Weltnaturerbe Wattenmeer: Ökosystem und Prozesse

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Das Wattenmeer ist eines der letzten verbleibenden natürlichen großräumigen Ökosysteme in Europa, in welchem natürliche ökologische und biologische Prozesse auch heute noch ungestört ablaufen
Dünenentwicklung auf der Kachelotplate

Bedeutende im Gang befindliche ökologische und biologische Prozesse in der Evolution und Entwicklung von Ökosystemen sowie von Pflanzen- und Tiergemeinschaften im niedersächsischen Wattenmeer (Kriterium IX Richtlinien Welterbeanmeldung)

Ob in den ausgedehnten Dünenlandschaften der Ostfriesischen Inseln, den Salzwiesen des Jadebusens und den Watten vor Cuxhaven: Überall lässt sich ein breites Spektrum an ausgezeichneten Beispielen für biogeomorphologische Prozesse finden. Diese Übergangswelt zwischen Land und Meer ist durch die ständige Veränderung infolge von Ebbe und Flut, starke Schwankungen des Salzgehaltes, hohe Temperaturen im Sommer und gelegentlicher Eisbedeckung im Winter gekennzeichnet. Folge dieser Verhältnisse sind zahlreiche ökologische Nischen, die von Arten besiedelt werden, welche an extreme Umweltbedingungen angepasst sind. Die besonderen Verhältnisse und Entwicklungen, die auf großer Fläche ungestört ablaufen können, bieten damit den Raum für Evolutionsvorgänge und deren Studium.

Mit seinen Ästuaren, Salzwiesen und insbesondere seiner breiten, von tiefen Rinnen durchzogenen Gezeitenzone, wirkt das Wattenmeer als gigantisches Küstenfiltersystem. Dabei wird Süß- und Meerwasser vermischt und mit den Gezeiten hin- und her gespült. Gewaltige Mengen an Sedimenten und organischen Stoffen werden transportiert und zum großen Teil abgelagert. Zusammen mit den Nährstoffen und den Nahrungspartikeln aus dem Einzugsgebiet und den Atlantikgewässern bilden sie die Basis des enormen Nahrungsangebotes und damit den "Treibstoff" für eine außergewöhnlich hohe Primär- und Sekundärproduktion.

Muschelbank, Hohe-Weg-Watt

Der Reichtum geomorphologischer und biogener Strukturen ist das Ergebnis natürlicher Prozesse wie Gezeiten, Wind, Meeresströmungen, Wellen und eine Reihe von weiträumigen biologischen Abläufen, wie der Entstehung großflächiger Muschelbänke. Infolge des ungestörten Ablaufs dieser Prozesse werden Strukturen nicht nur bewahrt, sondern entstehen auch immer wieder neu. Mit der Folge, dass im Gesamtsystem alle Sukzessionsphasen der verschiedenen Lebensräume immer wieder neu vertreten sind. Auf allen Ostfriesischen Inseln kann man die unterschiedlichen Stadien der Dünenentwicklung, von der Embryonaldüne am Strand bis zur vom Wind angerissenen und wieder zerfallenden alten Braundüne im Inselinnern nachverfolgen. Aber auch ein Eiswinter, der im Watt eine alte Muschelbank "abrasiert" und Platz schafft für die Ansiedlung von Jungmuscheln, kann zu einem solchem Neubeginn der Sukzessionsreihe führen. Im niedersächsischen Wattenmeer befinden sich an die 100 stabile Muschelbankstandorte, von denen einige z. B. bei Wattwanderungen erkundet werden können.

Wegen der geringen Wassertiefe in dem Gebiet und der allmählichen Übergänge zwischen Land und Meer liegt eine starke Wechselbeziehung zwischen den Lebewesen und den geomorphologischen Prozessen (Biogeomorphologie) vor. Pflanzen und Tiere sind an spezielle Umweltbedingungen insbesondere an Schlick- oder Sandsedimente mit ihren spezifischen Lebensbedingungen angepasst und treten daher an bestimmten Orten in großer Zahl auf. Insgesamt setzt die sich ständig verändernde Landschaft bei den Organismen eine entsprechende Anpassungsfähigkeit voraus.

Gleichzeitig beeinflussen einige Organismen ihre Umwelt als "Ökosystem-Ingenieure". Von besonderem Interesse sind hierbei die Muschelbänke. Sie bilden eine biogene Struktur aus, die die Morphologie der Watten erheblich beeinflusst, indem sie das Sediment stabilisieren, dessen Erosion verhindern und Schlick aktiv binden.

