In der Tönninger Nationalparkverwaltung koordiniert Dr. Martin Stock (55) die erste flächendeckende Dünen- und Salzwiesenkartierung an Schleswig-Holsteins Westküste, die nach wattenmeerweitem Standard durchgeführt wird. An den letzten warmen Sommertagen im August des vergangenen Jahres kartierte er mit der Praktikantin Laura Knopp und dem Jordsand Vorstandsmitglied Karl-Peter Hellfritz die Außensände Japsand, Norderoog- und Süderoogsand.
„Wir sind von Hooge frühmorgens bei Niedrigwasser zunächst nach Norderoog, von dort aus zum Norderoogsand gelaufen, wo wir über Hochwasser blieben. Wir liefen über den flachen Sand und sahen den flimmernden Horizont. Durch die warme Luft wurden selbst niedrige Erhebungen so hochgespiegelt, dass wir das Gefühl hatten, auf eine riesige Düneninsel zuzulaufen. Als wir uns näherten, wurde sie immer kleiner - wie der Scheinriese bei Jim Knopf.
Es ist ein unglaubliches Erlebnis, diese Weite dort zu erleben, die Großartigkeit der Landschaft. Wir hatten das Gefühl, dass der Sand unendlich ist. Wir spürten es allerdings nicht nur in unseren Herzen, sondern auch in den Beinen. Um alles zu kartieren, bin ich an dem Tag 30 Kilometer durch den butterweichen Sand gelaufen. Am Ende war ich wirklich an der Grenze meiner Leistungsfähigkeit.
Auf dem Süderoogsand und auch im Süden des Norderoogsandes gibt es über Sommer ausgeprägte, windgeformte, vegetationsfreie Sicheldünen und einige, wenige Quadratmeter große, schütter bewachsene Primärdünen. Auf dem Japsand hat sich seit einigen Jahren ein größeres, locker bewachsenes Primärdünenfeld ausgebildet.
Im Norden des Norderoogsandes aber hat man das Gefühl, auf einer neuen Düneninsel zu stehen! Es gibt dort eine große, zusammenhängende Fläche mit Primärdünen in einer Ausdehnung von 700 x 200 Metern, insgesamt etwa 14 Hektar groß. Die höchsten Dünen sind sogar über 4 Meter hoch. Einzelne sind bereits mit Strandhafer und Strandroggen bewachsen und es haben sich Weißdünen gebildet. In den Dünentälern bilden sich Salzwiesen wie an den Ostenden der ostfriesischen Inseln. Viele Salzwiesenpflanzen, wie Queller, Dreizack, Wermut und Keilmelde, haben wir dort gefunden. Im gesamten Dünenbereich waren es 49 Pflanzenarten. Diese hohe Artenzahl hat uns überrascht. Fünf Jahre zuvor wurden dort nur 5 Arten festgestellt, zu 99,9 % bestand die Vegetation aus Dünenquecke.
Alle Außensände verlagern sich ostwärts. Schon als Zivis erzählten wir gern, dass der Japsand bald Hooge einen Sandstrand bringen wird. Ebenso rückt der Norderoogsand immer näher an Norderoog heran. Jetzt liegen noch 1500 Meter dazwischen.
Die Sände wachsen aber auch in die Höhe, sanden auf. Das betrifft nicht nur die Dünen, sondern den gesamten Sand. Wir haben lokal einen Meeresspiegelanstieg von etwa 3,5 Millimetern pro Jahr. Aber die Sände können mitwachsen, weil Sand aus dem Meer herantransportiert und auf die weiten Sandflächen geblasen wird. Bei der Dünenbildung wird Sand, der durch beständigen Wind aus einer vorherrschenden Richtung vielleicht hinter einem Stück Treibholz aufweht, von Pflanzen besiedelt. Ein Wurzelstückchen Dünenquecke kann schon genügen. Nur durch Bewurzelung halten sich die Dünen dauerhaft.
Durch die bewachsenen Dünen ist auf Norderoogsand ein neuer Lebensraum für Küstenvögel entstanden. Vor 10 Jahren, als der Sand noch fast frei von Dünen war, brüteten auf dem Sand nur einzelne Silbermöwen und Austernfischer. Seit einigen Jahren sind es etwa zehn Küstenvogelarten. Im Frühsommer 2012 wurden 149 Paare Silbermöwen, 74 Heringsmöwen, je 4 Austernfischer und Graugänse, je 2 Mantelmöwen, Eiderenten und Sandregenpfeifer sowie 1 Wanderfalken-Paar erfasst. Die Natur lebt dort die Nationalparkidee: Durch „Natur Natur sein lassen“ ist eine neue Vogelinsel entstanden.“







