Ein invasiver Neophyt im Nationalpark: Das Nadelkraut

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Nadelkraut (Crassula helmsii). Foto: N. Biewer/NLPV

Nadelkraut (Crassula helmsii). Foto: N. Biewer/NLPV

Der Umgang mit invasiven Arten hat nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, sondern ist ein Baustein zum Erhalt der biologischen Vielfalt. Gerade in Nationalparks, wo das Einwandern von neuen oder ehemals heimischen Arten zur Normalität gehört und Ziel der Schutzbemühungen ist, ist der Umgang mit einigen dieser Arten oft eine Gratwanderung. Im terrestrischen Bereich der ostfriesischen Inseln kommen heute fünf Pflanzenarten vor, deren Vorkommen und Ausbreitung sich eindeutig negativ auf die Natürlichkeit im Nationalpark auswirken können. Dies sind die sogenannten invasiven Neophyten Kaktusmoos (Campylopus introflexus), Kartoffel-Rose (Rosa rugosa), Japanische Flügelknöterich (Fallopia japonica), Späte Traubenkirsche (Prunus serotina) und Nadelkraut (Crassula helmsii). Letzteres ist noch wenig bekannt und soll deshalb hier vorgestellt werden. Unsere Norderneyer Ranger Niels Biewer und Nico Erdmann haben sich bereits Gedanken gemacht, wie man mit dem Nadelkraut im Nationalpark umgehen kann.

Neophyten sind Pflanzen, die durch Einschleppung oder selbstständige Verbreitung Gebiete besiedeln, in denen sie nicht heimisch sind. Als invasive Neophyten werden gebietsfremde Pflanzen bezeichnet, die durch ihre Ausbreitung natürlich vorkommende Ökosysteme oder Arten gefährden können. Im terrestrischen Bereich der ostfriesischen Inseln kommen fünf Neophyten vor, die aufgrund ihrer Ausbreitung bzw. Ökologie als invasiv eingestuft werden müssen: Das Kaktusmoos (Campylopus introflexus), die Kartoffel-Rose (Rosa rugosa), der Japanische Flügelknöterich (Fallopia japonica), die Späte Traubenkirsche (Prunus serotina) und das Nadelkraut (Crassula helmsii). Letzteres ist noch wenig bekannt und soll deshalb hier vorgestellt werden.

Das Nadelkraut ist eine ausdauernde Pflanze, die sowohl unter Wasser als auch an Land wächst. Ihre dünnen, teils verzweigten Stängel wachsen kriechend bis aufrecht. Im Wasser bildet sie oft dichte Polster, an Land am Boden liegende Triebe, die große Bereiche flächig einnehmen können. Die Samen haben eine Größe von 500µm und sind mit bloßem Auge schwer zu erkennen. Die Pflanze kann sich durch vegetative Vermehrung rasch ausbreiten und große Dominanzbestände aufbauen. So reicht bereits ein kleiner Teil vom Spross, um eine neue Pflanze zu bilden.

Ursprünglich ist die Pflanze in Australien und Neuseeland beheimatet. Dort wächst sie in Stillgewässern, an Bach- und Flussläufen sowie an steinigen Küstenabschnitten. Auch wenn sie keine salztolerante Pflanze ist, kommt sie doch in brackigen Gewässern vor. In der Regel werden Gewässer bis drei Meter Wassertiefe besiedelt, es wurden jedoch Bestände bis 14 m Tiefe gemessen. Nach Europa kam das Nadelkraut Anfang des 20. Jahrhunderts als Zierpflanze. Der erste Nachweis in der freien Landschaft in Deutschland erfolgte 1981 im Pfälzer Wald.

Der erste und bisher einzige Nachweis über das Vorkommen des Nadelkrauts im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer liegt auf Norderney. Dort hat sich die Pflanze seit der Entdeckung im Jahr 2003 stark ausbreitet und wächst überwiegend in Stillgewässern. Bevorzugte Standorte sind Viehtränken und künstliche Gewässer im Südstrandpolder, die durch Bodenabbau entstanden sind. Dort bildet das Nadelkraut im Wasser und am Ufer zum Teil dichte Teppiche aus und verdrängt alle anderen Pflanzenarten. Inzwischen ist die Pflanze bereits in den sehr wertvollen naturnahen Lebensraumtyp des feuchten Dünentals vorgedrungen und hat dort offene, feuchte Sandböden besiedelt, die für eine Reihe heimischer, charakteristischer Arten bedeutend sind. Dazu gehören Sumpf-Bärlapp (Lycopodiella inundata), Zwergflachs (Radiola linoides) und Zwerg-Gauchheil (Anagallis minima), Pflanzenarten, die auf der Roten Liste geführt sind. An diesen Standorten der Natur freien Lauf zu lassen, wie es Credo im Nationalpark ist, wäre jedoch gefährlich. Erfahrungen mit invasiven Arten insbesondere außerhalb Europas haben gezeigt, dass vorbeugende Maßnahmen, die die Etablierung von invasiven Arten verhindern, die wichtigste Handlungsoption zum Schutz der natürlich vorkommenden Arten sind. Haben sich Arten erst einmal fest etabliert, sind guter Rat und vor allem Maßnahmen zur Beseitigung teuer. Daher hat sich die Nationalparkverwaltung in diesem Fall entschlossen, das Vordringen des Nadelkrautes in die feuchten Dünentäler zu verhindern und einer wirklich natürlichen Entwicklung Vorrang einzuräumen. Im betroffenen Bereich wurde im letzten Jahr mit einem Bagger Boden abgetragen, um die Pflanzen aus diesem Bereich zu entfernen - bisher erfolgreich.

Aufgrund ihres schnellen Wachstums, der Ausbildung von Dominanzbeständen, der Verdrängung heimischer Arten und der unterschiedlichen möglichen Besiedlungsgebiete ist es wichtig, Bestände von Crassula helmsii frühzeitig zu identifizieren und außerhalb der bekannten Wuchsorte auf Norderney frühzeitig einzugrenzen oder zu beseitigen. Dann ist auch im Nationalpark verstärkt auf neue Vorkommen des Nadelkrauts zu achten und Sorge dafür zu tragen, dass die natürliche Entwicklung im Nationalpark dadurch nicht weiter eingeschränkt wird. Meldungen von Neuvorkommen dieser Pflanze nimmt die Nationalparkverwaltung dringend entgegen. Es ist dann jeweils zu prüfen, welche Maßnahmen geeignet sind, den Schutz der Natur im Nationalpark zu gewährleisten.

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