Zugvögel zwischen Feuchtgebietsschutz und Demokratisierung

Zum vierten Mal in Folge war ein kleines Team der Nationalparkverwaltung in Westafrika, um im Rahmen der „Wadden Sea Flyway Initiative“ die dortigen Kollegen zu unterstützen. Vor Ort machten aktuelle Ereignisse besonders deutlich, dass das Wohlergehen der Zugvögel (und der Handlungsspielraum ihrer Beschützer) eng mit den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen im Lande verknüpft ist. Peter Südbeck und André Kramer berichten über neun spannende Tage in Gambia.
Peter Südbeck (4.v.r.) mit Kollegen in Gambia. Foto: André Kramer

Peter Südbeck (4.v.r.) mit Kollegen in Gambia. Foto: André Kramer

Die Wadden Sea Flyway Initiative (WSFI) wurde 2015 auf Veranlassung der UNESCO ins Leben gerufen in der Erkenntnis, dass ein erfolgreicher Schutz der Wattenmeer-Zugvögel nur möglich ist, wenn der gesamte Zugweg (flyway) der Vögel – von den arktischen Gebieten in Russland oder Kanada bis in die Wintergebiete im Westen und Süden Afrikas hinein - in einem übergreifenden (flyway-weiten) Ansatz betrachtet wird. Denn ein Zugvogel benötigt an jedem Tag in seinem Leben günstige Überlebensbedingungen. Eine Vielzahl von typischen Wattenmeervögeln fliegt zudem nonstop zwischen den Brutgebieten und dem Wattenmeer bzw. dem Wattenmeer und den westafrikanischen Überwinterungsgebieten. Dann fokussiert sich der Bedarf an intakten Gebieten auf nur wenige, deren Erhalt dafür umso wichtiger ist.

Die Initiative ist von einer großen Zahl von vor allem im Wattenmeer tätigen Institutionen unterzeichnet worden. Das Spektrum reicht von lokalen und regionalen Naturschutzorganisationen, wie dem Mellumrat und der Schutzstation Wattenmeer, bis hin zu global aktiven Institutionen wie BirdLife International oder Wetlands International. So wird die Idee eines flyway-weiten Schutzes auf allen Ebenen der Wattenmeerarbeit gelebt. Die Nationalparks Niedersächsisches und Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer haben sich ebenfalls – selbstverständlich – der Initiative angeschlossen, und Peter Südbeck, Leiter der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, ist im Beirat der Initiative aktiv.

Zwei Hauptprojekte bilden das Fundament der Initiative:

  • Monitoring: In niederländischer Verantwortung liegt ein mehrjähriges Großprojekt zum Monitoring der Wasser- und Watvögel entlang des gesamten Zugweges.
  • Strukturen und Kompetenzen entwickeln: Aus bundesdeutschen Mitteln finanziert, koordiniert das Gemeinsame Wattenmeersekretariat (CWSS, Wilhelmshaven) eine Fülle von Aktivitäten in Afrika, die darauf abzielen, die Rahmenbedingungen zum Schutz der Zugvögel dort zu verbessern (capacity building). Dazu zählen Fortbildungsveranstaltungen in Theorie und Praxis und ein direkter Erfahrungsaustausch vieler beteiligter staatlicher und nicht-staatlicher Organisationen in den Ländern vor Ort.

Seit dem Start der Flyway-Initiative haben Niedersachsen und der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer beide Projekte konkret unterstützt, sowohl finanziell als auch durch direkte Arbeit vor Ort, so in der Republik Guinea, der Republik Guinea-Bissau, der Islamischen Republik Mauretanien und zuletzt der Republik Gambia.

Im Januar 2017, zur zweiten groß angelegten koordinierten Mittwinter-Zugvogelzählung entlang des gesamten Flyways, war, wie schon im Vorjahr, ein kleines Team aus dem Nationalpark (diesmal André Kramer und Peter Südbeck) in der Republik Gambia, um dort die Kollegen auf der Mittwinterzählung zu begleiten, Informationen zum Wattenmeer und zum gemeinsamen Erbe der Zugvögel zu vermitteln und die Flyway Initiative vorzustellen.

Partnerschaftlicher Umgang in schwierigem Umfeld

Gambia ist ein sehr armes Land, welches weitgehend von Landwirtschaft und Selbstversorgung geprägt ist. Industrielle Anlagen gibt es so gut wie nicht, ebenso fehlen Bodenschätze oder Energieträger weitgehend. Von einer gewissen wirtschaftlichen Bedeutung ist der Tourismus, bedingt durch das angenehme Klima und Direktflüge aus Großbritannien und den Niederlanden.

