04.05.2017

Für eine nachhaltige Gestaltung der Wattenmeer-Region

ZENARiO-Jahrestagung entwickelt Zukunftsperspektiven für das Biosphärenreservat Niedersächsisches Wattenmeer
Teilnehmer der ZENARiO-Jahrestagung 2017. Foto: J. Wagner/NLPV

Diskutierten auf der ZENARiO-Jahrestagung über Entwicklungsperspektiven für das Biosphärenreservat Niedersächsisches Wattenmeer (v.l.n.r.): Prof. Dr. Rainer Buchwald, Prof. Dr. Ingo Mose (beide ZENARiO), Jürgen Rahmel (Nationalparkverwaltung), Swaantje Fock (Nationalpark-Haus Wittbülten), Peter Südbeck (Nationalparkverwaltung), Tilli Rachner (Verkehrsverbund Ems-Jade), Prof. Dr. Antje Sander (Schlossmuseum Jever), Nora Kretschmar (Landwirtschaftskammer Niedersachsen), Dr.-Ing. Peter Schaal (ZENARiO), Uwe Garrels (Bürgermeister Inselgemeinde Langeoog), Martin Adamski (Baudezernat Stadt Cuxhaven). Foto: J. Wagner/NLPV

Das Wattenmeer ist eine einzigartige Naturlandschaft, die in Niedersachsen seit 1986 als Nationalpark geschützt ist und 2009 als länderübergreifendes UNESCO-Weltnaturerbe ausgezeichnet wurde. Zudem ist das niedersächsische Wattenmeer bereits seit 1993 UNESCO-Biosphärenreservat und repräsentiert in der Küstenregion damit auch die durch menschliche Nutzung geprägte Kulturlandschaft. Wie hier eine nachhaltige regionale Entwicklung gelingen kann, darüber diskutierten Experten aus Praxis und Wissenschaft am 3. Mai in der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Das Zentrum für nachhaltige Raumentwicklung in Oldenburg (ZENARiO) und die Nationalpark- und Biosphärenreservatsverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer hatten gemeinsam zur öffentlichen ZENARiO-Jahrestagung mit dem Titel „Wattenmeer-Region voraus! Perspektiven für ein neues UNESCO-Biosphärenreservat an der niedersächsischen Küste“ eingeladen, an der über 100 Akteure und Interessierte teilnahmen.

Biosphärenreservate sind gemäß dem UNESCO-Programm „Man and Biosphere“ (MAB) Modellregionen, in denen innovative Ansätze nachhaltiger Entwicklung beispielhaft erprobt und umgesetzt werden, um die Lebensgrundlagen für die nachfolgenden Generationen zu sichern. Kerngebiet des Biosphärenreservats Niedersächsisches Wattenmeer ist der gleichnamige Nationalpark, in dem der Schutz der natürlichen Lebensräume mit ihren charakteristischen Lebensgemeinschaften und ihrer Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten im Vordergrund steht. Die sogenannte Entwicklungszone des Biosphärenreservats, in der menschliches Wirtschaften und Natur modellhaft unter dem Leitwort der Nachhaltigkeit miteinander in Einklang gebracht werden, soll binnendeichs entstehen. Peter Südbeck, Leiter der Nationalpark- und Biosphärenreservatsverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, betonte in seinem Grußwort, dass dies nur mit den Menschen und Institutionen vor Ort gelingen könne und lud die Kommunen deshalb ausdrücklich zur gemeinsamen Ausgestaltung ein.

Diese Auffassung stützte Klaus Jarmatz in seinem Impuls-Vortrag. Der Amtsleiter des Biosphärenreservats Schaalsee berichtete von 20 Jahren erfolgreicher Nachhaltigkeitsförderung, in denen sich das Biosphärenreservat dank der Einbeziehung der Bevölkerung für die Schaalsee-Region zu einem bedeutenden regionalen Identifikations- und Wirtschaftsfaktor entwickelt habe. Dass Biosphärenreservate über die Region hinaus eine weltweite Vernetzung zum Schutz der Biodiversität und zur Förderung nachhaltiger Lebens und Wirtschaftsweisen ermöglichen, stellte Prof. Dr. Susanne Stoll-Kleemann von der Universität Greifswald in ihrem Impuls-Vortrag heraus.

Die anschließenden Experten-Vorträge aus der niedersächsischen Wattenmeer-Region beleuchteten das Thema Biosphärenreservat aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven. Dabei zeigte sich, dass es zwischen den Bereichen Tourismus (Uwe Garrels, Bürgermeister Inselgemeinde Langeoog), Landwirtschaft (Nora Kretzschmar, Landwirtschaftkammer Niedersachsen), Kultur, Verkehr, Naturschutz (Swaantje Fock, Nationalparkhaus Wittbülten Spiekeroog) und Kommunalpolitik vielfältige Querverbindungen gibt. So berichtete etwa Prof. Dr. Antje Sander, Leiterin des Schlossmuseums Jever, wie die Förderung eines regionalen Geschichtsbewusstseins identitätsstiftend wirken und so den Aufbau der Marke „Biosphärenreservat Niedersächsisches Wattenmeer“ fördern könne. Tilli Rachner, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Ems-Jade, stellte das touristische Regionalverkehr-Angebot „Urlauberbus“ vor und skizzierte mögliche zukünftige umweltschonende Verkehrs-Angebote auch für Einheimische. Und Martin Adamski, Baudezernent der Stadt Cuxhaven, gab in seinem Vortrag ein konkretes Beispiel für die Entwicklung des Biosphärenreservats in unmittelbarer Nachbarschaft eines global agierenden Wirtschaftsstandorts. Er erläuterte Planungen der Stadt Cuxhaven,  in den Cuxhavener Küstenheiden einen Teil der zukünftigen Entwicklungszone für das Biosphärenreservat – vom Watt auf die Geest – auszuweisen.

Gleichzeitig wurde in den Vorträgen und den anschließenden Diskussionen deutlich, dass es etwa zwischen Landwirtschaft, Naturschutz und Tourismus potenzielle Interessenkonflikte gibt, die im Rahmen des Ausbaus einer Biosphärenreservats-Entwicklungszone unter Beteiligung aller Interessengruppen bearbeitet werden müssen. ZENARiO-Direktor Prof. Dr. Ingo Mose stellte in seinem Resümee die Vermittler-Funktion von ZENARiO heraus, diesen Prozess wissenschaftlich zu begleiten und zusammen mit der Nationalpark- und Biosphärenreservatsverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer die in der Region lebenden und wirtschaftenden Menschen in die nachhaltige Ausgestaltung des Biosphärenreservats mit einzubeziehen.

Das Biosphärenreservat Niedersächsisches Wattenmeer umfasst derzeit eine Fläche von etwa 285.000 Hektar. Die Entwicklungszone soll binnendeichs und auf den Inseln vergrößert werden, damit hier Nachhaltigkeit gelebt werden kann. Auf dem Weg dahin werden Projekte zur nachhaltigen Entwicklung in den Küstenlandkreisen initiiert und unterstützt. Dieser Prozess erfolgt freiwillig, einige Gemeinden haben bereits ihre Kooperation beschlossen, in vielen finden angeregte Diskussionen über diese Frage statt.

ZENARiO bündelt raum- und regionalwissenschaftliche Kompetenzen der Nachhaltigkeitsforschung und -lehre an der Universität Oldenburg. Es nimmt dabei eine Brückenfunktion ein, die verschiedene natur-, wirtschafts-, sozial- und politikwissenschaftliche Arbeitsgruppen unter dem gemeinsamen Dach der Nachhaltigkeit zusammenbringt.

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