Aber auch Arten wie der Wattwurm, der mit seinen typischen Sandkringeln sogar Landschaftsbild prägend für das Watt ist, sind ein Beispiel für die komplexen biogeomorphologischen Prozesse und Zusammenhänge. Nicht nur, dass er durch sein milliardenfaches Vorkommen Nahrungsgrundlage für Fische, Krebse und Vögel ist. Durch seine Wühltätigkeit destabilisiert der Pierwurm die Wattoberfläche und verhindert damit einerseits, dass sich Arten dauerhaft ansiedeln können, die auf stabilere Verhältnisse angewiesen sind. Andererseits ist Dynamik und damit Instabilität ein wesentliches Merkmal des Ökosystems Wattenmeer, das ohne diese Dynamik nicht nur sein "Gesicht", sondern auch einen Teil seiner Funktionen verlieren würde. Daher ist der Pierwurm nicht nur von Bedeutung für Arten, die ohne ihn hier nicht vorkommen würden, sondern verdient darüber hinaus durch die Schaffung eines biogenen Lebensraums als "Ökosystem-Ingenieur" besondere Beachtung. Die Wühltätigkeit des Wattwurms, durch die der Wattboden eines dicht besiedelten Gebiets 10 bis 20mal pro Jahr "umgegraben" wird, dient seinem Nahrungserwerb, so dass gleichzeitig aus dem Wattboden große Mengen organischer Substanz aufgenommen werden. Die Funktion von Muschelbänken und Wattwurm lassen sich bei einer geführten Nationalpark - Wattwanderung ins küstennahe Watt oder zu den Inseln gut kennenlernen. Solche Führungen werden in den Nationalparkhäusern und in vielen Orten an der niedersächsischen Küste und auf den Ostfriesischen Inseln angeboten.

Auf den Watten sind die Kleinstlebewesen (Mikrobiota) überaus vielfältig, wohingegen nur wenige Arten der Makroflora (z.B. Seetang, Seegras) und Makrofauna (z.B. Muscheln, Würmer, Schnecken, Krebse) an diese extreme Umwelt angepasst sind. Diese sind allerdings in außergewöhnlich hohen Zahlen anzutreffen. Die Produktivität des Wattenmeeres erreicht in Bezug auf die Biomasse mit die höchsten Werte der Welt. Die hohe Produktion leicht konsumierbarer benthischer und planktonischer Nahrung führt zu enormen Dichte an marinen Wirbellosen in der Tidezone des Watt, die wiederum für Konsumenten von außerhalb außerordentlich attraktiv sind. Dies erklärt die dichten Schwärme von Garnelen und kleinen Fischen sowie die spektakulären Vogelschwärme, die sich hier ansammeln.

Ein reichhaltiges Nahrungsangebot, günstige Temperaturen im Flachwasser im Frühjahr, das Fehlen großer Raubfische; all diese Faktoren tragen zu einer hohen Produktion von Nachkommen bei Fischen bei. Das Wattenmeer ist daher ein bedeutendes Reproduktionsgebiet für Seezunge, Scholle und Kliesche. Für Arten wie Flunder, Stint und Aal, die im Verlauf ihres Lebenszyklus zwischen Binnengewässern und dem offenen Meer pendeln, stellt das Wattenmeer einen bedeutenden Zwischenstopp dar.

Marine Organismen haben sich in der gesamten Tidezone durchgesetzt. Wegen des reichhaltigen Angebots kann das marine Nahrungsnetz auch genügend Nahrung für Watvögel, Möwen, Enten und Gänse bieten. Dabei wird das Watt als Zwischenstopp zwischen weit auseinander liegende Ökosysteme auf dem Ostatlantischen Zugweg genutzt. Einige Vogelarten überwintern im Wattenmeer. Auch wenn der Verfügbarkeit von Nahrung entscheidende Bedeutung zukommt, liegt es nicht nur an der hohen benthischen Biomasse, welche die enorme Zahl von Vögeln ermöglicht. So kann die Nahrungsverfügbarkeit je nach Wetter, Störungen und konkurrierenden Arten stark schwanken, die ungeheure Ausdehnung der zusammenhängenden Tidezone sorgt jedoch bei Ausfall einer bestimmten Stelle für ausreichend Alternativen.

Die heutige Form des Wattenmeeres ist in erster Linie das Ergebnis natürlicher Kräfte. Es gibt andere Küstengebiete mit ähnlichen Ökosystem- Funktionen, keines davon reicht jedoch in Bezug auf einen solch großen und zusammenhängenden Bereich intertidaler Lebensräume von derart hoher Vielfalt auch nur annähernd an das Wattenmeer heran.

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