Oktober 2012

Oktober 2012
 
Moin. Vogelliebhaber waren früher belächelte Eigenbrötler. Heute sind Ornis eine coole Community. Durch Internet und Digitalkameras hochvernetzt und bildstark, durch Funktionswäsche thermoreguliert genießen sie sinnenfroh authentische Natur. Nicht im Sessel, sondern draußen, mit Wind im Haar. Interessiert? Die Zeit ist gut, die Gelegenheit günstig. Vielleicht sieht man die weiße Watt-Eule. Oder (angeschossene) Nonnengänse. Bleiben Sie uns gewogen. Ihre Nationalparkverwaltung
 
In dieser Ausgabe
Liebhaber

© Liebhaber

Martin Kühn (44) ist in Berlin-Charlottenburg aufgewachsen. Vor elf Jahren kam er nach Nordfriesland, in sein gelobtes Land, und wurde 2004 Nationalpark-Ranger. Vögel beobachten war schon immer seine Leidenschaft: „Ich bin als Ornithologe aus dem Ei geschlüpft“, sagt er.

„Zunächst habe ich mich nur an dem erfreut, was ich sah. Ich merkte aber bald, dass sich die Lebensbedingungen vieler Arten schon innerhalb weniger Jahre deutlich verschlechtert hatten – so wurde ich zum Naturschützer. Mir macht die Vogelbeobachtung größte Freude, weil ich gern draußen in der Natur bin und mich auch als Teil von ihr sehe. Mich begeistert es, meine Sinne immer „on“ zu haben, immer weiter zu schulen. Manchmal muss ich aufpassen, dass ich anderen nicht unhöflich erscheine, weil ich meinem Gegenüber manchmal nicht in die Augen, sondern an ihm vorbei schaue, wenn im Hintergrund Vögel zu sehen sind.

Wie wird man Vogelliebhaber, Ornithologe, Orni? Neben der Lust rauszugehen und zu beobachten braucht es nicht viel. Literatur ist das eine. Ich empfehle gleich das richtige Buch: den Kosmos Vogelführer. Das andere ist ein gutes Fernglas. Vogelbegeisterten Leuten, etwa den jungen Bufdis oder FÖJlern, sage ich: „Verschuldet euch!“ Die Summe meiner Fehlkäufe hat mich viel mehr gekostet, als wenn ich mir gleich ein High End Produkt von Leica, Swarovski oder Zeiss gekauft hätte, von dem man sein ganzes Leben etwas hat.

Am Anfang ist es gut, sich immer wieder allein der Vogelwelt zu widmen, sich mit seinen Sinnen zu beschäftigen und nicht mit dem, was andere erzählen. Damit aber kein Frust aufkommt, wenn einige Vögel trotz guter Sicht nicht zu bestimmen sind, sollte man sich bald Leute suchen mit denen man sich austauschen und gemeinsam auf Entdeckungstour gehen kann. Ich erinnere mich, wie ich mit Freunden in Berlin ewig diskutierte, ob der über die Lichtung jagende Vogel ein Sperber oder Habicht, die Schwanzfedern gerundet, der Flügelschlag charakteristisch war. Über diese minimalen Unterschiede, die man nur Bruchteile einer Sekunde wahrnehmen konnte, haben wir intensiv gestritten. Da lernt man viel über die eigene Wahrnehmung. Ornithologie ist aber auch eine Schule des Hörens: Der versierte Ornithologe nimmt 80 Prozent seiner Beobachtungen zunächst akustisch wahr. Manchmal erkennt er die Vogelstimme nicht gleich, wird aber auf den Vogel aufmerksam.

Eine hervorragende Möglichkeit, in die Vogelkunde einzusteigen, bietet www.ornitho.de. Der Anfänger kann prüfen, ob sein Dunkler Wasserläufer oder sein Strandpieper zum Ort und zur Jahreszeit passt oder er sie vielleicht doch falsch bestimmt hat. Außerdem sieht man dort, welche Seltenheiten derzeit aus den Lieblingsgebieten gemeldet werden. Vor der eigenen Entdeckungstour kann man sich auf dieser Website sogar schon die Rufe der Vögel anhören und einprägen.

