November 2012

November 2012
 

Moin. Das überrascht: Ein Mitarbeiter des Bundesrechnungshofs empfiehlt, Deutschlands Nationalparke aus den Einnahmen des Emissionshandels zu finanzieren und zentral zu verwalten. / Deutschland gibt mehr Geld für den internationalen Naturschutz als jedes andere Land. / Vor unserer Küste schwimmen Riesenhaie. Das überrascht nicht: Dem Naturschutz fehlt der Nachwuchs. Früher waren kernige Naturerlebnisse die stärksten Argumente in eigener Sache. Heute wird mit zeitgemäßen Instrumenten um die Herzen und Köpfe junger Menschen geworben. Bleiben Sie uns gewogen. Ihre Nationalparkverwaltung

 
In dieser Ausgabe
Ermutigend

© Ermutigend

Auf Hooge leitete Gertrud Sahler als Vorsitzende des Nationalkomitees vor sieben Jahren die Überprüfung unseres Biosphärenreservates, später übergab sie die UNESCO-Anerkennungsurkunde. Heute leitet sie die Abteilung Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung im Bundesumweltministerium und vertritt Deutschland bei internationalen Konferenzen, die über den Erhalt der biologischen Vielfalt mitentscheiden. Zuletzt in Hyderabad, Indien, wo dieses Bild bei einem Diskussionsforum entstand.

„Mich begeistert die landschaftliche Vielfalt unserer Nationalparke in Deutschland. An jedem Ort kann man Anderes, Neues oder Besonderes entdecken. Unsere Nationalen Naturlandschaften sind für mich das Herzstück unseres Schutzgebietssystems. Darüber hinaus haben wir ein Netz von Naturschutzgebieten und das europäische Natura-2000-Schutzgebietsnetz. All diese Gebiete überschneiden sich in großen Teilen. Ich sehe eine gemeinsame Aufgabe des Bundes und der Länder darin, diese Gebiete voranzubringen.

Die Koordination der Nationalen Naturlandschaften - also der Nationalparke, Biosphärenreservate und Naturparke - erfolgt durch ihren Dachverband EUROPARC Deutschland e.V. sowie durch jeweils ein Referat im Bundesamt für Naturschutz und in der Abteilung Naturschutz des Bundesumweltministeriums. Vielleicht ist die Koordinierung noch etwas suboptimal, aber ich glaube nicht, dass wir eine große, koordinierende Bürokratie für die Nationalen Naturlandschaften brauchen. Viel wichtiger wäre es mir, wenn wir die Zahl der vor Ort arbeitenden Naturschützer erhöhen könnten, vor allem der Ranger. Ein Defizit, das bundesweite Evaluierungen immer wieder verdeutlichen.

Der Föderalismus, also die primäre Zuständigkeit der Bundesländer, ist für den Naturschutz in Deutschland kein Nachteil. Naturschutz findet auf der Fläche statt. Die Länder sind dort mit ihren Verwaltungen viel näher dran, als es eine zentrale Bundesbehörde sein könnte. Ich fand es allerdings sehr interessant, dass ein Mitarbeiter des Bundesrechnungshofes vorschlug, der Bund solle die Nationalparke und Biosphärenreservate aus Erlösen des Emissionshandels selbst finanzieren und mit einer eigenen Behörde verwalten (Weidmann 2009, Verwaltungsrundschau, S. 253-259). Ich kann diesem amerikanischen Modell zwar Sympathien abgewinnen, wegen unserer Verfassung sind wir davon aber weit entfernt.

Der Bund unterstützt schon seit den 1970er Jahren in einem speziellen Programm Großvorhaben des Naturschutzes. Ich habe mich immer gefragt, warum darin zwar von Gebieten gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung gesprochen wird, die Nationalparke aber nicht gemeint sind. Was ist denn gesamtstaatlich repräsentativ, wenn nicht unsere Nationalparke? Es wäre der Mühe wert, nochmals mit dem Bundesrechnungshof und dem Bundesfinanzminister darüber zu reden, ob man nicht zumindest mit Teilen des Programms auch Nationalparke unterstützen könnte.

Ein aktuelles Projekt, das der Bund förderte, ist die gemeinsam mit EUROPARC Deutschland und den Nationalparkverwaltungen durchgeführte Evaluierung der Nationalparke. Wir haben dies Mitte Oktober auf der elften Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über die biologische Vielfalt im indischen Hyderabad präsentiert, wo es großes Interesse fand.

