Mai 2011

Mai 2011

 
Moin. Was macht das Wattenmeer aus? Die Weite! Da passt das Querformat immer. Es sei denn, Leuchttürme durchbrechen es. Da hilft nur Beschnitt, in diesem Newsletter gleich zweimal. Viel beherzteres Handeln erfordert die Rettung der Lachseeschwalbe. Trotz aller Bekenntnisse der Politik zur Biodiversität sind Menschen mit umfangreicher Artenkenntnis inzwischen selbst eine vergessene Spezies geworden. Einer von ihnen berichtet eindrucksvoll von der vergessenen Seeschwalben-Art. Bleiben Sie uns gewogen. Ihre Nationalparkverwaltung
 
In dieser Ausgabe
Die vergessene Art

© Die vergessene Art

Bis 2010 sollte der Rückgang der Artenvielfalt in Europa gestoppt werden. Das hatte die EU neun Jahre zuvor beschlossen. Weil das Ziel verfehlt wurde, peilt es das EU-Parlament nun für 2020 an. Einer der seltensten Vögel Mitteleuropas, die nur in unserem Nationalpark brütende Lachseeschwalbe (Gelochelidon nilotica), wird dies wohl nicht erleben. Der Zoologe Dr. Markus Risch (50) hat sie erforscht - und befürchtet ihr Aussterben.

„Lachseeschwalben sehen den rund 40.000 Paaren Brand-, Fluss- und Küstenseeschwalben, die jetzt an der Wattenmeerküste brüten und bei Sturzflügen ins Meer nach kleinen Fischen tauchen, zum Verwechseln ähnlich. Ihre Lebensweise ist aber anders als die aller anderen Seeschwalben.

Lachseeschwalben brauchen eher das Hinterland als das Meer. Sie jagen wie kleine Falken: mit ihrem kräftigen Schnabel fangen sie Mäuse, Frösche, Wollhandkrabben und Insekten. Sie nehmen auch Fische, die an der Oberfläche schwimmen, aber sie tauchen nicht ins Wasser ein.

Im vergangenen Jahr brüteten 42 Paare in Mitteleuropa: 25 in den Vorländern von Neufeld, 16 in denen von Friedrichskoog und eines auf Föhr. Die nächste Kolonie ist 1.200 km entfernt im Camargue Nationalpark in Südfrankreich. Die Hauptvorkommen der Lachseeschwalbe liegen in Spanien, der Türkei, Russland und der Ukraine, insgesamt etwa 12.000 Paare. Bis in die 1950er Jahre lebten in Schleswig-Holstein und vor allem in Dänemark insgesamt rund 300 Paare. 2005 gab es in Dänemark noch 3 Brutpaare, 2006 ist der Bestand erloschen.

Dass der Restbestand nun die Elbmündung aufsucht, liegt an der sehr speziellen Kombination von Lebensbedingungen, die fast nur hier erfüllt sind: es ist eine Flussmündung mit großen, niedrig bewachsenen Vorländern und Tideeinfluss, die einerseits Meerwasser mit geringem Salzgehalt, binnendeichs aber auch Süßwasser bietet. Das entspricht den Nahrungsbedürfnissen der Lachseeschwalbe und ihrer Lebensweise. Die Vögel können weit entfernt von Festland und Deich auf Schwemmland nahe der Hochwasserlinie brüten und sind so relativ gut vor Füchsen und anderen Landräubern geschützt. Zudem nutzen sie den Schutz, den das Brüten in großen Seevogelkolonien bietet, indem sie in unmittelbarer Nähe von Flussseeschwalben und Lachmöwen nisten. Und sie haben ein Gebiet gewählt, in dem wenige Großmöwen leben, die dem eigenen Nachwuchs gefährlich werden können.

Trotzdem ist das Gebiet alles andere als optimal für die Vögel. Die hohen Sommerfluten der vergangenen Jahre haben die Gelege und Küken der nahe der Hochwasserlinie brütenden Tiere immer wieder vernichtet.