Schleswig-Holsteins Westküste ist einer der besten Orte zur Vogelbeobachtung in Deutschland. Viele Freizeit-Ornithologen kommen aus dem Binnenland zu uns. Dort freut man sich über einen Knutt, bei uns sind es Tausende. Hier kann man üben, die Watvögel zu bestimmen. Die Westküste ist zudem eine geografische Leitlinie für Kleinvögel und andere Zugvogelarten.

Für die Vogelbeobachtung gibt es keine beste Jahreszeit, aber eine besonders intensive: Jetzt! Während der Monatswende September/Oktober gibt es bei uns einen ständigen Strom von durchziehenden Vögeln. Phantastische Vogelschwärme sieht man während der Halligfahrten bei Hooge, Langeneß oder Norderoog. Die Flugmanöver Tausender Alpenstrandläufer und Knutts sind ein Naturschauspiel, das manchmal an fliegende Teppiche denken lässt. Zugleich gibt es Zehntausende von Pfeif- und Spießenten an der Küste und Ringelgänse auf den Halligen. Aus Nordamerika oder Nordost-Sibirien kamen seit Mitte September zudem große Seltenheiten, wie Grasläufer, Graubruststrandläufer oder Prärie-Goldregenpfeifer. Typisch für die Jahreszeit sind auch Hochseevögel. Bei Starkwind wurden in den letzten Wochen vor Sylt Schwalbenmöwen, Wellenläufer und einige Dunkle Sturmtaucher gesichtet, die auf Inseln des Südatlantiks brüten.

Der ideale Einstieg ist der Westküstenvogelkiek am 6. und 7. Oktober, ornithologische Genießertouren, zu denen man sich anmelden sollte. Sie sind so ausgerichtet, dass der ältere Herr seinen Stieglitz mal richtig gut zu sehen bekommt und die junge Ornithologin vielleicht sogar den amerikanischen Grasläufer. Für alle stehen dabei Hilfen bereit: Ferngläser, Bücher und Fachleute.

Nach meinem Eindruck hat der Orni-Tourismus in den vergangen Jahren auffallend zugenommen. Im Hauke-Haien-Koog sind die Parkplätze am Straßenrand ständig von Ornis besetzt. Viele kommen aus Dänemark, wo dieses Hobby deutlich mehr Anhänger hat als bei uns. Vögel beobachten ist dort oft ein Familien-Event. Da müssten wir auch hinkommen.“

 
 
Watt-Eule

© Watt-Eule

Nicht nur das Ampelmännchen hat die deutsche Wiedervereinigung überlebt, sondern auch die Naturschutzeule. Bundesweit blickt die (schwarze) Eule von gelben Schildern die Besucher von Naturschutzgebieten, Naturdenkmalen, Naturparks und Nationalparks an. Jetzt auch bei uns. Um die Besonderheit der Wattenmeer-Nationalparks und Weltnaturerbegebiete in Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein hervorzuheben, ist das Schild in den Farben weiß und blau gestaltet. Ein Zusatzschild weist auf die Bedeutung des Wattenmeeres hin. Von der holländischen bis zur dänischen Grenze ist das Wattenmeer damit einheitlich gekennzeichnet. Bislang verwendeten die drei Küstenländer für ihre Nationalparke jeweils eigene Beschilderungen mit eigenen, veralteten Logos. Zusätzliche Kosten entstehen übrigens nicht. Die alten Schilder werden nur ausgetauscht, wenn es nötig ist.

 
 
BIS Föhr

© BIS Föhr

Auf Föhr war das Besucherinformationssystem (BIS) schon in die Jahre gekommen. Nun wurde es rundum erneuert und erweitert: An 32 Standorten stehen insgesamt 63 Informationstafeln und 2 Informationspavillons. Sie zeigen, was an den jeweiligen Standorten los ist. Welche Geschichte ein Ort und seine Kirchen haben, wie es um die generelle Meeresverschmutzung oder den lokalen Küstenschutz steht, was Ebbe und Flut antreibt oder was die Nationalpark-Idee ist. Global denken - lokal schreiben, war die Leitlinie der Texter und Grafiker der Nationalparkverwaltung bei der Erstellung der BIS-Elemente. Alle Texte, Bilder und Abbildungen stimmten sie mit den jeweiligen Gemeinden ab. So wurde lokales Wissen berücksichtigt.

