Mai 2012

Mai 2012

 

Moin. Im Kinderlied stiehlt der Fuchs die Gans, dafür wird ihm mit Abschuss gedroht. Im Nationalpark stiehlt er die Eier der Brutvögel – soll es ihm wie im Kinderlied ergehen? Keine Angst vor dem Fuchs haben die Ringelgänse. Auf den Halligen zeigen sie es mit weltgrößter Vertrautheit und lassen sich feiern. Genießen lassen sich auch Watt-Schokolade und verschiedene Bio-Filme. Kleine Watvögel nutzen dafür die Zunge. Bleiben Sie uns gewogen. Ihre Nationalparkverwaltung

 
In dieser Ausgabe
Fuchs, Du hast die Eier gestohlen

© Fuchs, Du hast die Eier gestohlen

Mitte der 1980er Jahre gab es etwa 500.000 Austernfischer im niederländisch-deutsch-dänischen Wattenmeer. Heute sind es halb so viele. Frank Hofeditz (48) ist selbstständiger Biologe. Seit vielen Jahren untersucht er im Auftrag der Nationalparkverwaltung, wie erfolgreich Austernfischer brüten.

„Die Austernfischerbestände sind im gesamten Wattenmeer rückläufig, auch in Schleswig-Holstein. Mehrere Forschungsprojekte in den Niederlanden und Deutschland untersuchen den Rückgang des Austernfischers, konnten die Ursachen bisher aber nicht aufklären. In zwölf Daueruntersuchungsgebieten in Festlandssalzwiesen halbierten sich die Brutbestände in den vergangenen 15 Jahren.

In Schleswig-Holstein werden auf Vogelinseln wie Trischen oder Norderoog seit bald hundert Jahren Brutbestände dokumentiert. Seit knapp zwei Jahrzehnten wird beim Austernfischer systematisch untersucht, wie erfolgreich er brütet und wovon dies abhängt. Seit Mitte der 1990er Jahre bzw. seit 2002 kartiere ich die Brutpaare in Daueruntersuchungsgebieten im Vorland des Hedwigenkooges und in Westerhever. Ich zähle sie nicht nur anhand ihres reviertypischen Verhaltens, sondern suche auch ihre Gelege. So kann ich das Schicksal der Eier bis zum Schlüpfen verfolgen und ihren Schlupferfolg ermitteln. Seit drei Jahren beobachte ich zusammen mit meiner Kollegin Sabrina Langhans auch das Schicksal der geschlüpften Küken, messe also den Bruterfolg.

Beim Austernfischer ist das Auffinden der Gelege relativ einfach, da er offen brütet. Alle 5-6 Tage kontrolliere ich die Gelege. Ist die Nestmulde leer, suche ich nach kleinsten Resten der Eischalen, das wäre ein Indiz für erfolgreiches Schlüpfen. Ausgefressene Eier, Eireste, Dotter oder Schalenstücke in der Nestmulde oder der Umgebung des Nestes sind ein eindeutiger Beleg für einen Beutegreifer, für Prädation. Meistens gibt es aber keinerlei Spuren am Nest, die Eier sind einfach verschwunden.

In der Salzwiese gibt es meist keine Fußabdrücke. Um den Zeitpunkt der Prädation einzugrenzen, setze ich Thermologger ein, die alle 10 Minuten die Temperatur im Nest aufzeichnen. Man sieht am Temperaturverlauf, wann der Altvogel das Gelege verlassen hat. So kann man nacht- und tagaktive Prädatoren unterscheiden. In Westerhever gehen über 80 % der Gelege nachts verloren, der Fuchs ist dort wahrscheinlich der Haupttäter. Als tagaktive Beutegreifer kommen Möwen oder Greifvögel in Frage.

Um Beutegreifer im Einzelfall zu bestimmen, sind Nestkameras mit Lichtschranken erforderlich. Dies wurde im Meldorfer Speicherkoog, auf Helmsand und in der Eider-Treene-Sorge Niederung gemacht. Es wäre sinnvoll, diese Methode auch andernorts in Salzwiesen einzusetzen, um eindeutig zu klären, ob Füchse wirklich die Hauptverursacher sind. Iltis und Hermelin sind weniger wahrscheinlich. Anderen Beutegreifern ist es kaum möglich, die fast hühnereigroßen Eier des Austernfischers mitzunehmen, ohne sie dabei zu beschädigen und Spuren zu hinterlassen.

