20.02.2017

Drei Fragen an Jan van Gils

Der engagierte Wattforscher Dr. Jan van Gils arbeitet am Königlichen Niederländischen Meeresforschungsinstitut auf Texel (NIOZ). Seine Forschungsinteressen liegen in der Beziehung zwischen Top-Prädatoren, insbesondere Vögeln, und ihren Nahrungsressourcen in Wattgebieten. Er untersucht die Auswirkungen dieser Beziehungen sowohl auf das Verhalten der Vögel und deren Evolution als auch auf die Ausprägung von Wattökosystemen. Unser Forschungsexperte Dr. Gregor Scheiffarth hat seinen niederländischen Kollegen zu dessen Forschungsschwerpunkt „Zugvögel und Klimawandel“ befragt.

Frage: Sie haben intensive Studien auf der Banc d’Arguin in Mauretanien, Westafrika, als auch im Wattenmeer durchgeführt. Beide sind tidengeprägte Wattgebiete und von überragender Bedeutung für Zugvögel auf dem Ostatlantischen Zugweg. An welche Bedingungen müssen sich die Vögel in den beiden Gebieten anpassen? Welche Bedingungen sind vergleichbar und welche sind unterschiedlich in den beiden Gebieten?

Jan van Gils: Natürlich gibt es deutliche Unterschiede zwischen dem Klima in Nordwesteuropa und dem in Westafrika. Dies führt zu sehr unterschiedlichen energetischen Kosten für die Vögel. Ganz klar, im Winter sind die Kosten für die Vögel im Wattenmeer sehr hoch, da sie mit schlechtem und kaltem Wetter zurechtkommen müssen. Das Leben auf der Banc d’Arguin ist da deutlich günstiger. Allerdings haben die Vogelpopulationen, die zur Banc d’Arguin ziehen, Extrakosten, um dort hin zu fliegen. Diese Kosten haben Vögel, die den Winter im Wattenmeer verbringen, natürlich nicht (wobei es ein wenig überrascht, dass der Flug nach Westafrika bei Rückenwind relativ günstig ist).

Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Gebieten besteht im Salzgehalt des Meerwassers: die Banc d’Arguin ist viel salziger als das Wattenmeer. Die Vögel, die auf der Banc d’Arguin überwintern, haben größere Salzdrüsen als die Wattenmeer-Überwinterer, um das überschüssige Salz, das sie mit der Nahrung aufnehmen, wieder auszuscheiden.

Darüber hinaus waren wir verblüfft festzustellen, dass die Nahrung der Vögel in der Fläche unterschiedlich verteilt ist. Insgesamt ist die Dichte der Nahrungsorganismen im Wattenmeer und auf der Banc d’Arguin mehr oder weniger identisch, im Wattenmeer ist sie jedoch sehr viel stärker auf einzelne Stellen konzentriert. Die Vögel, oder zumindest die Knutts, reagieren darauf unterschiedlich: Im Wattenmeer bilden Knutts große Trupps und suchen gemeinsam nach Nahrung. Sie suchen an verschiedenen Tagen unterschiedliche Bereiche auf. Auf der Banc d’Arguin leben die Knutts sehr viel vereinzelter und suchen jeden Tag dieselbe Stelle zur Nahrungssuche auf.

Frage: Der Klimawandel wirkt auf Zugvögel, besonders stark wirkt er auf solche, die in der Arktis brüten. Kann man bereits jetzt schon Effekte des Klimawandels auf das Verhalten und die Evolution von Langstrecken ziehenden Vögeln sehen?

Jan van Gils: Ja, wir sehen bereits starke Effekte auf Watvögel. Unser Hauptstudienvogel, der Knutt, wird kleiner. Als wir das entdeckten, war uns nicht bewusst, dass das bereits bei vielen Organismen der Fall ist. Obwohl mittlerweile erwiesen ist, dass der Klimawandel eine Verringerung der Körpergröße bewirkt, ist der dahinter stehende Mechanismus noch unbekannt. Wir glauben, dass bei den Knutts und möglicherweise allen anderen (Watvogel)-Arten eine Verschiebung in der Nahrungsverfügbarkeit in den arktischen Brutgebieten das Wachstum der Jungvögel verschlechtert, also Kümmerwuchs hervorruft.