Partner der Monitoring-Aktivitäten ist in Gambia das Department of Protected Areas and Wildlife Management, nationale Schutzgebietsbehörde und Landesfachamt für Naturschutz und Biodiversitätsfragen in einem. Alle Aktivitäten erfolgten in enger bilateraler Abstimmung. Über das formal Notwendige hinaus entwickelten sich daraus ein breiter Konsens und ein echtes Miteinander. Gute Laune und schönes Wetter sind für das Gelingen solcher Projekte in nicht immer leichtem Umfeld besonders bedeutsam.

Zum Auftakt der neuntägigen Begegnung traf man sich zum Gespräch mit dem Direktor des Departments. Der anschließende dreitägige Workshop zur Flyway-Initiative ging direkt in die landesweite Zählung der Vogelbestände über. Im theoretischen Teil gab es Vorträge zum Wattenmeer, zur Flyway-Initiative und zur Zugvogelökologie wie auch zu methodischen Fragen. So gilt es z. B., die Anforderungen einzuhalten, die BirdLife an die Dokumentation der Situation in den einzelnen Feuchtgebieten im gesamten Flyway (und hier speziell in ganz Gambia) stellt. Zudem wurde ein praktisches Zähltraining durchgeführt mit dem Ziel, dass die Partner zukünftig unabhängig und eigenständig die erforderlichen Aktivitäten durchführen können und dass die Zählungen und natürlich das Bewusstsein für den Schutz der Zugvögel vor Ort nachhaltig verankert werden.

Gastgeschenke mit Weitsicht

Beim Training zur Zählung von Watvogeltrupps wurde auch die Nutzung von Fernglas und Spektiv geübt. Aufgrund der ökonomischen Situation im Land ist es nicht selbstverständlich, dass die Vogelzähler Ferngläser zur Verfügung haben. Wir waren froh, dass wir zwei Spektive als „Gastgeschenke“ mitbringen und dort zur Verfügung stellen konnten. Auch der im Vorjahr erstellte Flyway-Vogelführer, der die Wasser- und Watvögel Afrikas im Fotoformat vorstellt, tut hierbei gute Dienste und ist als konkretes Ergebnis und Produkt der Initiative besonders wertvoll. (Barlow, C. R. & T. Dodman [2015]: African East Atlantic Flyway Guide – Photographic Field Guide to Waterbirds and Seabirds of Africa´s Western Coastline. Common Wadden Sea Secretariat, Wilhelmshaven, Germany; BirdLife International, Cambridge, United Kingdom; Programme Rich Wadden Sea, Leeuwarden, The Netherlands).

Die eigentliche Zählung erfolgte mit zwei PKW, die jeweils zu sechst genutzt wurden. In zwei Gruppen wurden alle als Wasser- und Watvogellebensraum bekannten bedeutenden Feuchtgebiete aufgesucht und systematisch – soweit es die Weitläufigkeit und Zugänglichkeit überhaupt ermöglichte – erfasst. Für alle Gebiete wurden Gebietscharakteristika, Gefährdungsbeurteilungen und Veränderungen notiert (vgl. BirdLife-Anforderungen, s.o.).

Am Ende der Tour konnte ein gutes, wenngleich sicher nicht vollständiges Ergebnis erzielt werden. Aus unserer Sicht ist es gelungen, mit den verfügbaren Mitteln für dieses sehr kleine Land eine wissenschaftliche und kooperative Grundlage für den Zugvogelschutz zu schaffen. Es stimmt uns froh, dass wir trotz des engen Zeitfensters  einen angemessenen Beitrag unseres Nationalparks für die Flyway-Initiative leisten konnten.

Alte Bekannte inmitten tropischer Vielfalt

Dem Wattenmeer-Ornithologen bietet sich in Gambia natürlich ein zunächst ungewohntes Bild: Großräumige nahrungsreiche Wattflächen fehlen und damit auch die großen Watvogelschwärme. Trotzdem kommen so gut wie alle typischen Watvogelarten des Wattenmeeres in Gambia vor. Quantitativ bleiben die Zahlen jedoch weit hinter denen des Wattenmeeres zurück. Gleichzeitig wird das Artenspektrum durch eine große Anzahl afrikanischer Vögel ergänzt. So trafen wir in einem zentral im Land gelegenen Feuchtgebietskomplex nahe zum Gambia-Fluss einen mittelgroßen Trupp der Spießente - in unmittelbarer Nachbarschaft mit Trupps von zwei Flamingo-Arten, zwei Pelikan-Arten, zwei afrikanischen Kormoranarten und diversen afrikanischen Reiher-, Storch- und Eisvogelarten an.

Die direkte Durchmischung paläarktischer und afrotropischer Faunenelemente (also Vogelarten mit Verbreitungsschwerpunkt in der „Alten Welt“ bzw. in Afrika) ist allenthalben sichtbar und spürbar. Insbesondere eine Fülle von Reiher- und auch Eisvogelarten in typischen Flachwasser- und Wattgebieten kennzeichnet tropische Feuchtgebiete gegenüber den hier bei uns bekannten und vermittelt einen völlig anderen Eindruck.