Meine Untersuchungen zeigen, dass der Schlupferfolg des Austernfischers vor allem durch Beutegreifer (62 %) bestimmt wird. Außergewöhnlich hohe Wasserstände (18 %) oder Verluste durch Schafe (1 %) sind nachrangig. Obwohl in beiden Gebieten insgesamt 170 Austernfischerpaare brüten, ist ihr Erfolg miserabel: Früher hatten in manchen Jahren über 70 % der Paare Schlupferfolg, in den vergangenen drei Jahren waren es im Hedwigenkoog nur noch 15 % und in Westerhever schlüpften überhaupt keine Austernfischer. Weil Austernfischer über 30 Jahre alt werden können und die scheinbar guten Salzwiesen-Brutplätze begehrt sind, ist der Effekt noch nicht voll bestandswirksam. Das Bruterfolgsmonitoring zeigt aber bereits – deutlicher als das Brutbestandsmonitoring – wohin die Entwicklung geht.

Dass der Fuchs einen großen Einfluss auf brütende Wat- und Wasservögel hat, zeigen viele Beobachtungen und Erfahrungen im Wattenmeer. Man sieht es an Sylt: Die Insel war früher ein Brutplatz für Möwen und Seeschwalben. Als die Füchse nach dem Bau des Hindenburgdammes die Insel erreichen konnten, erloschen die großen Seevogelkolonien.

Viele Halligen und Inseln haben nur deshalb große Seevogelkolonien, weil es keine Raubsäuger gibt. Deshalb ist auch die Fuchssperre am Damm nach Oland und Langeneß so wichtig. Sie gewährleistet den im Halligvorland brütenden Löfflern, Seeschwalben und Watvögeln bis heute ihren guten Bruterfolg.

Es ist ein Problem aller Wattenmeer-Nationalparks, dass von der Landseite Raubsäuger eindringen können. Der Deich markiert einen scharfen Schnitt zwischen dem Nationalpark auf der Seeseite und landwirtschaftlichen Flächen auf der Landseite – aber die Natur vollzieht jeden Tag, jede Nacht, einen Austausch in beide Richtungen. Aus der Jägerschaft hört man, dass die Würfe beim Fuchs in den vergangenen Jahren sehr groß sind. Er profitiert von der besseren Deckung, die Grünlandumbruch mit nachfolgendem Mais- und Getreideanbau bieten. Seine Bestände sind daher gewachsen.

Besonders folgenschwer ist es, wenn Füchse im Nationalpark selbst ihre Behausungen haben. In den Westerhever Salzwiesen hat man in den vergangenen Jahren einige Füchse im Nationalpark geschossen. Der Schlupferfolg hat sich dadurch aber nicht erhöht, sondern liegt weiterhin bei Null. Man kann einen Fuchs rausschießen oder auch zwei, drei – aber dann rücken andere aus dem Binnenland sofort nach. Die Bejagung des Fuchses im Nationalpark ist für mich nur eine Bekämpfung der Symptome.

Umso wichtiger ist es, vom Menschen geschaffene Strukturen im Nationalpark zu beseitigen, in denen der Fuchs seinen Nachwuchs aufziehen kann. Der Schafberg in Westerhever ist so ein Fall. Bei hohen Fluten war er Schafen früher eine rettende Insel, seit der Einstellung der Beweidung hat er keine Funktion mehr, dient Füchsen aber als Bau. Man sollte ihn zurückbauen, wie schon aus gleichem Grund den Kuhberg auf der Hamburger Hallig. Einige Fuchsbauten entstanden, weil der Aushub der Entwässerungsgräben auf immer derselben Stelle abgelegt wurde, wodurch sich kleine Wälle bildeten. Diese Wälle sollten wieder abgetragen werden. Hilfreich wäre es auch, wenn das Vorland nicht flächendeckend entwässert, sondern Gräben zugelassen werden, die ständig Wasser führen. Die Brutareale in den Salzwiesen wären für den das Wasser meidenden Fuchs so schlechter erreichbar. Unsere Brutvögel würden es uns danken.“

 
 
Ringelganstage

© Ringelganstage

Offensichtlich geht ihm wieder einmal eine Ringelgans durch den Kopf: Mit dem englischen Ornithologen und Farmer Andrew St. Joseph (rechts) erhielt ein Urgestein der Ringelgansforschung bei den 15. Ringelganstagen auf Hooge die Goldene Ringelgansfeder. „Man kann diesem Teil Deutschlands nur gratulieren, dass dies möglich wurde. Die Vertrautheit der Gänse ist unglaublich, so etwas gibt es sonst nirgendwo auf der Welt“, erklärte der Ornithologe. Bernd Scherer (links) vom Umweltministerium würdigte ihn: „Dass wir heute in einem von allen Seiten unterstützten Weltnaturerbe und Nationalpark stehen, hätte vor 40 Jahren kaum einer für möglich gehalten. Und das hat direkt und sehr viel mit der Ringelgans-Geschichte und ihren Anfängen zu tun“.

