Michael Hillmann und die „JadeWale“

Ehrenamtliche Schweinswalbeobachter. Foto: Imke Zwoch

Menschen, die aufs Wasser starren: Michael Hillmann und die "JadeWale"

Im Frühjahr 2016 bot sich Spaziergängern am Nassauhafen in Wilhelmshaven ein merkwürdiges Schauspiel: Regelmäßig stand dort eine Gruppe Erwachsener an der Kaikante und starrte unentwegt aufs Wasser. Zwischendurch kam plötzlich Bewegung in die Szene, jemand zeigte mit ausgestrecktem Arm Richtung Wasser, einige liefen los, positionierten sich an anderer Stelle und begannen Fotos zu machen. Dann standen wieder alle still und guckten gebannt auf die Wasseroberfläche.

Gelegentlich trauten sich Spaziergänger, die Gruppe darauf anzusprechen, was sie da eigentlich treiben. Dann konnte es passieren, dass auch Passanten auf einmal reglos dastanden und konzentriert aufs Wasser guckten.

Des Rätsels Lösung: An der Wilhelmshavener „Südküste“ waren zwischen März und Mai Schweinswale auf Fischfang unterwegs. Spätestens alle sechs Minuten kommen sie zum Luftholen an die Oberfläche und zeigen ein paarmal ihren glänzenden Rücken mit der kleinen gerundeten Finne. Diese Glücksmomente hielten die aufmerksamen Beobachter manchmal stundenlang im Bann.

Das Phänomen „Whalewatching in Wilhelmshaven“ als solches ist Naturinteressierten schon länger bekannt. In diesem Jahr sorgten jedoch mehrere Faktoren dafür, dass die Schweinswale und ihre menschlichen Freunde größere öffentliche Aufmerksamkeit erlangten. Zum einen waren die Tiere in diesem Jahr besonders präsent, über viele Wochen konnte man beinahe täglich einen oder mehrere Wale im Außenhafen und vor dem Südstrand entdecken. Zum anderen kreuzten sich dort die Wege mehrerer Menschen, die im Laufe des Wal-Frühlings zu einer festen Gruppe zusammenwuchsen. Aus ihrer Faszination erwuchs die Motivation, sich über die eigene Beobachtung hinaus für den Schutz der Wale zu engagieren.

Der begeisterte Naturfotograf Michael Hillmann ist den kleinen Meeressäugern und auch anderen Tieren an der Küste seiner Heimatstadt bereits seit vielen Jahren auf der Spur. Als Freiwilliger für den Nationalpark unterstützt er die Arbeit der Schutzgebietsverwaltung mit Fotos, eigenen Beobachtungen und Berichten, die er auf seiner Website und in den örtlichen Medien veröffentlicht. Um ihn scharte sich dann auch die zunächst fünfköpfige Gruppe, die sich beinahe täglich am Kai traf. Um sich gegenseitig schnell über Walsichtungen zu informieren, aber auch andere mit dem „Whalewatching-Virus“ zu infizieren, gründeten sie unter dem Namen „JadeWale“ ein Facebook-Gruppe, die bis jetzt auf fast 300 Mitglieder gewachsen ist. Vermutlich werden nicht alle davon im nächsten Frühjahr mit am Hafen stehen, zumal einige weit entfernt wohnen. Doch die Facebook-Plattform lebt auch außerhalb der „Schweinswal-Saison“ von aktuellen Wal-Infos, die über die reinen Sichtungen hinaus auf der Seite geteilt werden.

Ein besonderes Ereignis brachte die fünf JadeWale auf die Idee, eine Schweinswal-Ausstellung auf die Beine zu stellen. Schon im Februar fand Carena Friedrichsen einen lebend gestrandeten Schweinswal im Watt vor Hooksiel und brachte die Rettungskette in Gang. Das Tier wurde zu SOS Dolfijns in Harderwijk (Niederlande) gebracht, der einzigen Aufzuchtstation für Kleinwale und Delfine in den Wattenmeer-Anrainerländern. Zum Dank für ihren Einsatz wurde Carena zu einer Besichtigung der Station eingeladen. Zusammen mit den „JadeWalen“ Michael Hillmann und Kurt Bernert erfuhr sie dort viel über Biologie und Gefährdung der Schweinswale. Auf der Rückfahrt waren alle sehr nachdenklich und überlegten, welchen Beitrag sie zum Schutz der Tiere leisten könnten. So wurde die Idee geboren, mit einer Ausstellung mehr Aufmerksamkeit für die Wale zu erzeugen.

Erfolgreich begab man sich auf Sponsorensuche. Aus Hunderten von Fotos wurde eine Auswahl getroffen. Die Firma CEWE, Europas größter Fotofinisher mit Sitz in Oldenburg, übernahm den Druck im Ausstellungsformat. Das Centermanagement der Nordseepassage stellte die Ausstellungsfläche zur Verfügung. Weitere Firmen unterstützten u. a. mit dem Druck von Postern, Faltblättern, Bannern und T-Shirts.

Unterstützung gab es auch von der Nationalparkverwaltung. Imke Zwoch, die sich dort um Einsatz und Betreuung von Freiwilligen kümmert, nahm auch die JadeWale unter ihre Fittiche. Zudem ist sie selbst in ihrer Freizeit begeisterte Naturfotografin. Dadurch lernte sie schon vor ein paar Jahren Michael Hillmann und im Frühjahr auch Carena Friedrichsen, Reinhild Tönnießen und Kurt Bernert kennen. Somit gehört sie teils beruflich, teils privat zum Quintett der JadeWale.

„Seit 2006 betreue ich bei uns das Projekt ‚Freiwillige in Parks‘“, erzählt sie. „In all den Jahren durfte ich Hunderte von hilfsbereiten Menschen kennenlernen, die allein oder in Gruppen, einen Tag lang, für ein paar Wochen oder dauerhaft dem Nationalpark ihre Freizeit, ihren Urlaub, ihre Tatkraft und Kreativität schenken. Die ‚JadeWale` sind nun eine ganz neue Erfahrung: Eine Gruppe von Freiwilligen, die sich selbst organisiert und eigene Aufgaben und Ziele steckt, nämlich die Beobachtung, Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit für unsere kleinen heimischen Wale.“

Nach monatelanger Fleißarbeit der „JadeWale“ wurde die Ausstellung „Schweinswale voraus“ in der Nordseepassage Mitte Oktober eröffnet. Bürgermeisterin Ursula Glaser, Nationalpark-Leiter Peter Südbeck, der Wittmunder Tierarzt und Walexperte Jan Herrmann und Wilhelmshavens Tourismuschef Michael Diers lobten in ihren Grußworten das freiwillige Engagement der JadeWale als Beitrag zum Naturschutz, zur Forschung, zur Umweltbildung und zum Naturerlebnis im Nationalpark. Während der dreiwöchigen Ausstellungsdauer nahmen sich die „JadeWale“ immer wieder Zeit, persönlich vor Ort zu sein und interessierte Besucher durch die Ausstellung zu führen.

Ergänzend zur Ausstellung gab Richard Czeck, Meeressäuger-Experte bei der Nationalparkverwaltung, in einem Abendvortrag interessante Einblicke in die Welt der Schweinswale. Zudem gastierte Ende Oktober das Theater „Fräulein Brehms Tierleben“ mit dem Stück „Der Schweinswal“ in Wilhelmshaven.

Hoch motiviert geht das Freiwilligenteam der JadeWale demnächst in die Planung weiterer Aktionen für die Schweinswale.