Juni 2012

Juni 2012

 
Moin. Henk Tennekes blickte kürzlich auf die eindrücklichen Vogelmengen im niederländischen Wattenmeer. Als er durch die Kartoffelfelder Groningens nach Hause fuhr, erschrak er: „Die Gefahr ist groß, dass all die Vögel, die ich gesehen hatte, verschwinden, weil in den Kartoffelfeldern Neonikotinoide eingesetzt werden.“ Auch hierzulande mögen Naturschutzgedanken dieser Art manchen umtreiben. E-Bike-, Wattrolli- oder Müllfloß-Fahrer können ihre Touren aber auch einfach nur genießen. Bleiben Sie uns gewogen. Ihre Nationalparkverwaltung
 
In dieser Ausgabe
Neonikotinoide

© Neonikotinoide

Er sei ganz zufällig in das Thema geraten, als er sich für das Bienensterben interessierte, sagt der niederländische Toxikologe Dr. Henk Tennekes (61). Er habe immer gedacht, wenn etwas wissenschaftlich nachgewiesen ist, würden die richtigen Entscheidungen getroffen. So publizierte er seine Erkenntnisse zunächst in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Weil die Reaktion ausblieb, studierte er die Abnahme vieler Vogelarten und schrieb ein Buch über einen möglichen Zusammenhang mit neuartigen Insektiziden. Darin beschreibt er auch typische Vogelarten des Wattenmeeres.

„Die Bayer AG hat 1985 ein synthetisches Nikotinoid entwickelt, mit dem die Stoffgruppe der Neonikotinoide geschaffen wurde. 1991 gab es erste Feldversuche. Wegen ihrer hohen Toxizität bei schädlichen Fraß- und Sauginsekten erfreuen sie sich bei Landwirten zunehmender Beliebtheit. Weltweit werden sie an rund 140 Nutzpflanzen in über 100 Ländern eingesetzt: im Mais- und Kartoffelanbau, bei Zuckerrüben, im Obstbau, bei der Zucht von Blumenzwiebeln, in Gewächshäusern und Schrebergärten, auf Sport- und Golfplätzen.

Als das erste Neonikotinoid, Imidacloprid, 1995 bei Sonnenblumen in Frankreich verwendet wurde – dort wird Honig hauptsächlich mit Sonnenblumen gewonnen – stellten die Imker fest, dass die Bienen sich merkwürdig verhielten. Einige Völker kehrten beispielsweise nicht zum Stock zurück. Die französische Regierung setzte eine Kommission ein, die 2003 zu dem Schluss kam, dass es einen Zusammenhang zwischen der Imidacloprid-Beizung von Sonnenblumen- und Maissaatgut und dem Bienensterben gab. In Deutschland hatte Clothianidin noch drastischere Effekte: Bei der Aussaat von Mais, der mit diesem Neonikotinoid gebeizt war, wurden 2008 durch den Abrieb des Beizmittels 11.000 Bienenvölker in Mitleidenschaft gezogen. Die Anwendung von Imidacloprid und Clothianidin als Beizmittel bei Mais und Sonnenblumen wurde deshalb in Deutschland und Frankreich verboten. Bei anderen Nutzpflanzen und in anderen Ländern sind Neonikotinoide hingegen unverändert zugelassen.

Klassische Insektizide wie die Phosphorsäureester wirken bei Insekten als Nervengifte, indem sie das Enzym Acetylcholinesterase hemmen und so die Reizübertragung zwischen den Nervenzellen verändern. Werden die Enzyme ersetzt, funktioniert die Reizübertragung wieder. Neonikotinoide binden sich dagegen direkt und nahezu irreversibel an die postsynaptischen nikotinischen Acetylcholinrezeptoren der Nervenzellen des zentralen Nervensystems. Da die Entwicklung der Nervenzellen mit der Geburt oder dem Schlüpfen weitgehend abgeschlossen ist, gibt es für sie keinen Reparaturmechanismus. Im Gegenteil: Kleinste Giftmengen blockieren weitere Rezeptoren, ihre Wirkung summiert sich.

Ich habe 2009 ganz zufällig - weil ich aus der Krebsforschung komme - erkannt, dass die Dosis-Wirkungs-Beziehungen von Neonikotinoiden und von krebserregenden Substanzen gleichartig sind. Damit wurde klar, dass die langfristigen Wirkungen von Neonikotinoiden unterschätzt wurden. Neonikotinoide sind akut etwa 1.000 bis 10.000-fach giftiger als DDT, bei der längerfristigen Toxizität aber 100.000 bis 1.000.000-fach giftiger. Wegen der anderen Wirkungsmechanismen sind Neonikotinoide viel gefährlicher als klassische Insektizide.