Seit Mitte der 1970er Jahre kommt Andrew St. Joseph immer wieder nach Nordfriesland, um die hiesigen Forschungsarbeiten an den Ringelgänsen zu unterstützen. Er führte den Fang der Vögel mit Kanonennetzen und die farbige Beringung der Tiere ein – zwei Methoden, die die wissenschaftliche Erforschung der damals stark bedrohten Art erst ermöglichten. Über 7.000 Ringelgänse wurden seitdem in den europäischen Überwinterungsgebieten und in den Brutgebieten an der russischen Eismeerküste beringt, rund 240.000 mal wurden ihre Ringe abgelesen. Das bessere Wissen mündete in einen besseren Schutz: In ihren Brutgebieten im „Großen Arktis Reservat“ auf Taimyr und in den Frühjahrs- und Herbst-Gebieten in den Wattenmeer-Nationalparken sind die Gänse nun gut geschützt. Im Wattenmeer sind die friedlich grasenden Tiere inzwischen zu einer touristischen Attraktion geworden, was sich im umfangreichen Programm der diesjährigen Ringelganstage widerspiegelte.

 
 
Von oben und unten

© Von oben und unten

„Die Nordsee von oben“ – das sind atemberaubende Luftbilder der Nordseeküste, gefilmt mit der weltbesten Helikopterkamera. In manchen Kinos lief der Film wochenlang. Mit der Filmproduktionsfirma machte die Nationalparkverwaltung daraus einen 12-minütigen Nationalparkfilm in deutscher und englischer Sprache. Er ist bald in vielen Infoeinrichtungen des Nationalparks zu sehen und jetzt schon hier.

Ebenfalls von hoch oben, aus 300 bis 600 Metern Höhe, wurden im Oktober vergangenen Jahres an 17 Orten des Nationalparks Luftbilder aufgenommen und später am Computer zu Luftbildpanoramen zusammengesetzt. Man kann sich in ihnen bewegen, Interessantes heranzoomen oder zum nächsten Bild weiterklicken. Als Kamerahalter diente kein Hubschrauber, sondern ein Gyrokopter.

Völlige Bodenhaftung bieten je 5 Audio- und Video-Podcasts. In jeweils nicht einmal 5 Minuten gibt es akustische und visuelle Appetithäppchen über das Stochern im Trüben, einen Spaziergang auf dem Meeresgrund und den Sinn des Zählens, Messens und Beobachtens.

 
 
Welt-Schokolade

© Welt-Schokolade

50 % Kakao, 80 % Fair-Trade-Anteil, so steht es auf dem kleinen Päckchen. Da bleibt kein bitterer Nachgeschmack. Wer die 2x35 Gramm „Watt’n Glück Schokolade“ für 4,50 Euro bei der Tourist-Information in Büsum kauft – nur dort gibt es sie – tut ohnehin nur Gutes. Für Büsum, das sein 175-jähriges Bestehen als Nordsee-Heilbad so rohrohrzuckersüß schokoladisiert, und fürs UNESCO Weltnaturerbe, das jeweils 1 Euro als Spende erhält. Das internationale Wattenmeersekretariat in Wilhelmshaven stellte dafür erstmals das Wattenmeer-Weltnaturerbelogo zur Verfügung. Wer die Täfelchen aufklappt, erfährt Watt, kann sich fast den Blick über den Deich sparen und mag dabei den Anteil „Roh-Vollmilch von den Tiroler Bio-Bergbauern Bio vom Berg“ genießen.

 
 
Biofilm

© Biofilm

… ist keine Kategorie der Landesbildstellen, sondern eine hauchdünne, belebte Schicht. Wie das Wasserhäutchen auf dem Watt. Algen, Bakterien und Einzeller leben dort und organisches Material lagert sich ab. Alles unsichtbar klein. Wissenschaftler aus Japan und Kanada haben nun herausgefunden, dass kleine Watvögel wie der Alpenstrandläufer oben sich in erheblichen Umfang von diesem lebendigen Film ernähren. Mehr als 100 mal in der Minute strecken sie ihre Zunge in den Schlick, der an ihren speziellen Zungenborsten hängenbleibt. Damit nehmen sie auch Mikroorganismen und organisches Material auf, womit sie bis zu 70 % ihres Energiebedarfes decken können. Die Wissenschaftler sehen in kleinen Wirbellosen, beispielsweise Schnecken, nun nicht mehr nur eine Beute der kleinen Watvögel sondern auch ihre Nahrungskonkurrenten und stellen sie auf dieselbe „trophische Stufe“. In ihrem Artikel diskutieren die Wissenschaftler vielfältige Folgerungen, die sich aus den neuen Befunden ergeben.

