Gemeinsam einsam

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Im Herbst und Winter haben Wanderer an den Stränden der Ostfriesischen Inseln vertraute Kameraden: die Sanderlinge. Die Vögel begegnen uns bei ausgedehnten Spaziergängen an der Wasserkante, verschwinden dann plötzlich, um an anderen Stellen wieder zu uns zu stoßen.

Diese freundlichen Begleiter im oft tristen Herbstleben haben eine lange Reise hinter oder noch vor sich. Sie brüten in der hohen Arktis, in der Flechtentundra Kanadas, Grönlands und Sibiriens. Und sie überwintern mal hier, mal dort. Wir können sie in der Kapprovinz Südafrikas genauso finden wie in Mauretanien, Marokko oder Algerien, aber eben auch am Strand der Ostfriesischen Inseln. Und es ist überhaupt nicht klar, ob derselbe Vogel die einmal gewählte Entscheidung zum Überwinterungsplatz beibehält oder im nächsten Winter ganz woanders hinzieht. Das Unstete ist das Stetige im Leben des Sanderlings.
In vielerlei Hinsicht ist der Sanderling ein Sonderling. Er gehört zu den Strandläufern und macht als einziger diesem Gattungsnamen alle Ehre: Während der Alpenstrandläufer und andere Verwandte in großen Trupps das Watt aufsuchen, nutzt der Sanderling die Strandseiten der Inseln. Dort holt er sich, was die Wellen an den Strand bringen: kleine Krebse, Muscheln und Schnecken, Fluginsekten, Fliegen, Reste toter Strandkrabben oder Garnelen. Dabei is(s)t er ungeheuer flink: In Sekundenschnelle läuft er den kleinen Happen hinterher, schnappt sie – und weicht zurück vor der nächsten Welle. So läuft er immer hin und her, um dem auflaufenden Wasser die Nahrung zu entlocken. Angesichts seiner Schnelligkeit verwundert es nicht, dass er – im Unterschied zu den anderen Watvögeln – Insekten aus dem Flug heraus fangen kann.
Meistens sieht man die Sanderlinge in kleinen Gruppen entlang der Wasserkante laufen. Wie ein eingespieltes Team sieht es aus, wenn gleich mehrere der zierlichen Vögel der Welle folgen. Aber der Schein trügt: Jeder ist sich selbst der nächste, keiner weiß, ob die gerade angespülten Leckerbissen alle Vögel satt machen. Ein Sanderling-Trupp ist daher keine Freundschaftsbande, sondern eine bloße Ansammlung von Individualisten, die alle ihrem persönlichen Interesse nachgehen. Wer die Vögel genau beobachtet, sieht, dass sie sich regelmäßig gegenseitig verfolgen und aggressiv vertreiben. Dann hört man auch ein leises „wit-wit“, frei übersetzt: „Hau ab“! Freundschaft sieht anders aus.
Und wenn Sie morgen wiederkommen, um die vermeintlich selben Vögel zu beobachten, können Sie fast sicher sein, dass der Trupp ganz oder teilweise aus anderen Individuen besteht als am Vortag. Auch daran erkennt man, dass jeder Sanderling hier „sein eigenes Ding“ durchzieht. Der kanadische Vogelforscher J.P. Myers kommt in seiner Arbeit zu dem traurigen Fazit: „Sanderlinge haben keine Freunde!“ So zeigt sich wieder einmal: Man muss schon genau hinsehen, um hinter die Oberfläche der Natur zu blicken. Gut, dass es dazu den Nationalpark gibt.
 

Der Nationalpark für Entdecker (Nr. 49 / 04. Dezember 2006)

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