26.11.2014

Weltnaturerbeforum fand große Resonanz

Themen: 
Partnerschaft mit dem Weltnaturerbe Dolomiten bekräftigt – „Nachhaltigkeit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 5. Weltnaturerbeforums am 21.11.2014 in Neuharlingersiel

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 5. Weltnaturerbeforums am 21.11.2014 in Neuharlingersiel

Mehr als 60 Akteure aus der Region des Weltnaturerbes Wattenmeer trafen sich am vergangenen Freitag in Neuharlingersiel zum 5. Weltnaturerbeforum. Aktuell, bedarfsorientiert und praxisnah: Das Forum Weltnaturerbe Wattenmeer hat inzwischen Tradition. Was 2009 mit zehn Teilnehmern in einem kleinen Raum begann, ist mittlerweile zur Kernveranstaltung für Information und strukturierten Erfahrungsaustausch innerhalb des niedersächsischen Welterbegebietes herangewachsen. VertreterInnen verschiedenster Interessen kommen miteinander ins Gespräch und erörtern Beispiele, wie das Weltnaturerbe "auf der Fläche" gelebt werden kann. Welche praxisbezogenen, fachlichen Erfahrungen konnten gesammelt werden? Welche kommunikativen Maßnahmen und Strategien haben sich bewährt? Ergänzt und abgerundet wird das Programm durch neue Impulse aus der Wissenschaft, z. B. zu aktuellen Trends im Freizeitverhalten.

Die diesjährigen Teilnehmer spiegelten die große Bandbreite der Akteure wieder: haupt- und ehrenamtlicher Naturschutz, Tourismus, Kommunen, Landes- und Bundespolitik, Verbände, Wirtschaft, Hochschulen, Stiftungen, Landwirtschaft, ÖPNV, Sport und Nationalpark-Partner (Bildung, Gastronomie, Beherbergung) waren vertreten.

Partnerschaft mit dem Weltnaturerbe Dolomiten

Veranstalter des jährlich stattfindenden Forums sind die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Die Nordsee GmbH und die Alfred Töpfer Akademie für Naturschutz (NNA). Peter Südbeck (Leiter Nationalpark), Björn Eichner (Geschäftsführer Die Nordsee GmbH) und Susanne Eilers (NNA) durften einen weitgereisten Gastreferenten begrüßen: Dr. Arno Kompatscher, Landeshauptmann (= Ministerpräsident) der autonomen Provinz Südtirol. Die Dolomiten und das Wattenmeer wurden zeitgleich (im Juni 2009) als UNESCO-Weltnaturerbe anerkannt und entwickeln jetzt ihre Partnerschaft. Die Zuhörer zeigten sich beeindruckt von der Fachkompetenz und Leidenschaft, mit der sich der Südtiroler Landesvater für sein Welterbe engagiert und dabei natürlich auch viele Hürden zu überwinden hat.

Kompatscher räumte anerkennend ein, dass man im Wattenmeer in vielen Punkten schon weiter sei, wodurch er aber viele Ideen und Motivation mit nach Hause nehmen würde. Umgekehrt stießen Projekte aus dem Dolomiten-Welterbe, wie eine eigene Stiftung oder der Südtirol-Pass zur günstigen Nutzung aller öffentlichen Verkehrsmittel, auf das Interesse der Wattenmeer-Akteure. Auch wenn „das Wattenmeer ein waagerechtes Schutzgebiet“ sei und „die Dolomiten ein senkrechtes“, so Kompatscher, „sind wir doch Verbündete im Geiste“. In der Diskussion kamen Ideen, die Synergien zu nutzen. Wenn es darum geht, Beispiele für andere Welterbestätten zu benennen, haben Europäer eher ein Bild von den Dolomiten vor Augen als vom Great Barrier Reef. Touristen, die das Wattenmeer besuchen, könnte man auch für die Dolomiten interessieren und umgekehrt.