 
 
Kooperierst Du schon?

© Kooperierst Du schon?

Schützt Du noch oder kooperierst Du schon? Diese Frage stellte IKEA Kiel nicht, die Anfrage nach einer Kooperation mit dem Multimar Wattforum aber schon. Das Ergebnis ist eine Kooperationsvereinbarung zur gegenseitigen Werbung: Das Multimar wird auf der Website der IKEA-Family dargestellt und beworben. Im Gegenzug erhalten Inhaber der IKEA-Family Card 10 % Preisnachlass beim Besuch des Multimar Wattforums in Tönning.

 
 
Fünf Neue

© Fünf Neue

In der Nationalparkverwaltung und im Multimar gibt es neue Mitarbeiter: Klaus Jakobs (links) ist eigentlich Wasserbauer. Diese Arbeit ist ihm aus gesundheitlichen Gründen leider nicht mehr möglich. Nun bringt er die Wanderwerkstatt Wattenmeer in Schleswig-Holsteins Schulen, verteilt Hunderttausende von Multimar-Faltblättern und organisiert die Lagerhaltung im Multimar. Auch Sönke Hans ist ursprünglich Wasserbauer. Er arbeitet jetzt im Aquarienbereich des Multimar. Bei dem Fototermin fehlte er leider.

25 Wochenstunden wird Jutta Förster bis Ende Oktober vor allem auf Eiderstedt als Nationalpark-Rangerin arbeiten. Als zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin, Nationalpark-Wattführerin, ehrenamtliche Mitarbeiterin des NABU und des Archäologischen Landesamtes ist sie bestens mit ihren Aufgaben vertraut, könnte sie fast mit geschlossenen Augen angehen. Geht aber nicht: Haikus wie „Wattenknistern leis’ – der Möwen Schrei ich höre – weit der Horizont“ könnten auftauchen. Die lässt sie aber nur nach der Arbeit zu.

Armin Jeß (2. von rechts) kommt aus St. Peter-Ording, ist Tischler, Jäger und untersuchte in seiner Geografie-Diplomarbeit die Salzwiesen in Westerhever. Danach arbeitete er in der Seehundstation in Friedrichskoog und leitete jahrelang das Nationalparkhaus auf Neuwerk und später das Naturzentrum des Öömrang Ferian auf Amrum. Nun ist er im Fachbereich Schutz und Entwicklungsplanung der Nationalparkverwaltung für St. Peter-Ording, die Hamburger Hallig, die Nationalparkkuratorien sowie das Halligprogramm zuständig. „Ich habe immer schon gedacht, Nationalparkamt, das wär’s irgendwann mal.“

Keinen Bezug zur Nordsee hatte der Pfälzer Heiko Hoffmann (rechts), der in der Schweiz Umweltwissenschaften und Zeitgeschichte studierte. Dann machte er 2010 ein Praktikum auf Sylt, anschließend seine Bachelor-Arbeit über das Besucherlenkungs-Konzept in Morsum, wurde „Strand-Ranger“ für Wenningstedt und Kampen, vogelbegeistert und will nun so viel wie möglich im Freien arbeiten. Das wird er künftig als Nationalpark-Ranger im nördlichen Dithmarschen.

 
 
Bücher
 
Natürlich Sylt

©Natürlich Sylt

Sylt-Reiseführer gibt es viele, einen Führer zu den Top Naturerlebnissen auf Sylt hingegen wohl nur einen. Und den hat der Syltkenner und Biologe Lothar Koch nun vorgelegt. Ein Buch, das trotz seines Umfanges noch in den Wanderrucksack passt und dank seines Schutzumschlages sogar wetterfest ist. Ein idealer Führer für unterwegs. Im ersten Drittel des Buches werden die Entstehungsgeschichte der Insel, die einzelnen Naturräume, die Bedrohungen und Gefahren für die Insel sowie die erforderlichen und praktizierten Naturschutzaktivitäten anschaulich und verständlich dargestellt. Im Hauptteil des Buches werden aber die Naturschätze der Insel behandelt. Sie werden in insgesamt 9 Touren mit unterschiedlichem Charakter ansprechend und informativ dargestellt und laden zur Entdeckung per Fahrrad oder per pedes ein. Eine Detailkarte ist jeder Beschreibung vorangestellt. Kleine Leckerbissen sind die eingestreuten Lieblingsspaziergänge des Autors. Ich kann dieses Buch jedem Sylt-Naturliebhaber empfehlen! (Martin Stock)

Lothar Koch (2012): Natürlich Sylt. Feldhaus Verlag, 248 Seiten, 12 x 20,5 cm, 22,90 €.