An den sandig-felsigen Küsten dominieren Seeschwalbenarten, hier treffen dann „unsere“ Fluss- oder Brandseeschwalben auf Raub-, Rüppell- oder Königsseeschwalbe und vermischen sich mit (afrikanischer) Graukopfmöwe, Heringsmöwe, Dünnschnabelmöwe, Sanderling und Pfuhlschnepfe.

Die avifaunistische Zusammensetzung verdeutlicht bereits aus sich heraus die internationale Dimension der Flyway Initiative und verrät dem Betrachter und Zähler, wie bedeutsam es ist, diesen Blick „über das eigene Gebiet hinaus“ zu werfen. Und schaut man dann aufs Land, gibt es dort eine völlig eigene Ornis (Vogelwelt) und Fauna und Landschaft mit Mangroven, Grünen Meerkatzen, Waranen, Nektarvögeln oder Nashornvögeln. Diese naturkundliche Einordnung ist – davon sind wir überzeugt – enorm wichtig, um die Zusammenhänge im Zugvogelschutz auch wirklich begreifbar machen zu können.

Lokal handeln

Naturgemäß sind die Probleme in einem armen und sehr bevölkerten Land gerade in Küsten- und Feuchtgebieten sehr groß, z. B. durch die Entnahme von Austern, Fischerei, Vermüllung, Dammbauten und Trinkwassergewinnung, um nur einige zu nennen. Angesichts des riesigen Bedarfs an Ressourcen, Nahrung, Wasser, nutzbarem Land sind hier Konzepte einer nachhaltigen Landnutzung gefragt, die einer regionalen Entwicklung und Verbesserung des Lebensstandards unter Berücksichtigung von Naturschutzzielen entsprechen. Eine gemeinsame Schutzstrategie der Dorfgemeinschaften vor Ort mit den staatlichen Stellen in Form von „Community based protected areas“ ist ein Modell, welches in Gambia zunehmend eingesetzt wird und in vielen Aspekten unserem UNESCO-Biosphärenreservat entspricht. Auch auf diesen Feldern, bin hin zur finanziellen Wertschöpfung in Schutzgebieten durch naturtouristische Aktivitäten (Gambia ist ein ideales Land für Vogelbeobachter), soll die bilaterale Kooperation fortgesetzt werden.

Politischer Umbruch – hautnah miterlebt

In den Zeitraum unseres diesjährigen Aufenthalts fiel der Termin der Amtsübergabe an einen neuen Präsidenten. 22 Jahre nach dem Putsch, der den bisherigen Präsidenten Yahya Jammeh an die Macht gebracht hatte, und nach einer entsprechend langen Phase autokratischen Wirkens im Land, gab es eine Mehrheit für den Kandidaten der (erstmalig vereinigten) Opposition, Adama Barrow. Allerdings gestaltete sich der Machtübergang nicht wie vom Volk erhofft. Jammeh zweifelte im Nachgang das Wahlergebnis an und verweigerte die Übergabe der Amtsgeschäfte. Der UN-Sicherheitsrat sowie die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft forderten ihn einhellig und unmissverständlich auf, den Posten zu räumen. Militärische Mandate zur Sicherstellung des demokratischen Übergangs wurden erteilt. Nach Ablauf mehrerer Ultimaten und mehrerer diplomatischer Versuche von Staatsoberhäuptern benachbarter Staaten gab es erste Truppeneinmärsche vom Senegal aus. Daraufhin gab Jammeh sein Amt auf und verließ das Land.

Aufgrund dieser Umstände musste die diesjährige Erfassung zeitlich gestrafft und verkürzt werden, um nicht – unvorsichtigerweise – in militärische Aktionen oder Gegenaktionen verwickelt zu werden. Gefahren für uns Beteiligte bestanden jedoch zu keiner Zeit, auch weil die gambischen Kollegen immer sehr gut informiert waren und in größter Umsicht agierten.

Dennoch hinterlassen Rahmenbedingungen wie diese ein schweres Gefühl, wenn man beim Vogelzählen (fast) mit kriegerischen Handlungen konfrontiert wird, und die vermehrten Militärposten bedürfen der ständigen Beachtung und Gewöhnung. Es macht aber vor allem klar, wie verknüpft die Welt und ihre politische Organisation aus der Sicht der Zugvögel sein kann und ist, denn unabhängig von dem, was wir Menschen irgendwo anstellen, benötigen Vögel dennoch (s. o.) entlang des gesamten Zugweges an jedem einzelnen Tag im Jahr günstige Bedingungen. Instabile demokratische oder politische Rahmenbedingungen können so unmittelbar oder mittelbar die Zukunftschancen der Zugvögel beeinflussen und gefährden.

Die gemeinsamen Aktivitäten zur Erfassung und zum Schutz der Zugvögel in Gambia sollen im kommenden Jahr mit neuen, erweiterten Themen fortgesetzt werden.

Peter Südbeck & André Kramer