Weltnaturerbe als Identitätsfaktor

Mitreißend war der Vortrag von Uwe Garrels, der viele Jahre als Nationalpark-Wattführer Gästen und Einheimischen die Faszination des Wattenmeeres vermittelt hat und seit 2011 als Bürgermeister der Insel Langeoog die nachhaltige Entwicklung in der Kommunalpolitik und im Tourismus voranbringt. „Unser Alltag findet statt, egal ob Weltnaturerbe, Nationalpark oder nicht“, vermittelte er als Insulaner. „Die Frage lautet nicht: Leben oder nicht leben im Weltnaturerbe, sondern wie leben im Weltnaturerbe. Und wer hat sich anzupassen?“ Humorvoll, philosophisch, aber auch mit knallharten Fakten zum Gästeaufkommen gespickt nahm er die Zuhörer mit auf eine pointierte Reise durch die Geschichte der Entwicklung von Naturschutz und Tourismus im Wattenmeer. Sein Fazit: „In Zukunft könnte die Fokussierung auf ein Oberthema ‚Leben im Weltnaturerbe’ mit seinen kreativen Möglichkeiten der Verbindung von Tourismus und Leben am Ort eine klarere Identität und damit eine aktive Kulturbildung bei den Einheimischen fördern. Voraussetzung ist allerdings eine bewusste Annahme und tiefe gedankliche Durchdringung des Themas. Die Akteure müssen in eine Gesprächsroutine über das, was förderlich und das, was hinderlich ist, eintreten.“ Diese gedankliche Durchdringung ist ein wesentlicher Ansatz des Weltnaturerbeforums.

Natur als Hauptreisegrund

Inhaltlich „trockener“, aber nicht weniger überzeugend hinsichtlich positiver Entwicklungen war der Vortrag von Bente Grimm über die Gästebefragung „Weltnaturerbe Wattenmeer und nachhaltiger Tourismus“, deren Ergebnisse dem Forum druckfrisch vorlagen. Diese Studie wurde vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) durchgeführt im Rahmen des Interreg-Projektes PROWAD (www.prowad.org). Fast 7800 Gäste im niedersächsischen und schleswig-holsteinischen Wattenmeer wurden Anfang dieses Jahres in persönlichen Interviews befragt. Für etwa die Hälfte ist „Nationalpark“ ein wichtiger bis sehr wichtiger Reisegrund, bei dem noch nicht so bekannten Begriff „Weltnaturerbe“ trifft das auf ein Drittel der Befragten zu.  Mit Umweltbildungsangeboten wie Wattwanderungen oder den Infozentren sind die Gäste hoch zufrieden. Ein Drittel wünscht sich einen ökologisch und sozial verträglichen Urlaub. „Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, stellt Grimm fest. Ein Beleg: In Niedersachsen reisen bereits 27 Prozent der Gäste mit der Bahn an.

„Reisen und schützen“

hieß der Vortrag von Anja Szczesinski, Tourismusexpertin beim WWF in Husum. Sie ging der Frage nach, wie der Tourismus finanziell zum Schutz des Wattenmeeres beitragen kann, und nannte dazu funktionierende Beispiele aus Schutzgebieten weltweit. Im gesamten Wattenmeer sind jährlich 10 Millionen Ankünfte, bis zu 90 Mio Tagesgäste und 5,6 Milliarden Euro Umsatz zu verzeichnen. Weltweit verbreitet sind Eintrittsgebühren. So kostet ein Jahrespass für alle U.S.-Nationalparks und weitere Schutzgebiete 80 Dollar. Eine weitere Option sind Nutzungsgebühren z. B. für Parken, Campieren oder (geführte) Wanderungen zu besonderen Naturrefugien. Ein erfolgreiches Finanzierungsinstrument können freiwillige Beiträge und Spenden von Naturnutzern sein. So zahlt z. B. ein Anbieter von Expeditionen auf die Galapagos-Inseln 4,5 Mio US-Dollar im Jahr. Ein weiterer Ansatz sind Konzessionen, als kostenpflichtige Erlaubnis privatwirtschaftlicher Aktivitäten, wie sie z. B. im Great Barrier Reef jedes Hotel  und jeder Anbieter von Bootstouren entrichten muss. Szczesinski machte deutlich, dass sich diese Ansätze nicht 1:1 auf das Wattenmeer übertragen lassen. So lässt sich landschaftlich bedingt der Zugang zum Wattenmeer nicht zu einem Kassenhäuschen kanalisieren wie in einer entlegenen Bergregion. Und Naturerlebnis und Umweltbildung sollte für alle Menschen auch finanziell zugänglich bleiben. Trotzdem liefert die (ebenfalls durch PROWAD finanzierte) WWF-Studie wertvolle Ansätze, um wattenmeerbezogen in diese Richtung zu denken.