Unter „Verschiebung in der Nahrungsverfügbarkeit“ verstehen wir, dass die Knuttküken zu spät schlüpfen, um vom Höhepunkt des Insektenangebotes in der Arktis zu profitieren. Dieser „Peak“ tritt jedes Jahr früher ein, weil der Schnee in der Arktis jedes Jahr früher schmilzt. Knutts scheinen Probleme damit zu haben, jedes Jahr früher in der Tundra anzukommen. Dies müssten sie aber, damit ihre Jungen unter optimalen Ernährungsbedingungen aufwachsen können.

Frappierende Folge der schrumpfenden Körper ist, dass diese Knutts mit ihren kürzeren Schnäbeln Probleme haben, an ihre Muschelnahrung zu kommen, da die Muscheln relativ tief im Wattsediment siedeln. Auf der Banc d’Arguin müssen diese kurzschnäbeligen Knutts auf oberflächennahe Seegrasrhizome ausweichen. Allerdings ist die Qualität dieser Alternativnahrung sehr schlecht. Tatsächlich haben Vogelringablesungen gezeigt, dass kleine Knutts eine geringere Wahrscheinlichkeit haben als große Knutts, bis zum nächsten Jahr zu überleben - höchstwahrscheinlich wegen der schlechten Nahrung, von der sie leben müssen. Wie zu erwarten, sehen wir immer häufiger kleine Knutts auf der Banc d’Arguin, die sich von Seegrasrhizomen ernähren; ein schlechtes Zeichen, wie wir glauben. Mehr Information dazu kann man in der wissenschaftlichen Zeitschrift Science, volume 352, S. 819-821 nachlesen.

Frage: Was betrachten Sie als die größten Gefährdungen für Zugvögel, die das Watt als Rastgebiet zwischen Arktis und Afrika nutzen?

Jan van Gils: Ich denke, derzeit ist die Kombination verschiedener Umweltveränderungen die größte Gefahr. Den Klimawandel in der Arktis allein könnten die Zugvögel verkraften, wenn Gebiete wie das Wattenmeer und die Banc d’Arguin vom Menschen unbeeinflusst wären. Zum Beispiel konnten wir in einem derzeit laufenden Projekt zeigen, dass Pfuhlschnepfen im Frühjahr aus dem Wattenmeer immer früher abziehen, um mit dem immer früher eintretenden Sommer in der Arktis Schritt zu halten. Allerdings stellte sich heraus, dass sie ihr Zugverhalten nur dann ohne Konsequenzen für ihre Überlebenswahrscheinlichkeit ändern können, wenn genügend Wattwürmer im Wattenmeer vorhanden sind. In Jahren mit einem geringen Wattwurmbestand im Wattenmeer fliegen die Pfuhlschnepfen zwar auch sehr zeitig aus dem Wattenmeer in die Arktis, haben allerdings sehr geringe Fettreserven. Sie gehen dann ein erhöhtes Risiko ein zu sterben.

Ähnlich wie die Pfuhlschnepfen können auf der Banc d’Arguin überwinternde Knutts mit ihren klimabedingt kürzeren Schnäbeln nur klar kommen, wenn dort genügend nur flach eingegrabene Nahrung zur Verfügung steht. Es gibt aber Hinweise, dass die Befischung von Rochen und Haien das System in der Banc d’Arguin verändert hat. Einer der indirekten Effekte dieser Fischereiaktivitäten ist das Verschwinden der bevorzugten Nahrung der Knutts auf der Banc d’Arguin, der nur flach im Boden lebenden Muschel Dosinia isocardia. An diesen Beispielen sehen wir sehr gut, wie die Bedingungen in einem der Aufenthaltsgebiete von Zugvögeln mit anderen Gebieten verflochten sind.