Ein Schutzkonzept für Kornweihen im Nationalpark

Themen: 
Kornweihen gehören zu den seltensten und am stärksten bedrohten Brutvögeln in Deutschland. Dem niedersächsischen Wattenmeer kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn nahezu der gesamte deutsche Brutbestand der Kornweihe brütet auf den Ostfriesischen Inseln. Zu wissen, wie Kornweihen in ihrem Lebensraum Wattenmeer "funktionieren", ist von grundlegender Bedeutung für den Erhalt der Brutpopulation und für die Erarbeitung eines wirkungsvollen Schutzkonzeptes.
Kornweihe im Flug über den Dünen

Kornweihe im Flug über den Dünen. Foto: Reno Lottmann

Die Ostfriesischen Inseln ohne Kornweihen wären wie das Watt ohne Wattwürmer. Kornweihen sind Greifvögel und eine Charakterart der Dünenlandschaften unserer Wattenmeerinseln. Mit ihrem gaukelnden Flug jagen die oberseits stahlgrau mit schwarzen Handschwingen  gefärbten Männchen entlang der Dünen und auf den Weiden nach Wühlmäusen für ihre brütenden Weibchen und Jungen.

Brütende Kornweihen können in Deutschland fast nur noch im Wattenmeer erlebt werden. Denn diese Greifvogelart  gehört zu den seltensten und am stärksten bedrohten Brutvögeln in Deutschland. Dem niedersächsischen Wattenmeer kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn nahezu der gesamte deutsche Brutbestand der Kornweihe  brütet auf den Ostfriesischen Inseln im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Die Brutpopulation auf den niedersächsischen Wattenmeerinseln hat jedoch in den letzten 10 Jahren sehr stark abgenommen. Die Gründe hierfür sind bisher nicht hinreichend geklärt. Es muss befürchtet werden, dass für die Kornweihenpopulation überlebenswichtige Habitate nicht mehr den Ansprüchen für ein erfolgreiches Brüten genügen. Darüber hinaus sind die Rast‐ und Überwinterungsgebiete unserer ‚Wattenmeer-Kornweihen‘ sowie die dortigen Habitat‐ und Überlebensbedingungen ebenfalls unbekannt.

Zu wissen, wie Kornweihen in ihrem Lebensraum Wattenmeer ‚funktionieren‘, ist aber von grundlegender Bedeutung für den Erhalt der Brutpopulation und für die Erarbeitung eines maßnahmenorientierten und wirkungsvollen Schutzkonzeptes.

Wie erfolgreich brüten die Kornweihen-Paare? Welche Beute verfüttern die Altvögel an ihre Küken? Wo jagen sie nach Beute und wie erfolgreich sind sie in verschiedenen Habitaten? Wo überwintern ‚unsere‘ Kornweihen? In welchen Habitaten und wie sind die Bedingungen dort? Dies sind nur einige der vielen Fragen, die es zu beantworten gilt, wollen wir die Kornweihenpopulation im Wattenmeer effektiv schützen.

Kurz gesagt: Eigentlich wissen, oder vielmehr wussten wir recht wenig über die Kornweihen im niedersächsischen Wattenmeer! Vor diesem Hintergrund und der besonderen nationalen Verantwortung für den Schutz dieser gefährdeten Greifvogelart wurde 2009 ein Forschungsvorhaben der Universität Oldenburg in Kooperation mit der Nationalparkverwaltung ‚Niedersächsisches Wattenmeer‘ mit dem Ziel initiiert, ein detailliertes ökologisches Verständnis der kritischen Entwicklung des Kornweihenbrutbestandes im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer zu erlangen, um die limitierenden Faktoren für die Populationsentwicklung ermitteln zu können. Ziel ist es, Wissenslücken zur Brut‐, Nahrungs‐ und Winterökologie von Kornweihen zu schließen, potentielle Rückgangsursachen aufzuzeigen und daraus einen Maßnahmenkatalog für einen effektiven Schutz von Kornweihen in den Kernhabitaten an unserer Küste abzuleiten.

Farbringe, GPS und Kameras

Aufbauend auf einem seit 2007 bestehendem Farbberingungsprogramm für Kornweihen im niedersächsischen Wattenmeer wurde 2008 mit einem intensiven Bruterfolgsmonitoring begonnen. Das Bruterfolgsmonitoring dient dazu, die jährlichen Reproduktionsraten zu ermitteln. Das bedeutet zum einen die Bestimmung des Schlupferfolges, also der Anteil der geschlüpften Eier im Verhältnis zur Anzahl der insgesamt gelegten Eier. Weiterhin wird der Bruterfolg bestimmt als Anteil der aufgeflogenen Jungen pro brütendes Weibchen. Dafür werden zu Beginn der Brutperiode Kornweihennester auf allen Ostfriesischen Inseln gesucht und in regelmäßigen Abständen auf ihr Schicksal hin kontrolliert. Zudem werden an ausgewählten Nestern Kameras installiert, um das Geschehen am Nest fotografisch zu dokumentieren. Die so erlangten Daten dienen insbesondere der Analyse des Beutespektrums der Jungvögel und des Fütterungsverhaltens der Altvögel.

Das Farbberingungsprogamm dient der Analyse der Populationsdynamik. Kurz vor dem Ausfliegen der Jungvögel werden diese mit individuellen Farbringkombinationen versehen. Mit Hilfe der individuellen Markierung von Kornweihen und ‚Wieder-Beobachtungen‘ dieser farbberingten Tiere im Brutgebiet und außerhalb können u.a. Überlebens- bzw. Sterblichkeitsraten, aber auch Geburtsorts- und Brutplatztreue sowie Dispersionsraten ermittelt werden. Wichtige Fragen in diesem Zusammenhang sind u.a.: Kommen im Wattenmeer erbrütete Kornweihen als Brutvögel auf ihre Geburtsinseln bzw. ins niedersächsische Wattenmeer zurück? Wer brütet mit wem und wie erfolgreich? Wo verbringen ‚Wattenmeer-Kornweihen‘ den Winter?