Fazit: Weltnaturerbe hat Naturschutz und Naturbewusstsein vorangebracht

Zum Abschluss zogen Südbeck und Eichner eine Bilanz der vergangenen fünf Jahre. „Mehr Naturschutz und Naturbewusstsein denn je, eine enge Kooperation zwischen Naturschutz und Tourismus, 150 Nationalpark-Partner, die Erfolgsgeschichte der Junior Ranger und positive Entwicklungen im Biosphärenreservat“: das sind die wesentlichen Eckpunkte, die Südbeck im Rückblick auf fünf Jahre Weltnaturerbe benannte.   

Im touristischen Sektor wurden buchbare Angebote für naturbezogene Reisen entwickelt. Eichner hob Projekte zur nachhaltigen Mobilität hervor, wie die Kooperation mit der Deutschen Bahn (Fahrtziel Natur), aber auch mit Fernbusanbietern.

„Vom Gegen- zum Neben- zum Mit- zum Füreinander“, fasste Südbeck die Entwicklung der Kooperation zwischen Tourismus, Naturschutz und weiteren Akteuren zusammen. Seit 2009 wurden ca. zwölf Mio Euro für umweltbezogene Maßnahmen im Weltnaturerbe investiert. Fünf Nationalpark-Häuser werden derzeit inhaltlich und baulich auf den neuesten Stand gebracht. Die Zugvogeltage, Kernveranstaltung zur Vermittlung der internationalen Bedeutung von Nationalpark, Weltnaturerbe und der Nachhaltigkeit, haben sich fest etabliert und zogen in diesem Jahr über 12.000 Besucher an. Projekte wie der Urlauberbus fanden bundesweite Anerkennung.

Parallel zu diesen den „weichen“ Maßnahmen zur Schaffung von Verständnis und Akzeptanz konnten konkrete Naturschutzmaßnahmen in einem vorher nie dagewesenen Ausmaß umgesetzt werden. Südbeck benannte die Salzwiesen-Renaturierung und Öffnung von Sommerdeichen auf einer Fläche von über 1000 Hektar. Dabei können Naturschutz und –vermittlung Hand in Hand gehen: Nach langen Konflikten um die Renaturierung des Langwarder Grodens ist das Projekt mit dem dort installierten Naturerlebnisangebot ein großer Gewinn für die Gemeinde Butjadingen.

Das inzwischen in der Region fest verankerte Weltnaturerbe Forum bietet allen Weltnaturerbe-Akteuren eine hervorragende Plattform zum Austausch und Sammeln neuer Eindrücke und Ideen und wird auch zukünftig fortgesetzt werden.  Die Veranstaltung wurde im Rahmen des INTERREG IVB Projektes PROWAD finanziert.

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V.l.n.r.: Peter Südbeck, Leiter der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Juliana Köhler, Geschäftsführerin des UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer Besucherzentrums Wilhelmshaven, Andreas Wagner, Oberbürgermeister der Stadt Wilhelmshaven, Elsa Nickel, Abteilungsleiterin für Naturschutz im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Stefan Wenzel, Niedersächsischer Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz, Franz Bairlein, Direktor des Instituts für Vogelforschung, Wilhelmshaven, Jaap Verhulst, Vertreter des zuständigen niederländischen Ministeriums, Rüdiger Strempel, Leiter des Gemeinsamen Wattenmeersekretariats, Wilhelmshaven. Foto: J. Wagner/NLPV

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