Gefragte Adresse

Gerade in diesen Tagen wird es deutlich: Die Salzwiesen im Nationalpark Wattenmeer sind eine gefragte Adresse für die Vogelwelt. Für durchziehende Arten sind sie Trittstein auf dem Flug zwischen Überwinterungs- und Brutgebieten, Brutvögeln bieten sie einen Lebensraum für die Aufzucht des Nachwuchses. Und wie andere Tierarten der Salzwiese sind auch die Vögel bestens angepasst an die „salzigen“ Bedingungen.

Denn Salz nehmen sie nicht nur auf, wenn sie, wie die Vegetarier Ringelgans und Pfeifente, das frische Grün vertilgen; auch diejenigen, die Kleintiere und Fische fressen, benötigen ein Mindestmaß an Salztoleranz. Schließlich suchen – und finden – sie ihr Futter nicht nur in den vorgelagerten Watt- und Wasserflächen, sondern auch in den Salzwiesenprielen.

„Für Jungvögel spielt der Reichtum an Insekten und Wirbellosen in den Salzwiesen eine besondere Rolle“, erläutert der Vogelexperte der Nationalparkverwaltung Bernd Hälterlein. Und diese Nahrung soll für ihr Verdauungssystem verträglich sein. Die Natur hat sie dafür gut ausgestattet: mit der Möglichkeit, das aufgenommene Salz über den Urin auszuscheiden (hyperosmotischer Urin), sowie mit speziellen Drüsen im Kopf, die sich in die Nasengänge entleeren.

Nahrung, Rast und Ruhe

Salzwiesen sind Nahrungs-, Rast-, Ruhe- und Rückzugsraum für viele Vogelarten. Aber welche sind das genau? „An den Vorlandkanten sind um Hochwasser weitgehend alle arktischen Watvögel und die heimischen Arten zu finden“, so Hälterlein. Die derzeit wohl augenfälligsten gefiederten Gäste sind die Ringelgänse – Meeresgänse, die überwiegend in der kurzrasigen Vegetation der nordfriesischen Halligen rasten. „Das sind Feinschmecker und Zuckerlecker“, lacht der in der Nationalparkverwaltung für das Thema Salzwiesen zuständige Martin Stock. Nonnengänse dagegen suchen bevorzugt das Grünland der Flussmündungen auf. „Einzelne Salzwiesenpflanzen haben aber große Bedeutung für beide Gänsearten“, so der Biologe.

Austernfischer, Kiebitz, Lach-, Silber- und Sturmmöwe, Brandgans (eigentlich Erd-Höhlenbrüter, gelegentlich auch in hoher Vegetation), Sandregenpfeifer (eher Strandbrüter, in Salzwiesen an Abbruchkanten und gestörten Stellen), Säbelschnäbler, Fluss- und Küstenseeschwalbe sind nur einige der Vogelarten, die in den Salzwiesen brüten, wobei ihre Vorlieben sich durchaus unterscheiden: Die einen bevorzugen unbeweidete Flächen, einige wenige meiden sie, für andere ist die Beweidungsintensität von nachrangiger Bedeutung.

„Und dann gibt es die, die erst begonnen haben, die Salzwiesen zu besiedeln, nachdem die Beweidung reduziert wurde“, weiß Bernd Hälterlein. Dazu gehören Löffel-, Eider- und Reiherente, Kampfläufer, Uferschnepfe und etliche andere. Der wohl typischste Vertreter ungenutzter Salzwiesen ist der Rotschenkel. Übrigens sind die Salzwiesen nicht nur Kinderstube für Wat- und Wasservögel,  sondern auch für Singvögel wie Feldlerche, Wiesenpieper (Foto rechts) und Hänfling.

Kleines Foto: © Stock / LKN.SH