12.06.2013

Schlickgras & Mutterkorn

In Mai 2013 wurde in den Medien ausführlich über das Vorkommen des giftigen Mutterkorn-Pilzes (Claviceps purpurea) auf dem Englischen Schlickgras (Spartina anglica) berichtet. Hier möchten wir Ihnen einige Hintergrundinformationen zu diesem Thema an die Hand geben.
Schlickgras an seinem typischen Standort: Schlickwatt am Rande eines Priels

Vorkommen von Mutterkorn auf Schlickgras sind seit einiger Zeit bekannt. Der Pilz, der für das sogenannte Mutterkorn verantwortlich ist, ist eine einheimische Art, die auf einer Vielzahl von Gräsern als Parasit lebt. Untersuchungen am Institut für Botanik der Universität Hannover haben ergeben, dass Mutterkorn auf Schlickgras an der gesamten Wattenmeerküste verbreitet ist. Weiterhin wurde festgestellt, dass Mutterkorn auf dem Schlickgras genauso giftig ist wie auf Getreide. Die Anzahl von Dauerformen des Pilzes (Sklerotien genannt) sind auf Schlickgras sogar höher als auf Getreide.

Wo wächst das Schlickgras?

Schlickgras ist eine weit verbreitete Grasart an der gesamten Wattenmeerküste. Wie der Name bereits andeutet, wächst das Schlickgras auf schlickigem Boden. Der Schwerpunkt der Verbreitung liegt nahe der Mitteltide-Hochwasserlinie (MTHW-Linie) im Bereich des sogenannten Quellerwatts – das ist der Bereich des Watts, der an die dicht bewachsenen Salzwiesen heran reicht. Ein Betreten der Schlickflächen ist an einigen Orten mit bis zu knietiefem Einsinken verbunden.

Einige Bestände des Schlickgrases reichen auch bis in die Untere Salzwiese. Deutlich seltener findet sich Schlickgras am Fuß von Deichen, wenn kein Vorland vorgelagert ist, oder benachbart zu künstlich aufgeschütteten Badestränden. Auch entlang von Wattwanderrouten können kleinere Horste der Pflanzen wachsen. Das Schlickgras bildet im Watt wie auch in der Unteren Salzwiese überwiegend stabile Bestände aus lediglich dieser einen Pflanzenart.

Der überwiegende Teil der Standorte liegt in den streng geschützten Ruhezonen des Nationalparks, die ohnehin grundsätzlich nicht betreten werden dürfen.

Von Menschen und vom Vieh genutzte Bereiche liegen dagegen in der Regel in Oberen Salzwiesen, in denen wie beschrieben das Schlickgras normalerweise nicht oder nur selten vorkommt. Die Blätter des Grases sind zudem scharfkantig, so dass man den Kontakt von sich aus eher meiden wird.

Vergiftung sehr unwahrscheinlich

Das auf dem Gras vorkommende Mutterkorn, beinhaltet ein Gift, das sogenannte Mutterkorn-Alkaloid. Es wirkt nicht als Kontaktgift über bloße Berührung, sondern erst durch Herunterschlucken.

Schlickgras wird weder von Mensch noch Tier als Nahrungspflanze genutzt. In Verbindung mit den oben beschriebenen Vorkommen des Schlickgrases ist ein möglicher Kontakt zwischen Mutterkorn und Mensch oder Haustier daher als sehr unwahrscheinlich einzuschätzen. Ob das Mutterkorn auf Schlickgras eine Bedrohung für wildlebende Tiere ist, ist nicht genau bekannt. Bisher gibt es dazu allerdings keine Anzeichen.

Giftpflanzen gibt es auch anderswo - Kinder müssen damit unmgehen lernen

In unserer Umwelt gibt es verschiedene giftige Pilze und Pflanzen, von denen auch mehrere Arten in unseren Gärten und Parkanlagen angepflanzt werden. Es ist sehr wichtig, das Wissen um diese Pflanzen zu vermitteln, vor allem auch an Kinder. Sie sollten grundsätzlich dazu angehalten werden, nichts in den Mund zu stecken, was sie nicht kennen. Dann besteht auch kein Risiko einer Vergiftung.

Wo kommt das Englische Schlickgras her?

Die Geschichte der heutigen Schlickgrasbestände im Wattenmeer von den Niederlanden bis nach Dänemark beginnt übrigens in Amerika. Um 1870 wurde die Schlickgrasart Spartina alternifolia aus Amerika nach Südengland eingeführt. Die Pflanze sollte bei der Landgewinnung helfen, dies erwies sich als aber nicht erfolgversprechend. Aus Spartina alternifolia und dem in Europa typischen Spartina maritima entwickelte sich der Hybrid Spartina anglica – das Englische Schlickgras, der sich im letzten Jahrhundert relativ schnell im gesamten Wattenmeer ausbreitete. Das Englische Schlickgras gilt somit als nicht heimische, sondern als sogenannte neophytische Pflanzenart. Auch in anderen Regionen der Welt wächst Schlickgras, das vom Mutterkorn-Pilz befallen wird.


Exkurs: Bedeutung von Schlickgras aus Naturschutzsicht

Schlickgrasbestände „Spartinion maritimae“ stehen als Lebensräume unter dem besonderen Schutz des europäischen Naturschutzrechts (FFH-Richtlinie, NATURA 2000). Der Schutz bezieht sich allerdings auf Bestände, die im Wesentlichen von der einheimischen Art Spartina maritima geprägt sein. Dies kommt jedoch in Deutschland wahrscheinlich nicht mehr und in den Niederlanden nur noch selten vor. Schlickgrasbestände im gesamten Wattenmeer von den Niederlanden bis nach Dänemark werden überwiegend vom Englischen Schlickgras (Spartina anglica) gebildet.
Das Natura 2000 Handbuch schlägt für eine Novellierung der Natura 2000 Lebensraumtypen vor, den Lebensraumtyp zukünftig auf die in Europa ursprüngliche Art zu beschränken. Das wird auch im Quality Status Report 2009 der trilateralen Wattenmeerzusammenarbeit gefordert. Im Watt kommt das Schlickgras an Standorten vor, an denen in gleicher Lage auch der FFH-Lebensraumtyp Quellerwatt vorkommt. Man kann davon ausgehen, dass die Schlickgrasbestände zur Verdrängung von Quellerwatt führen können.
Dennoch sind Maßnahmen zur Eindämmung des Englischen Schlickgrases aufgrund der heute flächenhaften Verbreitung ihrer Bestände sowie negativer Auswirkungen möglicher Maßnahmen auf andere Tier- und Pflanzenarten nicht Erfolg versprechend und daher nicht empfehlenswert.