Der wissenschaftliche Name Gelochelidon nilotica bedeutet die „Lachende Schwalbe vom Nil“. Bei Alarm stößt sie eine Serie nasaler, fast lachender Töne aus. Die Erstbeschreibung im Jahr 1789 bezog sich auf ein Vorkommen in Ägypten. Sie lebt heute in 6 Unterarten auf allen Kontinenten, jedoch nicht mehr in Ägypten. Sie ist 40 cm groß und wiegt etwa 230 g. Die europäischen Vögel (Gelochelidon nilotica nilotica) überwintern küstennah oder binnenländisch in Afrika südlich der Sahara, auch in den arabischen Meeresgebietenn

(Foto: Klaus Wernicke)

Der Nahrungsmangel ist ein weiteres Problem. Das Hinterland im südlichen Dithmarschen ist ökologisch verarmt. Früher gab es dort Grünland, in dem die Lachseeschwalben viele Mäuse, Amphibien, Vögel oder Insekten erbeutet haben. Heute bieten nur die alten Deiche Nahrung. Im vergangenen Sommer flogen die Seeschwalben von Friedrichskoog in den 10 km entfernten Kaiser-Wilhelm-Koog, um dort auf dem Deich Regenwürmer zu fressen. Als es im Juni heiß und trocken wurde, versiegte auch diese Nahrungsquelle, und die Küken verhungerten.

Lachseeschwalben sind sehr störungsempfindlich. Besonders während der Koloniegründung im Mai können Menschen die Ansiedlung der scheuen Vögel verhindern. Im Gegensatz zu Flussseeschwalben wehren sich Lachseeschwalben auch nicht gegen Schafe.

Die Lachseeschwalbe ist eine der seltensten Vogelarten Deutschlands. Wäre sie fünf Kilo schwer, braun und hätte einen Hakenschnabel, würde sie so viel Schutz und Aufmerksamkeit wie der Seeadler genießen. Ohne Hakenschnabel vielleicht so viel wie die Großtrappe. 1.300 Tiere dieser Art gibt es im Mitteleuropa und Deutschland gab 15 Millionen Euro für ihren Schutz aus.

Die Lachseeschwalbe ist eine irgendwie vergessene Art. Ihr Rückgang ist ein bisschen durchgerutscht.

Jahrelang hat man bei uns rund 100 Tiere gesehen, ein Bestand, der vielleicht von abgewanderten dänischen Brutvögeln „aufgefüllt“ wurde. Aber es fiel nicht ins Auge, dass in den vergangenen 10 Jahren kaum ein Jungvogel groß wurde. Da die Vögel wohl über 20 Jahre alt werden und als erwachsene Tiere eine relativ geringe Todesrate haben, macht sich dies zunächst nicht an den Bestandszahlen bemerkbar. Bricht der Bestand dann ein, gibt es kein Zurück mehr. Ich fürchte, wir werden jetzt live miterleben, wie eine weitere Vogelart unserer Heimat ausstirbt.

Handeln sollten wir dennoch: Kurzfristig müssen wir wohl wie Arten- und Tierschützer arbeiten und Küken bei ungewöhnlichen Sommerhochwassern beispielsweise mit Sandsäcken „Rettungsinseln“ schaffen oder sie für einige Stunden einsammeln, um endlich wieder eine Generation durchzubringen. Und wir müssen die Kolonien wirkungsvoll vor Störungen sichern. Die Brutplätze sind so zu gestalten, dass Füchse ferngehalten werden. Die Beweidung sollte so reguliert werden, dass eine kurzrasige Grasnarbe entsteht, während der Jungenaufzucht aber möglichst keine Schafe in die Kolonien kommen. Schließlich brauchen wir Feuchtgrünländer in der Nähe der Kolonien – sonst verhungern die Tiere, die vielleicht Tage zuvor mit hohem Aufwand scheinbar gerettet wurden.“

 
 
Ringelganstage mit Halali

© Ringelganstage mit Halali

Bei frischer Brise und strahlender Sonne wurde Annemarie Lübcke (3. von rechts) bei der Eröffnung der 14. Ringelganstage auf der Hallig Hooge mit der „Goldenen Ringelgansfeder“ ausgezeichnet. Umweltministerin Dr. Juliane Rumpf würdigte ihr jahrzehntelanges, beherztes Engagement für die Entwicklung der Region Uthlande und der Biosphäre Halligen. Mit Feingefühl habe sie für ein Miteinander von Naturschutz, Tourismus und Landwirtschaft, für Kommunikation und Kooperation gesorgt. So entstanden neue Konzepte und immer neue Förderprogramme eröffneten der Region weitere Zukunftsperspektiven.

