Drei Fragen an ...

Dr. habil. Harald Asmus, Benthos-und Fischökologe, und Dr. Ragnhild Asmus, Meeresökologin, beide tätig am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Wattenmeer-Station Sylt in List auf Sylt

Sie sind Experten in Sachen Nahrungsnetze im Lebensraum Wattenmeer. Was genau ist ein Nahrungsnetz und wo ist der Unterschied zum ebenfalls häufig zu hörenden Begriff „Nahrungskette“?

Harald Asmus: Ein Nahrungsnetz verknüpft alle lebenden Organismen eines abgegrenzten Raumes (zum Beispiel einem Einzugsgebiet eines Wattstroms, dem Tidebecken) untereinander, in dem die einen Beute, die anderen Räuber sind. Die Basis des Nahrungsnetzes bilden Pflanzen, die aus Kohlendioxid, Nährstoffen und Sonnenlicht Biomasse produzieren, die wiederum von tierischen Pflanzenfressern direkt genutzt wird, um selbst Biomasse aufzubauen. Nicht genutztes Pflanzen- und Tiermaterial stirbt ab und bildet totes Material (Detritus genannt), dieses Material wird zusammen mit Ausscheidungsprodukten von Bakterien genutzt, die ihrerseits eine Nahrungsquelle für andere Organismen darstellen.

Pflanzen und Detritus stehen damit auf der Stufe eins (der sogenannten trophischen Ebene 1) der Nahrungspyramide, ihre Nutzer, Pflanzen- und Detritusfresser, sowie Bakterien auf der zweiten Stufe. Räuberische Organismen ernähren sich von Pflanzen-, Detritusfressern und Bakterien, aber auch von anderen Räubern. Die trophischen Ebenen bilden eine Nahrungskette verschiedener Stufen, bei denen die Pflanzen am Beginn stehen und räuberische Organismen stets die Endglieder bilden ... Betrachtet man daher das ganze System mit all seinen Arten, dann steht man vor einem dichten Beziehungsgeflecht, das man als Nahrungsnetz bezeichnet.

Was sagen uns die Strukturen des Nahrungsnetzes über den Zustand des Ökosystems?

Ragnhild Asmus: Nahrungsnetze geben das Beziehungsgeflecht und die Vielfalt der Interaktionen zwischen den Organismen in einem bestimmten Raum wieder. Dabei haben die verschiedenen Ökosysteme der Welt durchaus unterschiedliche Nahrungsnetze entwickelt. So fällt, um ein Beispiel zu nennen, bei Tiefseeökosystemen durch das Fehlen von Licht die pflanzliche Basis des Nahrungsnetzes völlig aus, diese Nahrungsnetze sind allein von totem Material und Bakterien abhängig. Vereinfachend könnte man sagen: Nahrungsnetze zeigen uns, wie ein Ökosystem funktioniert.

Kann man Lebewesen benennen, die eine besondere Rolle im Nahrungsnetz des Wattenmeeres einnehmen, und wenn ja, inwiefern?

Harald Asmus: Das Wattenmeer ist ein Ökosystem, das abhängig ist vom Planktoneintrag aus der Nordsee. Dort wächst diese Nahrungsquelle heran und wird mit der Gezeitenbewegung in das Wattenmeer hineingetragen. Dem Phytoplankton kommt daher im Nahrungsnetz des Wattenmeeres eine große Bedeutung zu, denn viele Organismen, insbesondere filtrierende Muscheln und Austern, hängen davon ab. Ein anderes Beispiel sind Muscheln: Sie sind wichtig für die Vögel des Wattenmeeres. Herzmuscheln etwa sind für viele Watvögel die Hauptnahrung, Miesmuscheln für Austernfischer, Eiderenten und Silbermöwen.