Ich bin zufrieden aus Hyderabad zurückgekehrt. Wir haben dort ein wichtiges Finanzierungsziel verabschiedet. Bis 2015 werden die internationalen Naturschutzausgaben gegenüber dem Mittel von 2006 bis 2010 verdoppelt. Bei der nächsten Vertragsstaatenkonferenz wird dieses Ziel überprüft, der verdoppelte Level soll aber mindestens bis 2020 gehalten werden. Damit ist ein erster Schritt zur Umsetzung der 20 im "Strategischen Plan" festgelegten Ziele getan worden. Dieser Plan wurde 2010 auf der Vorläuferkonferenz in Nagoya beschlossen. Er soll  den Verlust an biologischer Vielfalt bis 2020 stoppen. Industrie- und Entwicklungsländer aus allen Kontinenten haben in Hyderabad darüber berichtet, dass sie inzwischen eigene nationale Strategien und Aktionspläne entwickelt haben. Das war außerordentlich ermutigend. Strategien und Pläne reichen aber nicht, man muss auch handeln. Deswegen war es wichtig, dass wir uns auch bei der Finanzierung geeinigt haben.

Deutschland gibt ab dem kommenden Jahr jährlich 500 Millionen Euro für den internationalen Naturschutz aus, mehr als jedes andere Land. Dabei spielt der Meeresschutz eine große Rolle. Wir haben in Hyderabad ein sehr großes deutsch-indisches Gemeinschaftsprojekt gestartet, das auch der Ausweisung von Meeres- und Küstenschutzgebieten in Indien dient. Und wir unterstützen – gemeinsam mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und der Kreditanstalt für Wiederaufbau – die Ausweisung von küstennahen Meeresschutzgebieten in anderen Ländern Asiens und in Südamerika. Diese vielfältigen bilateralen Aktivitäten haben mit dazu geführt, dass Deutschlands Bemühungen zum Schutz der biologischen Vielfalt und beim Klimaschutz international hoch anerkannt sind.“

 
 
Mehr Seehunde

© Mehr Seehunde

Die Zahl der Seehunde ist weiter gestiegen: im Wattenmeer der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks wurden bei Befliegungen im August insgesamt 26.220 Seehunde gezählt, davon 9.268 in Schleswig-Holstein. Gegenüber dem Vorjahr wurden im gesamten Wattenmeer 11 % mehr Seehunde gezählt. Da etwa ein Drittel der Seehunde während der Zählflüge unter Wasser sind, wird der aktuelle Gesamtbestand des Wattenmeeres vom Gemeinsamen Wattenmeersekretariat auf 38.500 Tiere geschätzt. Er hat damit wieder eine natürliche Größe, wie sie für die Zeit um das Jahr 1900 angenommen wird.

 
 
Riesenhaie

© Riesenhaie

Am 11. Oktober beobachtete ein Flugteam der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, das im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz Schweinswale in der Deutschen Bucht zählte, zwei etwa 4 m lange Riesenhaie (Cetorhinus maximus). Etwa 20 km westlich von Hörnum/Sylt und 10 km südwestlich von Wittdün/Amrum – jeweils nur einen Flossenschlag außerhalb des Nationalparks – schwammen die Tiere nah an der Oberfläche. Offensichtlich hatten die Haie ein prima Gebiet gewählt, denn viele Vögel und Fischkutter in der Umgebung deuteten auf ein gutes Nahrungsangebot hin.

Der Riesenhai kann 10 Meter lang werden und ist die zweitgrößte Haiart nach dem Walhai. Mit geöffnetem Maul schwimmen Riesenhaie durch die Meere. Dabei filtrieren sie mit den Reusen ihrer riesigen Kiemenspalten Ruderfußkrebse und anderes Plankton. Die  sanftmütigen und neugierigen Tiere lassen Boote und Taucher nahe herankommen. Nördlich und südlich des Äquators kommen sie weltweit vor, meist in Gebieten mit einer Wassertemperatur von 8-16 Grad.

Früher waren die Tiere so zahlreich, dass sie gezielt befischt wurden. In der Nordsee erreichten die Fänge in den 1960er Jahren ihren Höchststand, bis Mitte der 1990er Jahre wurden gelegentlich einzelne Tiere gefangen. Seitdem sind Riesenhaie in der südlichen Nordsee äußerst selten und werden dort nur alle paar Jahre gesehen. Die Tiere können 50 Jahre alt werden, wachsen dabei langsam, werden spät geschlechtsreif, haben wenige Nachkommen und eine lange Tragzeit. Die IUCN stuft sie im Nordostatlantik als „stark gefährdet“ ein.