Jens Enemark, Leiter des Internationalen Wattenmeersekretariats blies bei der Eröffnungsveranstaltung zur Jagd! Zur Jagd auf Geschichten – nicht auf Gänse. Die Hooger Trachtengruppe tanzte Traditionelles und auch die Langenesser Akkordeongruppe „Basstölpel“ spielte ordentlich auf. Moritz Haß (rechts) vom Gymnasium Brunsbüttel wurde als Sieger des Malwettbewerbs für das Plakat „Ringelganstage 2012“ ausgezeichnet, an dem sich gut 450 Schülerinnen und Schüler beteiligt hatten.

 
 
Geschichtenjagd

© Geschichtenjagd

Das Watt steckt voller Geschichten, die Menschen dort erlebt haben. Sechs Geschichtenjäger wollen diese Geschichten ausgraben. Jens Enemark, der Leiter des Gemeinsamen Wattenmeersekretariats,  schickte vier von ihnen los: bis Ende Juni werden sie sich im niederländischen und deutschen Weltnaturerbe Wattenmeer auf die Suche nach Kindheitserinnerungen, lustigen und spannenden Abenteuern machen, nach begeisterten Einheimischen und Urlaubern, die etwas zu erzählen haben. Die Bühne ist das Wattenmeer selbst. Davor oder mitten drin werden die Geschichten mit Videokamera und Mikrofon festgehalten und selbst als Erbe bewahrt. Die besten werden auf der Weltnaturerbe Website und bei Facebook  präsentiert. Dort ist auch zu sehen, wann und wo mit den Jägern zu rechnen ist.

Gerd Oetken, Ehrenvorsitzer der Schutzstation Wattenmeer, singt seine Geschichte. Mit Ukulele (Foto: Christiane Gätje/LKN-SH).
 
 
Watt erleben

© Watt erleben

Rund eine Million Menschen haben sich 2010 an der Westküste Schleswig-Holsteins über den Nationalpark und das Wattenmeer informiert: 830.000 besuchten eine der rund 20 Ausstellungen wie das Nationalpark-Zentrum Multimar Wattforum in Tönning oder das Erlebniszentrum Naturgewalten in List auf Sylt, 125.000 nahmen an einer der rund 5.000 geführten Wattexkursionen teil. Diese wurden zu 57 % von der Schutzstation Wattenmeer durchgeführt, zu 33 % von den Nationalpark-Wattführern.

 
 
Nationalpark in der Schule

© Nationalpark in der Schule

Wie lässt sich das Thema Nationalpark besser im Schulunterricht darstellen? Schüler und Lehrer von Schulen aus der Region wollen dazu Unterrichtseinheiten entwickeln, die später von allen Schulen genutzt werden können. Das Konzept überzeugte zunächst die Umweltlotterie BINGO. Jetzt unterstützt auch die Nordland Energie GmbH, ein Verbund norddeutscher Stadtwerke, mit ihrer Energiemarke DRIFT das Vorhaben mit 2.000 Euro.

Bisher nehmen das Nordseegymnasium Büsum, die Friedrich-Hebbel-Schule Wesselburen, die Nordseeschule St. Peter-Ording und die Theodor-Storm-Schule Husum teil. Zwei weiterführende Schulen können noch teilnehmen. Interessierte wenden sich an Evelyn Lucke in der Nationalparkverwaltung ( , 04861 616-15).
 

 
 
Ich war ein Banner

35 Meter lang und 3,50 Meter breit war das Banner „Wir sind Weltnaturerbe“, das am 26. Juni 2009 zur Feier der Welterbeanerkennung am Westerhever Leuchtturm hing. Eine Windböe zerriss es nach vier Minuten, aber das trübte die Stimmung nicht, denn auch bei den Feierlichkeiten am Boden machte das Banner eine gute Figur.