DDT reicherte sich in der Nahrungskette an. Greifvögel hatten Probleme, weil ihre Eier immer dünnschaliger wurden. Die Wirkung trat also am Ende der Nahrungskette auf. Neonikotinoide  dezimieren dagegen die Insekten, also Organismen am Anfang der Nahrungskette. Sie bestäuben keine Pflanzen mehr und dienen anderen Arten auch nicht als Nahrung. Wenn man sich vor Augen führt, wie viele Arten von Insekten abhängig sind – der Mensch eingeschlossen – wird klar, dass hier etwas sehr Gravierendes stattfindet. In einer bienenlosen Welt gäbe es bei McDonald's einen Big Mac ohne Fleisch, Salat, Käse, Gürkchen, Zwiebeln und Ketchup.

In den vergangenen Jahren gab es ein Bienensterben von einer nie gekannten Dimension und auch die Schmetterlinge befinden sich auf einem Tiefstand. Über den Rückgang anderer Insektengruppen wissen wir wenig.

Die Vögel sind eine andere Möglichkeit zu schauen, ob es eine Wirkung auf die Nahrungskette gibt. Ich habe mir viele Vogelarten angeschaut, die stark zurück gehen und sie alle sind von Insekten abhängig. In allen Lebensräumen ist dies zu beobachten, im Wald und auf der Heide, bei Wiesen- und Sumpfvögeln. An der niederländischen Küste gehen früher teilweise häufige Brutvögel wie Austernfischer, Kiebitz, Rotschenkel, Uferschnepfe, Großer Brachvogel, Säbelschnäbler und Seeregenpfeifer seit 2000 rapide zurück und ihr Bruterfolg sinkt. Der Austernfischer könnte in Holland 2020 ausgestorben sein, wenn der Trend sich fortsetzt. Auch der Rückgang der Uferschnepfe ist verheerend, sogar in Schutzgebieten.

Auch Veränderungen in der Landwirtschaft oder eine große Zahl von Nesträubern werden zum Rückgang beitragen. Aber all diese Arten ernähren sich zumindest als Küken von Insekten und ich denke, dass dies entscheidend ist. In küstennahen Feuchtgebieten wurde eine rapide Abnahme der Insekten selbst festgestellt – und wir haben dort nachweislich hohe Konzentrationen der wasserlöslichen und kaum abbaubaren Neonikotinoide, die sich über die Oberflächenwasser verteilen. Ich vermute, dass dies in Deutschland ähnlich ist.

Man kann davon ausgehen, dass der ganze Planet mit Neonikotinoiden verunreinigt wird. Insektizide wie DDT, Dieldrin und zehn andere 2001 weltweit verbotene organische Chlorverbindungen wurden als das Dreckige Dutzend bezeichnet. Wie könnte man die Neonikotinoide charakterisieren? Ein Kollege nannte sie die apokalyptischen Reiter. Weil sie die Nahrungskette am Anfang brechen. Denn wenn die Insekten verschwinden, verschwinden wir auch. Dann bricht das Ökosystem zusammen. Wir sind aus meiner Sicht auf dem besten Wege, dies herbei zu führen.“

 
 
Hilfe

© Hilfe

Die im Vorland des Neufelder Kooges am Südende des Nationalparks brütenden Lachseeschwalben gehören zu den seltensten Vögeln Deutschlands. Das nächste Vorkommen der hochgradig vom Aussterben bedrohten und auf der Roten Liste geführten Art liegt in Südfrankreich. Im vergangenen Jahr zogen 42 Paare 9 Küken groß. Dieses Jahr haben bisher 31 Paare mit der Brut begonnen – in einer Kolonie von Tausenden von Flussseeschwalben, von denen sie profitieren, wenn Räuber sich ihnen nähern. Das im Vorjahr begonnene Artenhilfsprojekt sorgt für guten Schutz: mit automatischen Kameras bewachen junge Betreuer das Gebiet rund um die Uhr vor ungebetenen Gästen, beispielsweise Füchsen. An ihrem Bauwagen am Deich erläutern sie ihre Arbeit und gewähren Kamerablicke in das Brutgeschehen. Nur wenn Hochwasser, Füchse oder massive Störungen durch Menschen ausbleiben und die Küken ausreichend ernährt werden, kann es ein gutes Jahr für die Lachseeschwalbe werden. Dass mehr Küken aufwuchsen als zum Populationserhalt erforderlich sind, liegt über 10 Jahre zurück.

