Wanderer zwischen den Welten – Die Flunder, Fisch des Jahres 2017

Flunder. Zeichnung: Claus Rabba

Zeichnung: Claus Rabba

Der wohl bekannteste Plattfisch des Wattenmeeres ist die Scholle. Dennoch ist es die Flunder (Platichthys flesus), die Eingang in den Volksmund fand („platt wie eine Flunder“) und auch ins Volkslied („In einen Harung jung und schlank … verliebte sich, oh Wunder, ne olle Flunder“). Nach ihr  haben die Süßwasserökologen die im Gezeitenbereich der Meere liegende Mündungszone der Flüsse benannt, nämlich "Kaulbarsch-Flunder-Region". Und nun ist es die Flunder, die vom Deutschen Angelfischerverband (DAFV) und dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) zum Fisch des Jahres 2017 gekürt wurde.

Ihre Ähnlichkeit mit der eng verwandten Scholle ist trotz sehr unterschiedlicher Lebensgewohnheiten verblüffend. Sogar eine Hybridisierung zwischen den beiden Arten ist beschrieben (das heißt, sie können sich untereinander paaren). Wer eine Flunder eindeutig als solche ansprechen möchte, muss sie in die nackte Hand nehmen. Der aufmerksame Beobachter erkennt die Körperform der Flunder als etwas langgestreckter als die der Scholle. Er lässt sich auch nicht von den rot-orangefarbenen Flecken irreführen, die zwar für die Scholle charakteristisch sind, insbesondere erwachsene Flundern jedoch ebenfalls regelmäßig zieren. Das sicherste Bestimmungsmerkmal sind die kleinen Knochenhöcker, die der sensible Finger bereits bei sehr kleinen Flundern entlang des Rücken- und Analflossenansatzes, bei älteren Exemplaren auch entlang der nahezu geraden Seitenlinie fühlen kann.

Gut angepasst an regelmäßig wechselnde Strömung und Salzgehalte wagt sich die Flunder von allen Plattfischen am weitesten ins Süßwasser vor. Ihre physiologische Toleranz gegenüber geringen Salzgehalten erklärt auch den steilen Mengengradienten zwischen Küste und offenem Meer und zwischen Ostsee und Nordsee. Als typischer Bodenbewohner ernährt sich die Flunder vorwiegend von wirbellosen Organismen wie Würmern, Muscheln und Krebsen. Der Speiseplan größerer Individuen kann jedoch gelegentlich auch Grundeln und kleine Stinte enthalten.

Infolge ihrer bodengebundenen Lebensweise werden Flundern sowohl zu kommerziellen als auch zu wissenschaftlichen Zwecken mit Grundschleppnetzen gefangen. Allerdings unternimmt die Flunder regelmäßig Ausflüge ins freie Wasser, wo sie dann auch mit Netzen erfasst werden kann, die die Wassersäule überspannen.

Mithilfe eines derartigen Fanggerätes, einem sogenannten Hamennetz, untersucht der Hamburger Fischökologe Dr. Andreas Dänhardt in Zusammenarbeit mit der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer und dem Institut für Vogelforschung seit nunmehr 12 Jahren zwischen April und August die Fischfauna des Jadebusens. Die Flunder ist seit jeher Stammgast in seinen Fängen: „Entgegen dem gängigen Lehrbuchwissen, Flundern würden ausschließlich am Boden leben, treten Flundern aller Größen zu jeder Tages- und Nachtzeit auch in den Hamenfängen auf. Das wäre nicht der Fall, wenn die Tiere nicht im freien Wasser schwimmen würden“, so der Forscher.

Flundern sind keine ausdauernden Schwimmer wie z. B. Makrelen oder Heringe. Sie vollziehen dennoch beeindruckende Laichwanderungen in die küstenfernen Laichgebiete, wo ein ausgewachsenes Weibchen zwischen Januar und Juni bis zu 1,1 Mio Eier produzieren kann. Aus den Laichgebieten driften die heranwachsenden Larven in die küstennahen Aufwuchsgebiete. Auf diesem Weg beginnt bereits der Umbau in die klassische Körperform der Plattfische. Andreas Dänhardt: „Bei den weitaus meisten Plattfischarten wandert während der Metamorphose von der im Freiwasser schwimmenden Larve zum bodenlebenden Jungfisch eines der beiden Augen stets auf dieselbe andere Seite, ein Entwicklungsschritt, der konstant genug ist, um als Bestimmungsmerkmal zu taugen. Nicht so bei der Flunder, von der zwar ‚rechtsäugige‘ Individuen im Bestand überwiegen, bei gut einem Drittel jedoch beide Augen auf der linken Körperseite sitzen.“

Die Jungfische verbringen ihr Leben bis zur Geschlechtsreife in enger Assoziation mit den Ästuaren nahe der Küste, bevor sie sich mit einem Alter von 3-4 Jahren den Laichwanderungen anschließen. „Allerdings“, so Andreas Dänhardt, „lässt sich vom wenige Zentimeter langen Jungfisch bis zum erwachsenen Tier von über 30 cm Länge stets ein breites Größenspektrum in den Fängen beobachten, wobei größere Exemplare im Laufe der Saison tendenziell seltener gefangen werden. Ein- und zweijährige Jungtiere dominieren in der Regel die Fänge im Juni, bevor im Juli die Jungfische des Jahres auftreten.“

Die große Bandbreite der Umweltbedingungen, mit der die Flunder im Laufe ihres Lebens zurechtkommen muss, qualifiziert diese Art als äußerst robust. Sie gilt gemäß der aktuellen Roten Liste als ungefährdet, mit häufigem bis sehr häufigem Vorkommen und ohne Bestandsveränderungen in den letzten Jahren. Untersuchungen wie die im zentralen Jadebusen liefern die Informationen für derartige Bestandsabschätzungen und damit die Grundlage, Gefährdungen zu erkennen und gegebenenfalls darauf reagieren zu können. Fischbiologe Dänhardt: „Ein derart toleranter Fisch wie die Flunder zeigt natürlich keine subtilen Veränderungen im Ökosystem an wie empfindlichere Arten. Wenn mit dem Flunderbestand jedoch etwas nicht stimmt, muss schon einiges passiert sein.“