Hand in Hand

32 Jahre besteht der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, und in diesem Zeitraum ist die Salzwiesenfläche am Festland um mehr als 30 Prozent angewachsen – ein beachtliches Plus! Auch wenn viele Salzwiesen in den vergangenen Jahrzehnten im Schutz von Lahnungen entstanden sind, so haben sich an den Stränden von St. Peter-Ording, vor Westerhever oder südlich des Trischendammes in Friedrichskoog auf großer Fläche vollkommen natürlich Salzwiesen gebildet – ohne die helfende Hand des Menschen, allein durch natürliche Prozesse.

Auf etwa der Hälfte aller Salzwiesen kann sich, nach vielen Jahrzehnten der intensiven Beweidung und künstlichen Entwässerung, heute eine einzigartige Pflanzen- und Tierwelt wieder natürlich ausbilden. Dabei sind die jeweils vorherrschenden Standortbedingungen entscheidend: In tief liegenden und feuchten Bereichen sind Flora und Fauna vielfältig. In den hoch gelegenen Salzwiesen dagegen sind die jahrzehntelang betriebenen Landgewinnungs- und Entwässerungsarbeiten bis heute prägend. An solchen Standorten sind teils großflächig homogene Pflanzenbeständen herangewachsen. Hier wird die Zukunft zeigen müssen, in welche Richtung sich diese Flächen weiter entwickeln werden.

Der Küstenschutz profitiert von dem Sicherheitspuffer durch die anwachsenden Salzwiesen. Sie bremsen die Wucht der auflaufenden Wellen bei einem Sturm und reduzieren die Höhe der an den Deich rollenden Wellen. Dies haben neue Untersuchungen der Küstenforscher im Wellenkanal in Hannover gezeigt. Gegenüber einer unbewachsenen Fläche trägt die Vegetation je nach Wellenart und Wellenhöhe selbst unter Sturmbedingungen bis zu 60 Prozent zur Wellenreduktion bei. Auch wenn mit zunehmender Wellenbelastung die Triebe der höher wachsenden Salzwiesenpflanzen abbrechen und die Wellenreduktion reduziert wird, bleibt der Marschboden stabil und es tritt selbst bei starken Wellenbelastungen keine Erosion in den Salzwiesen auf.

Wichtige Komponente des Küstenschutzes

Das macht die Salzwiesen zu einer wichtigen Komponente des Küstenschutzes. Der Grundsatz des Nationalparks „Natur Natur sein  lassen“ dient damit auch dem Küstenschutz, der seit Jahrhunderten ein sehr hohes Gut ist: Salzwiesenschutz ist Küstenschutz. Und Küstenschutz ist Daseinsvorsorge.

Salzwiesen können aber nur dann weiter an- und mit dem steigenden Meeresspiegel in die Höhe wachsen, wenn die Sedimentzufuhr auf Dauer gesichert ist. Gerade dies könnte in der Zukunft zu einem Problem werden. In Zeiten des Klimawandels, der  sich längst auch im Wattenmeer bemerkbar macht, ist der steigende Meeresspiegel eine neue Herausforderung.

Dieser hat sich die schleswig-holsteinische Landesregierung gestellt und im Jahr 2015 mit der „Strategie Wattenmeer 2100“ ein Zukunftskonzept vorgelegt. Eine wesentliche Aussage in diesem Zusammenhang ist die Feststellung, dass es langfristig zu einem Sedimentdefizit kommen kann. Und wenn Sediment fehlt und Stürme an Intensität zunehmen, werden die Salzwiesen an ihren Kanten abbrechen und nicht mehr in die Höhe wachsen können. „Wachsen mit dem Meer“ ist daher eine zentrale Anpassungsmaßnahme aus der Wattenmeerstrategie, Sedimentmanagement das Stichwort, dessen konkrete Ausführung noch erarbeitet werden muss.

Nicht nur die Strategie Wattenmeer 2100 ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Küstenschutz und Naturschutz im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer längst Hand in Hand gehen. Ein weiterer Beweis ist das Vorlandmanagementkonzept, das Küsten- und Naturschutzbehörden in Abstimmung mit dem Marschenverband bereits 1996 in mühevoller Detailarbeit erstellt haben und das regelmäßig fortgeschrieben wird. Schwerpunkt dieses Konzeptes ist ein Natur-schonender und Küsten-sichernder Umgang mit Salzwiesen. Lesen Sie mehr dazu in der nächsten Ausgabe der Nationalpark Nachrichten.

Martin Stock