März 2013

März 2013
 

Moin. Vor bald vier Jahrzehnten hat Karsten Reise begonnen, einfache Regeln, einfache Naturgesetze zu finden, die ökologische Muster im Watt erklären. In der nur Regeln nachspürenden Wissenschaft sieht der Ökologie-Professor nun ideologische Züge. Mit einem im Sommer erscheinenden, umfangreichen Fachartikel will er sich an einem Disput in der wissenschaftlichen Ökologie beteiligen, der nach seiner Auffassung große Auswirkungen auf den Naturschutz und das Naturmanagement hat. Kurz vor seiner Emeritierung blickt der ebenso fachkundige wie beliebte Wattenmeer-Kenner aufs Watt und offeriert schon vorab - wieder einmal - neue Sichtweisen. Bleiben Sie uns gewogen. Ihre Nationalparkverwaltung

 
In dieser Ausgabe
Zufallsgeschichte

© Zufallsgeschichte

Schon als Kind war Karsten Reise in den Sommerferien oft auf Sylt. Er interessierte sich für die Natur und bald auch für den Naturschutz. Nach dem Zoologie-Studium sah er sich in den USA um. Aus Jux und Neugier nahm er an einem Kurs in „Intertidal Ecology“ (Ökologie des Gezeitenbereichs) teil und wusste, was er wollte: Das Wattenmeer zum Experimentierfeld machen, mit Maschendraht und Käfigen Tiere ein- oder ausschließen, um ihre Effekte zu ermitteln und ökologische Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Er entdeckte, welche dramatischen Effekte Räuber im Wattenmeer haben können, erforschte die mikroskopisch kleine Fauna im Sandlückensystem und die absehbaren Effekte von Eindeichungen. Seit 1998 leitet Professor Reise, der als umfassender und international herausragender Kenner des Wattenmeeres gilt, in List auf Sylt die Wattenmeerstation des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Ende März geht er in den Ruhestand.

Gleichgewicht und Resilienz...
„Man hört es in Politikerreden, liest es in der Zeitung, es ist Allgemeinwissen: Ökosysteme befinden sich von Natur aus in einem ökologischen Gleichgewicht. Gegenüber Störungen sind sie robust und flexibel zugleich. Tierpopulationen, die durch Bejagung dezimiert wurden, regenerieren sich, wenn die Jagd eingestellt wird. Selbst ein Meteoriteneinschlag bleibt langfristig fast immer folgenlos, weil die Natur Selbstheilungskräfte hat und in ihr harmonisches Gleichgewicht zurückschwingt. Diese Sichtweise von Ökosystemen hat sich übertragen auf die gesamte Biosphäre. Unser Planet wird als ein Großökosystem gesehen, dass zwar Fieberanfälle haben kann, sich dann aber wieder mit einer Eiszeit abkühlt. Das ökologische Rückfederungsvermögen der Natur (engl. Resilience) hat die Aura des Naturgesetzlichen. Es sitzt tief im öffentlichen Bewusstsein. In wissenschaftlichen Publikationen liest man es selten, in jüngster Zeit allerdings zunehmend mehr und es gibt in der wissenschaftlichen Ökologie eine Gruppe von Wissenschaftlern, die dies herausstellt, die Resilience Alliance.

... versus Kontingenz
Ich bin überzeugt, dass das Konzept des ökologischen Gleichgewichtes und seines Rückfederungsvermögens falsch ist. Von allein schwingt so gut wie gar nichts zurück. Es kann manchmal sein, dass es dem ähnlich ist, was vorher war, aber das ist Zufall. Das ist meines Erachtens überall in der Biosphäre so, aber für uns kurzlebige Menschen in einem so veränderlichen Lebensraum wie am Übergang Küste - Meer leichter sichtbar.

