26.05.2011

Aale - rätselhaft und bedroht

Dr. Klaus Wysujack vom Institut für Fischereiökologie des Johann Heinrich von Thünen-Instituts hat im März und April an der Fahrt des Fischereiforschungsschiffes Walter Herwig III in die Sargasso-See teilgenommen. Auf dem Labortisch hat er Aale (Anguilla anguilla) häufig, auf dem Esstisch vielleicht einmal im Jahr, gebraten lieber als geräuchert.

„Der Aal ist einer unserer bekanntesten und beliebtesten Fische. Er ist auch ein Wattenmeerfisch. Früher gab es einen echten Aalbestand in der Deutschen Bucht, der in den 1960er und 1970er Jahren auch kommerziell befischt wurde.

In der Biskaya werden gegenwärtig jährlich nur noch etwa 40 Tonnen Glasaale gefangen, etwa 7 Tonnen (rund 20 Millionen Tiere) sind nach den Angaben der deutschen Aalbewirtschaftungspläne für Besatzzwecke in Deutschland erforderlich. Für ein Kilogramm Glasaale werden 600 Euro gezahlt.
Der Aal ist der einzige Fisch im Bereich der Binnenfischerei, für den es eine eigene Verordnung der EU gibt. Sie verlangt von den Mitgliedstaaten, dass die Zahl der zum Laichen abwandernden Blankaale – verglichen mit dem vom Menschen unbeeinflussten Zustand – mindestens 40 % der früheren Mengen entspricht. Dafür muss jedes Land eigene Managementpläne entwickeln.

Aale haben einen außergewöhnlichen Lebenszyklus. Die alten Tiere laichen in der Sargasso-See, im westlichen Nordatlantik, 5.000 - 6.000 Kilometer von den europäischen Küsten entfernt. 2 - 3 Jahre später sind die zunächst weidenblattförmigen Larven zu 7 Zentimeter langen Glasaalen herangewachsen und kommen an Europas Küsten, besonders viele in die Biskaya. Die Fische bleiben dann zeitlebens in den Küstengewässern oder wandern in die Binnengewässer ein. Sie bekommen eine dunkle Haut, wachsen und bleiben als Gelbaale etwa 6 - 12 Jahre in unseren Gewässern. In Südeuropa ist diese Spanne kürzer, in Nordeuropa deutlich länger. Dann wandeln sie sich zum Blankaal und wandern zum Laichen zurück in die Sargasso-See. Ihr Verhalten dort ist weitgehend unbekannt. Fischereiforschungsschiffe verschiedener Nationen waren bereits in dem Seegebiet, aber ein laichender Aal wurde noch nie gefangen.

Die Bestandssituation des Aals ist sehr kritisch. Das heutige Glasaalaufkommen entspricht 1 % der Höchstwerte Ende der 1970er Jahre und 3 - 5 % des langjährigen Mittels. Die Fänge von Gelbaalen sind auf 15 - 20 % der früheren Erträge zurückgegangen. Das ist im Vergleich zum Glasaalaufkommen relativ hoch, weil in der Biskaya, in Frankreich, Portugal und England Glasaale gefangen werden, die als Besatzaale in unsere Gewässer gesetzt werden. In der Havel kommen beispielsweise auf einen natürlich eingewanderten Aal etwa sechs Aale, die dort eingesetzt wurden.

Das Verbreitungsgebiet des Europäischen Aales reicht von Nordafrika bis nach Norwegen und Island. Überall gehen die Bestände in etwa gleicher Weise zurück. Der Internationale Rat zur Erforschung der Meere, der ICES, fordert deshalb, alle menschlichen Einflüsse auf das absolute Minimum zu reduzieren. Einige der Gründe für den Rückgang kennt man, die relative Bedeutung der einzelnen Faktoren ist aber noch unklar.

Die Fischerei entnimmt große Mengen, nicht nur Glasaale, sondern auch Speisefische, die dem Bestand zur Vermehrung fehlen. Viele Tiere sterben an technischen Einrichtungen, wie Schöpfwerken oder Wasserkraftturbinen. Heiß umstritten ist der Wegfraß durch Kormorane. Wissenschaftler schätzen, dass Kormorane in Deutschland nicht viel weniger Aale fressen als die Kraftwerke töten oder die Fischerei entnimmt.