In den kommenden Jahren werden weitere Detailuntersuchungen auf den Ostfriesischen Inseln durchgeführt. Neben der Weiterführung des Bruterfolgsmonitorings und der Farbberingungsprogamms wird ein Schwerpunkt die Erfassung der Habitatwahl bei der Nahrungssuche mit Hilfe einer innovativen GPS‐LoggerTechnik sowie die qualitative und quantitative Erfassung der Beutepopulationen (v.a. Wühlmäuse und Kaninchen) im Brutgebiet sein. Darüber hinaus wird eine erstmalige Erfassung von Zugbewegungen im Winterhalbjahr mittels Satellitentelemetrie durchgeführt, die bestehende große Wissenslücken zur Winterökologie der Kornweihe schließen soll.

Weitere Kooperationspartner dieses Projektes - neben der Nationalparkverwaltung - sind die niederländische Organisation Sovon – Vogelonderzoek Nederland und die Universität Amsterdam, Computational Geo-Ecology Group.

Dieses Projekt wird finanziert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die Niedersächsische Wattenmeerstiftung sowie durch die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer.

Ansprechpartner: Nadine Knipping, Tel.:  0441-7983075 (Uni Oldenburg)
E-Mail: nadine.knipping (at) uni-oldenburg.de


 

Das könnte Sie auch interessieren

Schweinswal im Nassauhafen, Wilhelmshaven. Foto: Michael Hillmann

Schweinswal im Nassauhafen, Wilhelmshaven. Foto: Michael Hillmann

12.10.2016 Schweinswal In jedem Frühjahr wird Wilhelmshavens „Südküste“ zur Bühne für ein faszinierendes Naturschauspiel: Im Hafen und vor dem Deich sind Schweinswale auf Beutezug unterwegs und zeigen sich dabei immer wieder an der Wasseroberfläche. Mit einer Fotoausstellung wollen die „JadeWale“, eine Gruppe ehrenamtlicher Naturbeobachter, andere mit ihrer Begeisterung für die kleinen Wale anstecken, aber auch für deren Verletzlichkeit und Schutzwürdigkeit sensibilisieren. mehr »

vlnr.: Dr. Juliana Köhler, Ursula Glaser, Gerd Abeldt, Peter Südbeck und Dr. Hans-Ulrich Rösner eröffneten die 8. Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Foto: NLPV

09.10.2016 Zugvogeltage Am Vorabend der Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer lädt die Nationalparkverwaltung traditionell Akteure und Unterstützer zu einer Auftaktfeier ein. Auch in diesem Jahr konnte Nationalpark-Leiter Peter Südbeck über hundert Gäste aus Politik, Verwaltung, Touristik, Verbänden und Umweltbildung im Wattenmeer Besucherzentrum Wilhelmshaven begrüßen. mehr »
Startklar: Die Pfuhlschnepfe, Symbolvogel der Zugvogeltage. Foto: Edgar Schonart

Startklar: Die Pfuhlschnepfe, Symbolvogel der Zugvogeltage. Foto: Edgar Schonart

05.10.2016 Zugvogeltage Am kommenden Samstag ist es endlich soweit: Die 8. Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer beginnen! Naturfreunde aus nah und fern haben dann wieder neun Tage lang Gelegenheit, unter fachkundiger Begleitung Zugvögel zu beobachten und bei Exkursionen, Seminaren und Vorträgen Spannendes über das Phänomen Vogelzug zu erfahren. Dabei wird die weltumspannende Dimension des Vogelzuges nicht nur wissenschaftlich, sondern auch kulturell vermittelt. So gibt es musikalische und kulinarische Angebote aus den Ländern des Ostatlantischen Vogelzugs, vor allem aus dem diesjährigen Schwerpunktland Schweden. mehr »
Uferschnepfe Foto André Kramer

Uferschnepfe. Foto: André Kramer

22.09.2016 Wiesenvogelschutz, Borkum, LIFE+ In den kommenden Wochen sind im Bereich des Tüskendörsees auf Borkum Baumaschinen am Werk: Am heutigen Donnerstag machten Projektleiter Heinrich Belting vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und Gundolf Reichert, Brutvogelexperte der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, den ersten Spatenstich zur Umsetzung eines gemeinsamen Bauprojekts zur Verbesserung der Lebensbedingungen für die Uferschnepfe und andere Wiesenvögel. mehr »

Ein weiteres Stück im großen Puzzle für das Weltnaturerbe Wattenmeer ist geschafft. V.l.n.r.: Nationalpark-Leiter Peter Südbeck, Sonja Wolters, Leiterin des Besucherzentrums, Umweltminister Stefan Wenzel, Bürgermeister Frank Ulrichs und Carl-Wilhelm Bodenstein-Dressler, Geschäftsführer des BUND-Landesverbandes. Foto: Nationalparkverwaltung

03.08.2016 Watt Welten, Norderney, Infozentren Der Niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel war heute zu Gast bei den „Watt Welten“ auf Norderney. Anlass des Besuchs war die Umwidmung des Nationalpark-Hauses in ein UNESCO Weltnaturerbe Wattenmeer Besucherzentrum. Damit bekommen die „Watt Welten“ eine neue Bedeutung im Sinne der Richtlinie über die Informationseinrichtungen in niedersächsischen Nationalparks und Biosphärenreservaten und erhalten eine jährliche Förderung von 145.000 Euro. mehr »