Meike Rathje von der Nationalparkverwaltung hatte nun die große Recyclingidee: Das Banner wurde vom Werkforum Kiel zu 34 Taschen und Seesäcken verarbeitet. Über 90 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen arbeiten dort in den Bereichen Polstern, Nähen, Metalldesign und Mediengestaltung und geben mitunter gebrauchten Materialien eine neue Bestimmung.

Die Taschen (mit kurzen und langen Griffen) und Seesäcke sind als Weltnaturerbe-Souvenir im Shop des Nationalpark-Zentrums Multimar Wattforum in Tönning für 15,50 € erhältlich (Telefon: 04861 9620-20).

 
 
Der richtige Augenblick

© Der richtige Augenblick

Bei bestem Fotowetter fand das 4. Fotofestival Nationalpark Wattenmeer in Husum und im Katinger Watt mit rund 500 Gästen und Teilnehmern statt. Wohl alle Besucher waren schon bei Beginn von Florians Möllers Sicht auf die „Wild Wonders of Europe“ fasziniert. Viele Workshops und Foto-Ausstellungen zeigten, wie heute fotografiert werden kann und meisterlich fotografiert wird. Mit seinem Bild „Der richtige Augenblick“ gewann Athanasios Iatropoulos aus Husum den Weltnaturerbe-Fotowettbewerb. Die Bilder dieses Wettbewerbes werden an verschiedenen Orten in einer eigenen Ausstellung präsentiert.
 

 
 
Leuchtturm für den Leuchtturm

© Leuchtturm für den Leuchtturm

Das Multimar Wattforum gilt als touristischer Leuchtturm der Westküste. Das Symbolische ist jetzt weithin sichtbar: Das Multimar hat einen Leuchtturm bekommen. Für die Kinder auf dem Spielplatz. Zwölf krumm gewachsene Stämme sind seine Stütze. Er ist rot-weiß und acht Meter hoch. Acht große Stufen müssen die Kindern erklimmen, bevor sie in der Spitze eine Lampe zum Leuchten bringen können. Hinunter geht’s auf einer großen Rutsche.

Der Leuchtturm ist Teil der Neuausrichtung des Multimar Wattforum, die vom Bundesverkehrsministerium mit 450.000 Euro für aus dem „Investitionsprogramm nationale UNESCO-Welterbestätten“ gefördert wird. Das Multimar Wattforum ist das zentrale Informationszentrum für den Nationalpark, in Zukunft soll es auch das zentrale Weltnaturerbe-Zentrum in Schleswig-Holstein sein. Bereits im letzten Jahr wurde eine Sonderausstellung zum Weltnaturerbe eröffnet.
 

 
 
Bücher
 
Übersicht Naturerlebnis-Angebote

©Übersicht Naturerlebnis-Angebote

Es sieht aus wie ein Buch – und steht deshalb in dieser Rubrik. Die ziemlich komplette Übersicht aller Naturerlebnis-Angebote an Schleswig-Holsteins Nordseeküste. Was auf Sylt oder Nordstrand, in Dithmarschen, auf Helgoland oder in sechs weiteren Regionen geboten wird, ist hier (und nur hier!) übersichtlich zusammengefasst: Informationszentren, Exkursionen, Ausflugsfahrten mit Schiffen, Naturerlebniswelten und –räume, Events und Pauschalangebote sind die Kategorien, in denen die Angebote jeder Region aufgelistet werden. Dort findet man Angaben zur Art des Angebotes und den Themen, zu Dauer, Kosten, Telefonnummern, Web-Adressen und so weiter.

Daniela Jarosz, bis März Praktikantin der Nationalparkverwaltung, hat diese Fleißarbeit gemacht. Davon können – neben den Gästen – besonders touristische Anbieter profitieren: Vermieter mögen die Angebote „ihrer“ Region in ihren Ferienwohnungen aushängen, Touristinformationen entsprechende Anfragen nun gezielt beantworten. Die Angebotsübersicht hat Standardgröße (A4), ist 88 farbige Seiten stark. Es gibt sie nur als E-Book, was Aktualisierungen erleichtert, Papier und Lagerhaltung spart.