15 Forschungsinstitute und Verbände, staatliche und private Einrichtungen aus sieben Nordseeanrainerstaaten wollen bis Ende 2012 die Bestände wandernder Fischarten in der Nordsee ermitteln, ihre Wanderrouten kartieren und daran mitarbeiten, die Bestände zu regenerieren, nachhaltig zu sichern und zu nutzen. Dafür haben sie sich in dem Interreg Projekt Living North Sea zusammengeschlossen, das von der EU gefördert wird. Interessierte können einen Newsletter beziehen.

Hinzu kommen Krankheiten, der Befall mit Parasiten und die Gewässerverschmutzung: Schadstoffe wie PCB oder dioxinartige Stoffe reichern sich in den fettreichen Aalen besonders stark an. Während der Laichwanderung wird das Fett abgebaut. Diese Schadstoffe gehen dann vermutlich in die Geschlechtsprodukte über, was dazu führen kann, dass die schlüpfenden Larven geschädigt oder nicht überlebensfähig sind.

Man weiß auch, dass die Wassertemperatur in der Sargasso-See leicht angestiegen ist. Kollegen haben gezeigt, dass das Algenwachstum in der Sargasso-See deshalb gesunken ist. Die Aal-Larven haben deshalb möglicherweise nicht genug zu fressen. Auch andere ozeanisch-klimatische Faktoren werden als mögliche Ursachen für den Rückgang diskutiert, wie beispielsweise veränderte Strömungsverhältnisse.

Unabhängig davon, ob die Hauptursachen des Rückgangs im ozeanischen oder kontinentalen Bereich liegen, ergeben sich Ansatzpunkte für eine Stützung und Förderung der Aalbestände kurzfristig nur im kontinentalen Bereich. Das schließt Beschränkungen der Fischerei ebenso ein, wie Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensräume und zur Durchgängigkeit der Gewässer. Manche Wissenschaftler empfehlen eine völlige Schließung der Aalfischerei.

Die Fischerei ihrerseits weist darauf hin, dass sie ein noch stärkeres Absinken der Aaldichten in unseren heimischen Gewässern durch Besatzmaßnahmen verhindert. Tatsächlich wären die Aaldichten in unseren Seen und Flüssen ohne die langjährigen Besatzmaßnahmen bereits heute sehr viel niedriger und würden in den nächsten Jahren auch noch weiter sinken. Besatz ist wissenschaftlich jedoch umstritten. Da die kontrollierte Vermehrung der Aale noch nicht möglich ist, müssen alle Besatzaale dem Wildbestand vorher an anderer Stelle entnommen werden. Weil bei Fang und Transport von Glasaalen teilweise beträchtliche Sterblichkeiten auftreten, ist der Nutzen dieser Besatzmaßnahmen für den Gesamtbestand fraglich. Zudem ist noch unklar, ob über große Strecken umgesetzte Aale den Weg zu ihrem Laichplatz finden.

Beim Aal handelt es sich um einen einzigen, aus dem gesamten Verbreitungsgebiet resultierenden Gesamtbestand („panmiktischer Bestand“). Deshalb ist, insbesondere in einer so schwierigen Bestandssituation, nicht die Betrachtung einzelner Gewässer sondern die Ebene des Gesamtbestandes entscheidend. Hierfür fehlen momentan allerdings noch einige wissenschaftliche Grundlagen, sodass die Frage des Nutzens von Besatzmaßnahmen für den Bestand noch nicht endgültig beantwortet werden kann.

Ein Kompromiss wäre, wenn Besatz so erfolgt, dass möglichst viele der eingesetzten Aale wieder in ihr Laichgebiet wandern können. Also kein Besatz oberhalb von mehreren Wasserkraftwerken, die Verwendung gesunder Fische, die Einhaltung hygienischer Standards und bestimmter Besatzdichten. Auch sollte Besatz in der gegenwärtigen Bestandssituation nicht nur zur Unterstützung der Fischerei erfolgen.“