16.11.2017

Ein Sommer mit „Brille“

Ein besonderes Naturerlebnis bot sich in diesem Sommer Spaziergängern am Wilhelmshavener Südstrand: Mitten auf dem Weg am Deichfuß räkelte sich ein dicker Seehund. Die erste Beobachtung im Juni sah nach einem Einzelfall aus, doch das Tier kehrte immer wieder an seinen ungewöhnlichen Liegeplatz zurück und war bis in den Herbst hinein, zeitweise sogar täglich, zwischen Schleuseninsel und Mariensiel präsent. Mitglieder der ehrenamtlichen Naturschutzgruppe „JadeWale“ tauften den Seehund wegen seiner auffallend dunklen Fellfärbung rund um die Augen auf den Namen „Brille“.

Üblicherweise liegen Seehunde im Rudel auf Sandbänken, wo sie sich bei Niedrigwasser ausruhen und im Sonnenlicht Vitamin D tanken. Warum Brille sich diesen einsamen Logenplatz ausgesucht hat, lässt sich wissenschaftlich nicht erklären. Zumindest konnte er dort sogar bei Hochwasser warm und trocken liegen.

Einsam war Brille allerdings nur in Bezug auf Artgenossen. Sobald sich herumsprach, dass er wieder irgendwo am Südstrand oder beim Fischerdorf lag, war er ruckzuck von Menschen umgeben. Nicht wenige rückten ihm dicht auf den Pelz, um ein „Selfie mit Seehund“ zu knipsen. Wann immer möglich, waren Mitglieder der ehrenamtlichen Naturschutzgruppe „JadeWale“ vor Ort, um die Begegnung zwischen Mensch und Tier ein wenig zu managen, im beiderseitigen Interesse:

Für den Seehund ist es stressfreier, wenn Passanten und Schaulustige respektvollen Abstand halten, und wenn es, in dieser besonderen örtlichen Situation am Deich, nur 10 m sind. (Draußen im Watt ist eher ein Abstand von mehreren 100m von den Seehundrudeln anzuraten). Für den Menschen ist es sicherer, denn Seehunde sind Raubtiere mit einem eindrucksvollen Gebiss. Wäre irgendjemand, der dem Tier allzu nahe kam, durch einen Angstbiss verletzt worden, dann wäre der sympathische „Wegelagerer“ in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem „Problemseehund“ mutiert.

Mit großem Engagement und Engelsgeduld klärten die „JadeWale“ jeden Passanten über Biologie und Lebensweise der Seehunde im Wattenmeer und das richtige Verhalten bei solchen Begegnungen auf. Ganz überwiegend reagierte das Publikum mit Interesse und Verständnis, bis hin zum „Schneeballeffekt“, dass mittlerweile gut informierte Südstrandgänger bei der nächsten Begegnung ihrerseits andere aufklärten, die erstmals auf „Brille“ trafen. Nicht nur vor Ort, auch auf ihrer Facebookseite und in der Tageszeitung leisteten die „JadeWale“, unterstützt durch die Nationalparkverwaltung, hervorragende Informationsarbeit.

 Imke ZwochLeider trafen sie gelegentlich auf schwierige Zeitgenossen, die unbeirrt auf das Tier zugingen oder die Ehrenamtlichen sogar anpöbelten. Tatsächlich waren zwischen Frühjahr und Herbst außer „Brille“ noch weitere Seehunde am Deich präsent, sowohl gesunde erwachsene Tiere als auch mehrere Jungtiere. Beim Bewachen eines winzigen „Heulers“ im Bereich der Schleuseninsel (Foto) machten die „JadeWale“ extreme menschliche Erfahrungen. Mehrfach ließen Hundebesitzer trotz klarer Ansprache ihre Vierbeiner ohne Leine herumtoben, an dem hilflosen Baby herumschnuppern oder darüber hinwegtollen.

Insgesamt war es jedoch für Seehunde und „JadeWale“ eine erfreuliche Saison, in der viele neue Freunde für den Nationalpark und das Weltnaturerbe Wattenmeer gewonnen wurden. Ob „Brille“ im nächsten Jahr wieder zu Besuch kommt, ist ungewiss. Auf jeden Fall sind die „JadeWale“ dann noch besser gerüstet, denn die Nationalparkverwaltung wird sie - aus Spendenmitteln der GEW – mit Material zur Kennzeichnung der „spontanen“ Seehundliegeplätze und zur Information der Passanten versorgen.

Text: Imke Zwoch; Fotos: Michael Hillmann, Imke Zwoch