Kulturgeschichte des Wattenmeeres

Die Nationalparkverwaltung ist Kooperationspartner in einem spannenden Forschungsprojekt des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung (NIHK) zur Besiedlungs- und Kulturgeschichte des Niedersächsischen Wattenmeerraumes. Aufmerksame Wattläufer können das Projekt mit eigenen Beobachtungen unterstützen.
Einsatz eines Geomagnetikgerätes im Watt

Das im Juli 2012 gestartete Vorhaben zielt auf die systematische archäologische Erforschung des kulturellen Erbes im Wattenmeer ab. Durch die Auswertung geologischer Basisdaten wird zudem die Rekonstruktion von Landschaftsveränderungen vorgenommen sowie das archäologische Forschungspotential in einzelnen paläogeographischen Zonen aufgezeigt. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen Luftbildauswertung, Literaturrecherche und Bestandssichtung von Privatsammlungen zur Erfassung archäologischer Strukturen, die anschließend durch Geländebegehungen gezielt überprüft werden. Das über eine Laufzeit von drei Jahren vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderte Projekt wird von Julia Goldhammer (Archäologie) und Martina Karle (Geologie) am NIhK gemeinsam mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege in Kooperation mit der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer durchgeführt.

Hintergrundinfos zum Projekt

Küste im Wandel

Das Wattenmeer ist eine dynamische Landschaft, die ständigen Änderungen unterworfen ist. Sie wird in hohem Maße durch die Gezeiten der Nordsee geprägt. Erdgeschichtlich betrachtet ist das Wattenmeer eine sehr junge Formation. Es entstand als unmittelbare Folge des nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstiegs im Bereich der heutigen Nordsee. Verlief die Küstenlinie vor 12.000 Jahren noch zwischen Schottland und Nordjütland, so war rund 5.000 Jahre später der größte Teil des einst bewohnten Nordseebeckens überflutet. Seitdem bildete sich die heutige Küstenlandschaft mit Watten, Marschen und Inseln aus.

Geschichte(n) im Watt entdecken

Das Meer ist seit jeher ein wichtiger Wirtschaftsraum für den Menschen. Daher kommt der Küstenregion eine besondere Bedeutung als Siedlungsgebiet zu. Die Vorteile, welche fruchtbares Weideland bot, überwogen die Risiken katastrophaler Überflutungen. Wiederholt sah sich der Mensch gezwungen, auf naturräumliche Veränderungen zu reagieren. Durch die Verschiebung der Küstenlinie in Richtung Binnenland mussten ehemals bewohnte Gebiete aufgegeben werden. Diese liegen heute in Meeresablagerungen eingebettet. Ein Teil der Geschichte des Lebens an der Küste ist somit im Watt verborgen.

Watt ist mehr, als man sieht

Dokumentation von Steinblöcken im Watt
Nach dem Abschmelzen des Eises begann der Mensch im frühen Holozän, den Küstenraum zu nutzen. Die Funde reichen von der Steinzeit bis in die Neuzeit. Im feuchten Watt erhalten sich Funde aus organischem Material besonders gut. Dadurch sind Siedlungen oftmals komplexer als an anderen Fundorten bewahrt. Sie erlauben somit einzigartige Einblicke unter anderem in die Bauweise von Gebäuden und die Art der Ernährung.

Gezeiten als Chance und Risiko

Die durch das Meer zunächst bedrohten, schließlich vom Menschen aufgegebenen Lebensräume des Menschen wurden im Laufe der Zeit von marinen Sedimenten überdeckt. Aufgrund der besonderen Strömungsbedingungen im Watt lagern sich vorwiegend Sand und Schlick ab. In ihnen werden archäologische Reste dauerhaft eingebettet. Sturmfluten und andere Erosionsereignisse bergen das Risiko, sie vollständig zu zerstören, aber auch die Chance, sie zu entdecken. Daher sind freigelegte Funde im Watt besonders gefährdet und müssen umgehend dokumentiert werden.

Warum wir bisher so wenig wissen

Das Watt ist zwar ein einzigartiges Archiv für die Erforschung des kulturellen Erbes der Menschheit. Die Gezeiten erlauben aber nur kurze und oberflächennahe Untersuchungen in diesem besonderen Naturraum. Die derzeit bekannten Funde verdanken wir zumeist Hinweisen einzelner Wattwanderer, Heimatforscher oder Mitarbeiter anderer im Wattenmeer tätigen Institutionen. Der Fundzuwachs der letzten Jahre macht systematische archäologische Untersuchungen dringend erforderlich.

Potential mit Perspektive

Anliegen der Forscher ist es, bis 2015
• archäologische Fundstellen im Watt systematisch zu erfassen,
• Landschafts- und Siedlungsveränderungen zu rekonstruieren,
• archäologisches Forschungspotential einzelner Teile des Wattenmeeres aufzuzeigen.

Mit diesem Projekt wird ein Beitrag dazu geleistet, aktuelle Nutzungskonzepte mit der kulturhistorischen Bedeutung dieser einzigartigen Landschaft in Einklang zu bringen. Somit können Gebiete mit besonderer archäologischer Fundstellendichte und –qualität bei zukünftigen Planungszwecken berücksichtigt werden.

Ein Fund – was nun?

Die Kulturgeschichte des Wattenmeeres gleicht einem großen Puzzle. Jede neue Information kann helfen. Wenn Sie etwas finden, was von archäologischem Interesse sein könnte, teilen Sie das bitte dem NIHK telefonisch oder per email mit:

Ansprechpartner
Niedersächsisches Institut für historische Küstenforschung
Viktoriastraße 26/28, 26382 Wilhelmshaven

Julia Goldhammer (Archäologie)
e-mail: julia.goldhammer@nihk.de
Telefon: 04421/915-113

Dr. Martina Karle (Geologie)
e-mail: karle@nihk.de
Telefon: 04421/915-156