Südosteuropa hat. So konnten in den Salzwiesen der Leybucht drei Paare während der Brutzeit festgestellt werden. Im Harlingerland und am Jadebusen brütete je ein Paar.

Eine Besonderheit ist der Brutnachweis einer Spießente auf Borkum: Am Tüskendörsee wurde ein Junge führendes Weibchen beobachtet. Diese Entenart ist ein seltener Brutvogel im Wattenmeer, hat sie doch ihre Hauptbrutverbreitung in arktischen Gefilden.

Auf Borkum war in diesem Jahr eine Rohrdommel brutverdächtig. Die Rohrdommel ist eine Brutvogelart süßwassergeprägter Schilfgebiete und in Niedersachsen mit nur noch wenigen Paaren vom Aussterben bedroht.

Ebenfalls von Borkum stammt der diesjährige Brutnachweis eines Graureiherpaares. Am Festland sind Graureiher baumbrütende Kolonievögel, die bislang nicht auf den Wattenmeerinseln zu finden waren.

Von der Vogelinsel Mellum stammt der einzige Brutnachweis des Mittelsägers, der am westlichen Rand des Verbreitungsgebietes liegt.

Dass die Gehölzentwicklung auf den Inseln voranschreitet, zeigt die Besiedlung Juists durch den Buntspecht, der früher auf den ehemals baumfreien Inseln nicht vorkam. Auch die Zunahme von Waldarten kann auf den Inseln beobachtet werden: Erstmalig hat in diesem Jahr ein Habichtpaar auf Minsener Oog erfolgreich gebrütet.

Strandbrüterschutz

Dort wo Brutvorkommen der Strandbrüter auf öffentlich zugänglichen Stränden lagen, fanden Maßnahmen zur Besucherlenkung statt, um die Brutvögel und ihre Gelege vor Störungen zu schützen. Dabei kam es auch in diesem Jahr zu einer sehr guten Kooperation zwischen den Vogelwarten und Bundesfreiwilligen des NLWKN und den Nationalpark-Rangern. Am Festland wurde der Sandregenpfeiferschutz durch ehrenamtliche Mitarbeiter unterstützt.

Herausragend war in diesem Jahr das Vorkommen von insgesamt 12 Paaren des Seeregenpfeifers auf Borkum, dem einzigen Brutplatz dieser Art in Niedersachsen. Nachdem die Art vor ein paar Jahren so gut wie ausgestorben schien, gibt es nun neue Hoffnung.

Insgesamt konnte im Wattenmeergebiet ein Bestand von vorläufig etwa 80 Paaren des Sandregenpfeifers ermittelt werden. Trotz erhöhter Schutzanstrengungen hält damit bei dieser Brutvogelart der Rückgang weiter an.


Trotz verstärkter Schutzanstrengungen fiel der Brutbestand des Sandregenpfeifers im Jahr 2016 niedrig aus. Foto: A. Kramer

Die Zwergseeschwalbe wies diesjährig mit insgesamt 169 Paaren einen im Vergleich zu den Vorjahren durchschnittlichen Bestand auf.

Die Brutbestände von Eulen unterliegen natürlicherweise starken Schwankungen, da diese wesentlich vom jährlichen Mäusebestand abhängen. Aufgrund eines „schwachen Mäusejahres“ fiel der diesjährige Bestand von nur 18 Paaren der Sumpfohreule niedrig aus.

Der Abwärtstrend der Kornweihe hält an. Ihr Bestand steht kurz davor, im niedersächsischen Wattenmeer zu erlöschen. In diesem Jahr kam es nur zu zwei erfolgreichen Bruten der Kornweihe auf Norderney und Wangerooge, aus denen zwei flügge Jungvögel hervorgingen.


Für sie waren die Brutbedingungen in diesem Jahr nicht optimal: Wenige Paare der Sumpfohreule schritten 2016 zur Brut. Foto: W. Daunicht

Bruterfolg

Neben dem reinen Brutbestand, also der Anzahl brütender Paare, ist es im Wesentlichen der Bruterfolg, der über den Zustand des Ökosystems und die Qualität des Schutzes im Wattenmeer Auskunft gibt. „Entscheidend ist ein Bruterfolg, der ausreicht, um Verluste wie Sterblichkeit oder Abwanderung zumindest auszugleichen“, so Reichert. Aus diesem Grund führt die Nationalparkverwaltung seit einigen Jahren Untersuchungen zum Aufzuchterfolg durch.

Um das Management des Grünlands für Wiesenvögel zu steuern, wird der Bruterfolg von Wiesenvögeln untersucht. Ihre prominenteste Vertreterin, die Uferschnepfe, zeigte trotz guten Schlupferfolges insgesamt einen im Vergleich zu den Vorjahren nur durchschnittlichen Aufzuchterfolg.

Die Untersuchungen an Seeschwalben auf Minsener Oog weisen auf einen im langjährigen Vergleich guten Bruterfolg hin, die vorläufigen Ergebnisse für Herings- und Lachmöwe deuten ebenfalls darauf hin.

Die Untersuchungen der letzten Jahre haben grundlegend gezeigt, dass der Bruterfolg an der Festlandsküste viel niedriger ist als auf den Inseln. Wesentlich ist dies auf den starken Beutegreiferdruck durch Raubsäuger, v.a. Füchse zurückzuführen. Aufgrund der ungünstigen Bestandssituation werden deshalb die Bemühungen zum Schutz der Brutvögel in den kommenden Jahren intensiviert. Dazu wurde im Deichvorland der Wurster Küste der Einsatz von Elektrozäunen zum Schutz brütender Säbelschnäbler und anderer Limikolen in diesem Jahr erfolgreich erprobt. Der Zaun dient der Abwehr von Raubsäugern.

(Gemeinsame Presseinformation der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, der Staatlichen Vogelschutzwarte des NLWKN, dem Mellumrat e.V. sowie der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz e.V.)

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