 
 
Angeschossen

© Angeschossen

Viele der in Russland und im Ostseeraum brütenden Nonnengänse tragen Schrotkugeln im Körper. Röntgenuntersuchungen in Dänemark belegen dies für 13 % der durchziehenden Altvögel und 6 % der Jungvögel. Bezogen auf die Gesamtpopulation von derzeit 770.000 Tieren entspricht dies einem Anteil von 96.000 Nonnengänsen. Die dänischen Wissenschaftler gehen davon aus, dass jährlich 26.000–58.000 Nonnengänse geschossen werden, hauptsächlich in den russischen Brutgebieten, wo ihre Bejagung erlaubt ist. In den Überwinterungsgebieten in Estland, Deutschland, Schweden und Dänemark dürfen Nonnengänse nur geschossen werden, wenn sie Schäden in der Landwirtschaft anrichten. Das sind insgesamt etwa 1.800–3.000 Tiere jährlich. Die Nonnengans-Population wächst derzeit jährlich um 8 %. Der Effekt der Jagd liegt bei 3–7 %. (TE Holm & J Madsen: European Journal of Wildlife Research, Online First™, 10. Juli 2012).

 
 
Neu: BFD

© Neu: BFD

Sich außerhalb von Schule und Beruf für das Allgemeinwohl zu engagieren ist jetzt auch in der Nationalparkverwaltung und im Multimar Wattforum möglich. Zwei Stellen im Bundesfreiwilligendienst (BFD) wurden eingerichtet und jetzt erstmals besetzt: Amelie Berg (links, 20) und Elisabeth Giedow (19) bilden die erste BFD-Generation.

Bereits im August haben sie an dem einwöchigen Seminar teilgenommen, mit dem die rund 50 BFDler oder Bufdis, die bei verschiedenen Naturschutzvereinen und- einrichtungen in der Nationalparkregion tätig sind, in die Biologie des Wattenmeeres und die hiesigen Naturschutzthemen eingeführt wurden. So hatten die beiden Abiturientinnen schon erste Watt-Berührungen.

Amelie Berg hat bereits in ihrer Heimatstadt, Freudenberg in Nordrhein-Westfalen, Jugendgruppen für den DGB betreut. Sie ist politisch sehr interessiert und freut sich, die hiesige Interessenkonflikte kennenzulernen, etwa diejenigen, die sich aus dem Bau von Offshore Windkraftanlagen ergeben. Ihr Interesse am Schreiben wird sie im Fachbereich Kommunikation und Nationalpark-Partner sicher ausleben können.

Elisabeth Giedow hätte mit dem Studium der Tiermedizin beginnen können, wollte aber zuvor gern als Freiwillige tätig sein. Tönning und das Multimar kannte die Cottbusserin von einer Klassenfahrt, so dass sie über www.freiwillige-im-naturschutz.de wieder hier landete. Sie will erst sich selbst und dann anderen Watt-Wissenswertes beibringen, im Multimar Führungen machen und sich bei der Haltung der Tiere engagieren.

 
 
Bücher
 
Kosmos Vogelführer

©Kosmos Vogelführer

4.000 Farbzeichnungen der verschiedenen Kleider, Unterarten und Geschlechter von 900 Vogelarten – diese Biodiversität kann nicht nur Anfänger verwirren. Die Zeichnungen sind so naturgetreu und detailreich, dass man sich fragt, ob die Natur immer hinterherkommt. Aktuelle Verbreitungskarten zeigen Brut- und Überwinterungsgebiete sowie Zugrouten. Das Buch steckt voller Wissen, es ist die Bibel der Ornis.

Lars Svensson u.a. (2011): Der Kosmos Vogelführer. Alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Kosmos Verlag, 448 Seiten, gebunden, 29,95 €.