 
 
Sächsische Partner

© Sächsische Partner

Zwei Tage lang tauschten sie Wiesen, Wald und Sandsteingebirge gegen Watt, Weltnaturerbe und Halligleben: Nationalpark-Partner aus der Sächsischen Schweiz besuchten den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Michael Klisch (mit Fahrrad) von der Schutzstation Wattenmeer empfing sie auf Hooge und berichtet über das Leben auf der Hallig, die Biosphäre und die Gemeinde als Nationalpark-Partner. Auf der Rückfahrt stellte Nationalpark-Ranger Martin Kühn einige Einheimische vor: Quallen und Garnelen, Schollen, Seenadeln und Seehunde. Eine Watt- und Salzwiesenexkursion in Westerhever und das Multimar Wattforum waren weitere Programmpunkte. Während ihres Besuches kamen die Sachsen vielerorts mit hiesigen Nationalpark-Partnern zusammen, wobei sie Erfahrungen austauschen und neue Ideen entwickeln konnten.

Mittlerweile machen über 800 Partnerbetriebe die schönsten Gegenden Deutschlands nachhaltig erlebbar. In Schleswig-Holstein sind derzeit 130 regionale Unternehmen Nationalpark-Partner.

 
 
Wattpaket

© Wattpaket

Evelyn Lucke ist fertig und glücklich: Nach monatelanger Arbeit sind 300 Nationalpark-Wattpakete jetzt versandbereit; umfangreicher und besser als je zuvor. Lehrer und ihre Schüler aus 3. bis 6. Klassen haben es nun so leicht wie nie, Watt zu lehren und zu lernen. Klassenfahrten lassen sich damit gut vor- und nachbereiten. Das 9 kg schwere Paket enthält 5 Sachbücher für Lehrer und Schüler, viele Poster, Quartette und andere Spiele sowie Broschüren über die Wattenmeer- Nationalparke in Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Eine kleine „Strand-Schatzkiste“ birgt Schalen von Muscheln und Schnecken, die mit Bestimmungstafeln identifizierbar sind. Das klassenraumfüllende Zugvogelspiel lässt die Kinder das harte Leben eines in der Arktis aufwachsenden und dann ins Wattenmeer ziehenden Alpenstrandläufers nachempfinden. Ein 200 Seiten starkes Ringbuch gibt viele, viele Anregungen für den Unterricht, enthält Arbeitsbögen und führt sogar ins Wadden Sea English ein.

Die zweite Auflage des Wattpakets wird von den drei Nationalparkverwaltungen gemeinsam herausgegeben. Schulen können es zum Selbstkostenpreis von 98 € + 9 € Porto bei der Nationalparkverwaltung in Tönning bestellen (04861 96200, nationalpark@lkn.landsh.de). Über Anregungen zum Wattpaket freut sich die Haupt-Macherin (evelyn.lucke@lkn.landsh.de).

 
 
Junior Ranger Web

© Junior Ranger Web

Für 7 bis 12-Jährige gibt es ein neues, alters- und zeitgemäßes Angebot für Aktivitäten im Virtuellen: das Junior Ranger Web lädt mit Online-Lernspielen dazu ein, im Wattenmeer, im norddeutschen Tiefland, im Mittelgebirge oder in den Alpen von einer Rangerstation aus die Region zu erkunden. Folgen die angehenden Junior Ranger auf vorgegebenen Wegen den eigenen Mausklicks und lösen dabei Multiple-Choice-Fragen, erhalten sie Basteltipps, Rezepte und Informationen zu den Schutzgebieten. Das steht in einem Forscherbuch, das sie am eigenen Drucker ausdrucken können. Mit den Bestimmungshilfen darin können sie Tiere und Pflanzen identifizieren. Das Buch soll dazu anregen, den Computer auszuschalten und draußen in der Natur weiter zu forschen.

Das Junior-Ranger-Web wurde vom Bundesamt für Naturschutz gefördert. Es ist Teil des bundesweiten Junior-Ranger-Programms, eines Gemeinschaftsprojekts von EUROPARC Deutschland und WWF Deutschland in Kooperation mit den Nationalen Naturlandschaften.

