Kleine weiße Punkte

Es geht hoch hinaus. Kurz nach dem Start des zweimotorigen Kleinflugzeugs vom Flugplatz Heide-Büsum habe ich einen verblüffenden Weitblick. Links sehe ich die Elbmündung, rechts Trischen,  geradeaus Cuxhaven und hinter uns Dithmarschen. Und dazwischen glitzert majestätisch das Weltnaturerbe Wattenmeer bei Ebbe.

Viel Zeit zum Staunen und Orientieren bleibt mir jedoch nicht, denn ich habe mich keinem Spazierflug, sondern einem Arbeitsflug des Biologen Norbert Kempf angeschlossen. Und das bedeutet: Augen auf den Wattboden, der 150 Meter unter uns vorbeizieht. Wir halten Ausschau nach Ansammlungen kleiner weißer Punkte an den Prielrändern. Suchobjekt sind Brandgänse, die sich jeden Sommer zur Mauser (Federkleidwechsel) im Dithmarscher Watt versammeln. Die massenhafte Gesellschaft und die unzugänglichen Wattflächen bieten den in dieser Zeit flugunfähigen Entenvögeln Schutz. Und Norbert Kempf eine gute Gelegenheit, um ihren Bestand in unserem Nationalpark zu erfassen. Mit diesem sogenannten Brandgans-Monitoring wird er seit 21 Jahren von der Nationalparkverwaltung und der DEA Deutsche Erdoel AG beauftragt.

Während ich mit plattgedrückter Nase versuche, unter uns Seehunde von Kegelrobben zu unterscheiden, klickt auf dem Sitz vor mir fleißig die Kamera. Norbert Kempf fotografiert durch ein Loch in der Flugzeugscheibe die erspähten Brandganstrupps, um später eine exakte Auszählung vorzunehmen. Dazwischen gibt er dem Piloten der gecharterten Sylt-Air-Maschine Fluganweisungen, damit keine Prielwindung und keine Sandbank von unserer Zählung ausgelassen werden. Die zum Teil spontanen Flugmanöver mit engen Kurven bringen meinen untrainierten Magen an den Rand seiner Komfortzone. Linderung verschafft die traumhafte Vogelperspektive auf das Wattenmeer, aus der das künstlerische Können der Natur eindrucksvoll sichtbar wird. Sanft geschwungene, matte Sandbänke, gerippelte Wattflächen, verschiedenste Blau- und Brauntöne, in den Boden eingefressene, schnörkelige Priele, schillernde Flachwasserbereiche, tiefe Wasser mit Spiegelungen von Sonne und Wolken.

Trotz der spektakulären Aussicht sind mein Magen und ich froh, als Norbert Kempf nach einer letzten Runde vor dem Eidersperrwerk ankündigt „Der Kuchen ruft!“ und wir zum Landeanflug ansetzen. Nach eineinhalb Stunden Flug haben wir wieder festen Boden unter den Füßen und die Kamera voll mit Fotos von weißen Tupfen auf braunem Grund. Ein paar Tage später erfahre ich das Zählergebnis von Norbert Kempf: 22.860 Brandgänse, davon 17.440 mausernde Exemplare, saßen an diesem Tag auf dem Dithmarscher Watt. Herzlichen Dank für diesen spannenden Einblick in die Welt des Monitorings!

Alina Claußen

Kleine Fotos: © Claußen / LKN.SH