 
 
Wattrolli

© Wattrolli

Watt sollte man unmittelbar erleben. Nicht leicht für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Die Nationalpark-Partner-Gemeinde Nordstrand bietet ihnen dafür nun fünf wattgängige Rollstühle. In Fuhlehörn haben sie einen idealen Standort gefunden: bereits binnendeichs können Einzelne oder kleine Gruppen Platz nehmen und sich auf einer Deichüberfahrt direkt ins Watt ziehen lassen. Das ist so fest, dass keine weitere Schubkraft erforderlich ist und so vogel-, wurm- und muschelreich, dass immer was zu sehen ist. Wird dabei die Flut vergessen, wäre der Rollstuhl mit seinem Insassen sogar schwimmfähig. Ein mögliches, aber nicht empfehlenswertes Vorgehen, denn die Zugkraft würde bald ihre Bodenhaftung verlieren. Christine Dethleffsen (links), Nationalpark-Wattführerin und Physiotherapeutin, Josias Hamann von der Nationalparkverwaltung und Regina Reuß von der Kurverwaltung Nordstrand sehen ersten Einsteigern entgegen. Sie zahlen 10 € am Tag und sollten sich bei der Kurverwaltung anmelden (Telefon 04842 454, ). Watt-Rollstühle in mehr klassischer Form bietet übrigens auch die Kurverwaltung in Büsum an (048634 909-114, ).

 
 
Müllfloß

© Müllfloß

Wie viel Müll im Meer treibt, sieht man schönen Stränden nicht an, weil sie regelmäßig sauber gehalten werden. Um die Problematik des Meeresmülls bewusst zu machen, braucht es eine rettende Idee. Ein Floß! Kein Rettungs-, nein, ein Müllfloß. Aus 1a Meeresmüll, von Schulklassen, Tourismuszentralen und Rangern ausschließlich und handverlesen im Nationalpark gesammelt. Schiffbauerfahrene Teilnehmer vom Jugendhilfeprojekt Landungsbrücken des Diakonischen Werkes in Husum erstellten den Rumpf aus Treibholz. 13 Tage bauten viele Schulkassen, die das Multimar besuchten, immer weiter, brachten Schwimmkörper an, schmückten das Floß und erschufen aus dem Meeresmüll tierische Skulpturen. Am Weltmeerestag, dem 8. Juni, wird das Floß im Tönninger Hafen zu Wasser gelassen und getauft. Meeresbürgern und anderen ist es dann schwimmendes Anschauungsobjekt, zum großen Thema des Jahres, der „Müllkippe Meer“. Was später geschieht ist offen. Entsorgen geht immer.

 
 
Auftanken

© Auftanken

Radfahren an der Schleswig-Holsteins Nordseeküste ist herrlich. Wenn nur der Wind nicht wäre. Da hilft starke Kraft in den Beinen oder ein Elektrofahrrad. Matte Radler können vielerorts auftanken, mit E-Bikes (oder Pedelecs; so heißen Elektrofahrräder heutzutage) sollte man aber nur an entsprechenden Ladestationen liegenbleiben. Dank eE4mobile und der Projektförderung durch die AktivRegionen Uthlande und südliches Nordfriesland gibt es davon in Nordfriesland rund 50 Tausch- und Ladestationen. Die südlichste und jüngste im Multimar Wattforum in Tönning. Das Fahrrad bleibt draußen, der Akku kommt rein. Während er mit Strom aus 100% erneuerbaren Energien auflädt, kann auch der Radler auftanken: den Bauch im Restaurant, den Kopf in der Ausstellung. Danach kann der Wind gern wieder kommen.

 
 
2 Neue

© 2 Neue

Im Fachbereich Kommunikation und Nationalpark-Partner der Nationalparkverwaltung gibt es zwei neue Mitarbeiterinnen: Jana Nitsch (28) arbeitet im Marketing für das Multimar und den Nationalpark. Die diplomierte Umweltwissenschaftlerin war im vergangenen Jahr bereits als Praktikantin für die Umwelt in der Nationalparkverwaltung tätig und betreute die Nationalparkferien auf Langeneß. Bis November 2012 wird die Bremerin in der Nationalparkverwaltung arbeiten und Andrea Baum in deren Elternzeit vertreten.

