Es kreucht und krabbelt

Salzwiesen sind ein ganz besonderer Lebensraum, nicht nur wegen ihrer einzigartigen Pflanzenwelt. Auch die kleinen tierischen Bewohner verdienen einen zweiten Blick: Eine Vielzahl verschiedener Insekten – Fliegen und Mücken, Laufkäfer, Wanzen, Flöhe und seltene Schmetterlinge – lebt in diesem Übergangsbereich zwischen Land und Meer. Und das häufig im Verborgenen.

Denn es kreucht und krabbelt sowohl im Boden der Salzwiesen als auch in den Salzwiesenpflanzen: Wurzeln, Stängel, Blätter, ja sogar Blattachseln bieten Insekten in ihren unterschiedlichen Entwicklungsstadien Nahrung und Obdach. Das hat die Natur gut eingerichtet, schützt doch diese Art der Existenz – besser gesagt schützen diese Orte – vor den Unbilden des Lebensraumes wie Wasser, Salz und Wind.

Beispiel Gallrüsselkäfer und Strandwegerich: Das nur rund 3,5 Millimeter „große“ Tierchen verbringt seine Larvenzeit in der Pflanze, das Weibchen legt die Eier in deren Blütenstielen ab, wo die Larven heranwachsen. Die Pflanze bildet dort eine Wucherung, die sogenannte Galle, in und von der die Larve lebt, bis sie sich verpuppt. Vorausgesetzt, räuberische Schlupfwespen waren nicht vorher am Werk. Die nämlich haben sich auf Larven spezialisiert, die in solchen Gallen leben. Die Schutzstation Wattenmeer beschreibt den in diesem Fall folgenden „Gallenkrimi“ so:  Die Wespe steche ein Ei in die Galle, „die Wespenlarve verspeist die Käferlarve und verpuppt sich an ihrer Stelle in der Galle. Statt eines Käfers im Herbst schlüpft dann eine Wespe im Frühjahr.“

Skurril-spannende Geschichten

Skurril-spannende Geschichten dieser Art gibt es einige aus den Salzwiesen: von der Gelben Wiesenameise, die in ihren Hügeln eine Koexistenz mit Läusen eingeht und sich von deren süßen Ausscheidungen – von manchen Biologen augenzwinkernd „Zuckerschiss“ genannt – ernährt; vom Prächtigen Salzkäfer, der in einer rund zehn Zentimeter tiefen Röhre im Boden wohnt und sich dort für Schlechtwetterperioden einen Algenvorrat als Notration anlegt; vom Strand-Felsenspringer, der zu den Ur-Insekten gehört, die schon seit Millionen von Jahren die Erde bevölkern und, und, und ...

Die Angaben darüber, wie vielen Insektenarten die Salzwiesen eine Heimat bieten, differieren: Laut Angaben im „Neuen Biologischen Atlas“ – allerdings aus den 1990er Jahren – sind es mindestens 1.650, neuere wissenschaftliche Erhebungen aus Niedersachsen kommen auf 2.000 Arten. Die Zahlen sind allerdings nicht unbedingt vergleichbar, weil in Niedersachsen, anders als in Schleswig-Holstein, die Inseln zum Nationalparkgebiet gehören.

Fest stehe jedoch, dass in den schleswig-holsteinischen Salzwiesen allein 126 verschiedene Spinnenarten nachgewiesen sind, sagt Claus von Hoerschelmann, Arachnologe und Entomologe (Spinnen- und Insektenkundler) und Mitarbeiter des Multimar Wattforums. Und viel wichtiger als genaue Zahlen sei ohnehin die Tatsache, dass viele der Salzwiesenarten endemisch sind. „Das bedeutet, sie kommen nur hier und nirgendwo anders vor.“ Auch das macht den Nationalpark Wattenmeer ökologisch so bedeutsam und schützenswert.

Das gilt umso mehr vor dem Hintergrund eines seit Jahren zu beobachtenden Insektensterbens, das Artenschützer deutschlandweit und darüber hinaus in Alarmstimmung versetzt. Während in den Salzwiesen und anderen, sich natürlich entwickelnden Wiesenbiotopen die Insektenwelt noch weitgehend in Ordnung ist, sind danach bei den landgebundenen Insekten besonders in der Agrarlandschaft Rückgänge von bis zu 80 Prozent (Arten und Individuen) zu verzeichnen. Die mittlerweile auch von der Politik viel zitierte Zahl geht auf Erkenntnisse des Entomologischen Vereins Krefeld zurück, der seit Jahrzehnten in Nordrhein-Westfalen Messstellen für Fluginsekten unterhält, und wird von Untersuchungen aus Großbritannien und den Niederlanden gestützt.

Kleine Fotos:  © Stock/LKN.SH; © Reitmann (2. von oben)

Einen Vortrag über die „Krabbeltiere der Salzwiese“ bietet das Nationalpark-Zentrum Multimar Wattforum diesen Donnerstag (17.) um 15.00 Uhr: Der Entomologe und Multimar-Mitarbeiter Claus von Hoerschelmann stellt die kleinen tierischen Salzwiesenbewohner vor. Für Multimar-Besucher (Eintritt 9,00 Euro für Erwachsene und 6,00 Euro für Kinder) ist die Teilnahme kostenlos. Informationen über die Tiere, vor allem aber auch über die wichtigsten Pflanzen der Salzwiese enthält auch ein druckfrisch vorliegendes neues Faltblatt (siehe Rubrik „Menschen und Medien“)