 
 
Bücher
 
Pausenfüller

©Pausenfüller

Pausenfüller

Kindern der 6. und 7. Klassen werden wattbiologische Phänomene auf vielfältige Weise vermittelt. Es gibt Bücher und Unterrichtsmaterialien, und mit Glück gibt es eine Klassenfahrt ans Wattenmeer. Nun brachte der WWF Husum Unterrichtsmaterial für Lehrer (grün) und Schüler (blau) in dem Heft „Pause im Wattenmeer“ heraus. Man liest und staunt: Der Zug unserer Wattenmeervögel bleibt – trotz größter Fachkunde und vieler Details – fortwährend interessant. Wie von selbst tun sich immer neue Fragen auf. Mindestens drei Stunden/Themenmodule mit neun verschiedenen Elementen lassen sich so gestalten. Mit witziger Sprache werden schließlich anspruchsvolle Themen behandelt, etwa wenn es im Wattenmeer-Fly-In heißt „Die Rechnung bitte!“ oder in Folge des Meeresspiegelanstiegs ein Verlust des Wattenmeeres von 35 % bis zum Jahr 2100 aus Arbeitsblättern messend zu ermitteln ist. Wer hat Schuld daran? Der neue Koch im Fly-in, Erd R. Wermung. Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer: Mit Erfolgen aus vergangenen Jahren überzeugte die Küchenchefin G. Zeiten beim großen Raststätten-Test.

Pause im Wattenmeer (2012), WWF Deutschland, 68 Seiten, kostenlos erhältlich als Download und gedruckt (Anfragen an husum@wwf.de).

Lesenswert

©Lesenswert

Lesenswert

Warum heißt die Andelzone „Andelzone“, welcher Rastvogel trampelt sich zu seiner Mahlzeit und weshalb gibt es überhaupt das Wattenmeer? Auf über 200 Seiten gehen der Nationalpark-Mitarbeiter Dr. Martin Stock und die Biologen Prof. Dr. Hans-Heiner Bergmann und Prof. Dr. Herbert Zucchi diesen und vielen anderen Fragen nach und erklären dabei in anschaulichen Texten so manches Geheimnis des Wattenmeeres. Selbst Kenner entdecken hier noch Neues.

Das Buch „Watt – Lebensraum zwischen Land und Meer“ ist nun in dritter, völlig neu bearbeiteter Auflage erschienen. Erweitert wurde es um einige aktuelle Themen und neue Bilder. In handlichem Format wird dem Leser eine umfangreiche Einführung in den Lebensraum Watt geboten und das zu einem unschlagbaren Preis.

Jana Nitsch

Stock, Bergmann, Zucchi (3. überarbeitete und ergänzte Auflage 2012): Watt – Lebensraum zwischen Land und Meer. Boyens Verlag, 208 Seiten, 135 Abbildungen, kartoniert, 9,90 €.

Sehenswert

©Sehenswert

Sehenswert

Wer die Weite, den Formenreichtum und das Spiel der Gezeiten im Nationalpark Wattenmeer in ganzer Schönheit und Lebendigkeit erleben möchte, der muss ganz einfach in die Luft gehen. Peter Hamel hat dies getan und eine riesengroßen Luftbildkalender für das Jahr 2013 mit Motiven aus dem Weltnaturerbe Wattenmeer zusammengestellt. Wer nicht schon von der Größe des Kalenderformates beeindruckt ist, der wird es spätestens, wenn er die atemberaubenden Formen und Strukturen sowie das Licht- und Farbenspiel dieser Landschaft auf den einzelnen Kalenderblättern betrachtet. Auch die Jury des "gregor international calendar awards" war begeistert. Sie hat den Kalender mit einer Gold-Medaille ausgezeichnet und ihn zum " Besten Verlagskalender 2013" gekürt.

Für den Fotografen Peter Hamel war es wie ein Rausch, als wir über der Nordsee kreisten und die Schönheit der Natur uns sprachlos machte und überwältigte. Lassen auch Sie sich ein Jahr lang berauschen von der Schönheit unserer Wattenmeernatur vor der Haustür. Ein beeindruckender Kalender!

Martin Stock

Peter Hamel: „Weltnaturerbe Wattenmeer. Die Nordsee von oben 2013“, Kalender mit Spiralbindung, 70 x 100 cm, Verlag für Lichtbilder, Hamburg 2012, 14 Blätter, 68 €.