Alina Claußen (27) ist bis Ende Februar 2014 für das dänisch-deutsch-niederländische EU-Projekt PROWAD tätig, in dem Touristiker, Naturschützer und viele andere regionale Akteure eine gemeinsame Strategie für einen nachhaltigen Tourismus im internationalen Wattenmeer entwickeln wollen. Schleswig-Holsteins Küste kannte die Biogeographin bisher nicht, das Wattenmeer aber schon: In ihrer Diplomarbeit analysierte sie touristische Naturerlebnisangebote im niedersächsischen Wattenmeer. Sie freut sich besonders auf einen 3-tägigen Study Trip an die englische Jurassic Coast, einem Weltnaturerbegebiet, von dessen Tourismus- und Marketingaktivitäten PROWAD lernen möchte.

 
 
BFD’ler gesucht

© BFD’ler gesucht

Die Nationalparkverwaltung und das Multimar Wattforum suchen möglichst zum 1. August 2012 je einen Freiwilligen für den Bundesfreiwilligendienst (BFD). Wer Interesse an vielfältigen Aufgaben in der Öffentlichkeitsarbeit oder in der Umweltbildung im Nationalpark hat, findet die ausführlichen Stellenbeschreibungen auf www.freiwillige-im-naturschutz.de oder auf www.bundesfreiwilligendienst.de, wenn Tönning als Suchort eingeben wird.

 
 
Bücher
 
Naturgewalten im Weltnaturerbe Wattenmeer

©Naturgewalten im Weltnaturerbe Wattenmeer

Die Gestaltungskraft von Wind, Wasser und Wellen ist an einem stürmischen Tag im Wattenmeer hautnah spürbar. Watten, Priele und Sände sind durch fortwährende Veränderung gekennzeichnet. Diese Dynamik des Lebensraumes ist eines der Kriterien für die Ausweisung des Weltnaturerbes gewesen. Dirk Meier geht in seinem neuen Buch einleitend, mit anschaulichen Grafiken illustriert, auf die gestaltgebenden Kräfte im Naturraum Wattenmeer ein und führt dem Leser die natürliche und wechselhafte Landschaftsentwicklung des Küstenraumes anschaulich vor Augen. Der Schwerpunkt des Buches liegt in der Beschreibung der wechselhaften Besiedlungsgeschichte der Nordseemarschen, der historischen Kulturnahme des Küstenraumes und der ewigen Auseinandersetzung der Küstenbewohner mit den Naturgewalten. Ein Kapitel über die Sturmfluten der Neuzeit schließt das Buch ab. Die Ausführungen zeigen eindrücklich, dass die Marschen, Inseln und Halligen im Wattenmeer ein bedeutsames kulturelles Erbe bewahren. Die im Watt anzutreffenden Kulturspuren sind greifbare Erinnerungskultur. Ein lesenwertes Buch über die Landschaftsgeschichte des heutigen Weltnaturerbes.
(Martin Stock)

Dirk Meyer (2012): Naturgewalten im Weltnaturerbe Wattenmeer. Boyens Buchverlag, 231 Seiten, kartoniert, 12,95 €.

Das Ende der Artenvielfalt

©Das Ende der Artenvielfalt

Neuartige Pestizide töten Insekten und Vögel - der Untertitel beschreibt genau den Inhalt dieses Buches. Der niederländische Toxikologe Henk Tennekes beschreibt darin auf 72 Seiten, was er im Gespräch mit der Redaktion der Nationalpark Nachrichten oben zusammengefasst hat. Eine ausführliche Besprechung des Buches hat Susan Haffmans in der Zeitschrift Kritische Ökologie veröffentlicht. Neben dem Inhalt ist auch die Form des Buches erstaunlich: Es ist schön. Das liegt an der großzügigen Gestaltung des Buches und den kräftigen, ganzseitigen Landschaftsbildern des Malers Ami-Bernard Zillweger, die einem nach jedem Kapitel helfen, mal durchzuatmen.

Henk Tennekes (2012): Das Ende der Artenvielfalt. Hrsg.: BUND, 72 Seiten, 29.95 €. Das Buch ist nur beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland zu beziehen, der das Buch aus dem Englischen ins Deutsche übertragen hat.