21.09.2010

Herbstkollektion der Federkleider

In der Reihe „Nationalpark für Entdecker“ berichtet Ihnen die Nationalparkverwaltung diesmal von einem der größten Kleiderwechsel weltweit.
Graugans und Wiesenpieper - alle Vögel müssen mausern

Wenn Sie jetzt im Herbst mit wachem Auge am Spülsaum der Nordsee entlanglaufen, werden Sie eine große Zahl ganz unterschiedlicher Federn finden. „Wer wurde denn hier gerupft?“ mag man denken und sucht den Rest des „Opfers“. Keine Sorge - die meisten dieser Federn im Spülsaum sind ganz natürlicherweise dort zu finden, als Ergebnis eines wundervollen Vorgangs der Natur: der Mauser des Vogel-Federkleides.

Federn stehen für eine Vielzahl von Anpassungen, die die Vögel im Verlaufe ihrer Evolution erreicht haben: Federn isolieren gegen Kälte und Wärme, Federn verhindern, dass ein Schwimmvogel durchnässt wird, und Federn erlauben den Vögeln zu fliegen. Aber damit nicht genug: Federn machen die Vögel schön – meistens die Männchen, eher selten nur die Weibchen. Die oft ganz auffälligen Federfarben sind optische Signale für die innerartliche Kommunikation, z.B. von Austernfischer zu Austernfischer. Ebenso können sich Vögel durch ihr Federkleid perfekt tarnen und sich und ihr Nest wirkungsvoll vor Beutegreifern schützen.

Alle diese Funktionen können die Federn nur erfüllen, wenn sie in einem guten Zustand sind. Das heißt, sie müssen gut gepflegt werden, was sich bei allen Vögeln mehrmals am Tag beobachten lässt. Ein ausführliches Bad mit anschließendem Federputz ist eine immer wieder zu beobachtende Vogel-Aktivität. Doch selbst bei bester Pflege hält die einzelne Feder nur etwa ein Jahr. Gerade in unserer rauen Gegend mit ständigem, starkem Wind, im Salzwasser und unter intensiver Sonneneinstrahlung wird das Federkleid stark beansprucht. Dann muss es erneuert werden: es wird gemausert, und das gilt für alle Federn auf dem Vogelkörper.

Um das Prinzip und das Problem der Mauser verstehen zu können, muss man sich einige Zahlen vergegenwärtigen: ein kleiner Singvogel wie z. B. der Haussperling trägt im Winter im frischen neuen Federkleid etwa 3.500 einzelne Federn am Leib. Diese machen mehr als 5 % des gesamten Körpergewichtes aus. Im Laufe des Jahres verliert der Vogel einige Hundert Federn und die übrigen werden durch die Belastungen während des Fluges sowie durch Wind und Wetter abgenutzt, abrasiert und verkürzt. Das Federkleid wiegt dann nur noch ca. 2/3 des Ausgangswertes, also ein enormer Verlust im Verlaufe des Jahres. Große Vögel haben natürlich sehr viel mehr Federn: Über 25.000 Federn finden auf einem Schwanenkörper ihren Platz. Bei unseren Wattenmeervögeln liegt die Federzahl – je nach Größe - zwischen Spatz und Schwan.
Die einzelnen Federn sind sehr unterschiedlich aufgebaut. Die großen und auffälligen Schwanz- oder Flügelfedern unterscheiden sich sehr von den ganz kleinen Federn, die den Kopf eines Alpenstrandläufers zieren. Man muss sich bewusst machen, dass der Austausch aller Federn auf einem Vogel eine enorme Belastung des kleinen Vogelkörpers bedeutet. Federn bestehen aus Horn, sind also im ausgewachsenen Zustand ein totes Gebilde. Aber bis es soweit ist, muss der Körper eine Menge Energie für ihr Wachstum aufbringen. Das bedeutet, Mauserzeit ist Stresszeit und die Vögel brauchen alle Kraft zur Erneuerung des Federkleides. Die meisten Vögel mausern ihr Gefieder nach einem artspezifisch streng festgelegten Muster, das ihnen erlaubt, die Flugfähigkeit zu behalten und während der Mauser nicht zu frieren. Einige Arten ziehen sich jedoch zur Großgefiedermauser in entlegene, ungestörte Bereiche zurück. Dort werfen sie alle Flügelfedern auf einmal ab und können dann einige Woche nicht fliegen. Im Wattenmeer ist die Brandente das Paradebeispiel dafür.

Bei den meisten Arten beginnt die Mauser nach der Brutzeit im Sommer, um für den Vogelzug mit den wichtigsten Federn ausgerüstet zu sein. Und so häufen sich die Federn im Spülsaum gerade jetzt, bevor es für die Möwen oder Eiderenten auf die große Reise geht. Für den Strandwanderer lohnt es sich also, Federn zu suchen und so zu entdecken, welche Arten hier gerade mausern. Und einen Eindruck davon zu bekommen, welche ungeheuren Vogelzahlen den Nahrungsreichtum des Watt und den Schutz des Nationalparks nutzen, um ungestört den ebenso wichtigen wie energieaufwändigen Vorgang des Kleiderwechsels zu vollziehen.

Bei den Zugvogeltagen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer im Herbst haben Sie auf vielen Veranstaltungen die Gelegenheit, Federn zu suchen, zu bestimmen und mehr zu erfahren über die Faszination der Vogelfeder.
Viel Spaß beim „Federlesen“ wünscht Ihnen Ihre Nationalparkverwaltung
 

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