Was wir sehen, ist eine ständige Folge von zufälligen, nicht vorhersagbaren Ereignissen, von Kontingenz-Ereignissen (engl. Contingency). Für die Naturgeschichte des Wattenmeeres sind sie viel prägender als das, was wir über wissenschaftlich-ökologisch erkannte Gesetzmäßigkeiten rekonstruieren oder erklären können. Wenn ich mich aber kaum auf Gesetzmäßigkeiten verlassen kann, sondern es immer anders kommt als man denkt, hat das Auswirkungen auf unsere Prognosefähigkeit. Es muss uns bescheidener werden lassen, was den Blick in die Zukunft angeht. Es gibt keine Notwendigkeit mehr, ein Ökosystem von seiner inneren Gesetzmäßigkeit mathematisch-modellhaft zu verstehen, damit ich ein darauf basierendes Management durchführen kann. Aber es impliziert auch viel mehr Lockerheit, nach dem Motto „Shit can happen“.

Aha
Diese Sichtweise ist bei mir in Jahrzehnten gewachsen. Mein persönliches Aha-Erlebnis ist ein misslungenes Experiment, das ich vor 30 Jahren publiziert habe. Heute wundere ich mich, dass es überhaupt publiziert wurde, denn es ist eigentlich nichts dabei herausgekommen. Damals hatte ich Wattwürmer durch Gaze ausgesperrt und gezeigt, dass der Wattwurm für winzige Strudelwürmer im Wattboden mal positiv, mal neutral, mal negativ ist. Für das Auffinden einer ökologischen Gesetzmäßigkeit, mit der auch Voraussagen möglich gewesen wären, war das ziemlich irrelevant. Anything goes - so what. Aber es kam damals durch, weil es neu war, Experimente im Freien zu machen. Heute würde es wohl im Gutachterprozess stecken bleiben.

Das ist auch der Grund, warum ich diese Geschichte jetzt zum Thema mache. Wissenschaftler, denen so etwas wie mir passiert ist, die also ein einmaliges Ereignis haben, reichen es bei den Fachzeitschriften gar nicht erst ein oder es wird im Begutachtungsprozess rausgekickt. Die wissenschaftliche Ökologie ist dadurch in Schieflage geraten. Gelingt es, allgemeine Gesetzmäßigkeiten zu zeigen - mit Glück gelingt das immer wieder - wird dies publiziert, die anderen Sachen bleiben aber hängen. Es gibt sie nur im Gedächtnis älterer Wissenschaftler und hilft vielleicht Masterstudenten zu trösten, indem man sagt, du, das ist mir auch schon mal passiert. Publiziert wird es nicht. Die Wissenschaft unterdrückt aus ideologischen Gründen also das Zufällige. Ideologisch, weil man die Vorstellung hat, dass ein funktionierendes Ökosystem aus einem eng geknüpften Netz an Wechselbeziehungen besteht. Wenn ich an der Schraube Wattwurm geringfügig drehe, dann hat das Kaskadeneffekte, die das System durchlaufen, und zwangsläufig passiert dieses und jenes. Aber so ist es fast nie!

Der Mainstream in der wissenschaftlichen Ökologie ist darauf fixiert, wichtige Gesetzmäßigkeiten zu finden, um die Natur einfach zu erklären. Es kann zwar sein, dass genau das passiert, aber es können auch andere Sachen passieren. Meistens passiert etwas anderes und nicht das, was ich vorher als Hypothese hatte. Ich behaupte, das, was uns eine bessere Orientierung bei der Betrachtung heutiger ökologischer Situationen gibt, ist der Blick auf die Verkettung von Zufallsereignissen in der Vergangenheit.

Historische Ökologie
Als größtes Wissensdefizit im Wattenmeer sehe ich daher unser nebelhaftes Verständnis von Dingen und Vorgängen vor unserer Forschungszeit, die nur 100 Jahre zurückreicht. Ich denke, dass wir mit dem heutigen Methodenrepertoire einigermaßen rekonstruieren könnten, wie sich Algenflora und Fauna früherer Jahrhunderte und Jahrtausende zusammengesetzt und bis heute entwickelt haben. Das könnte mit biogeochemischen Markern vorangetrieben werden, mit molekulargenetischen Datierungen, mit mikropaläontologischen Untersuchungen von Kieselalgenskeletten in tieferen Wattbodenlagen, über Muschelschalen und ähnliche Reste und auch über Vogelknochen. Weil wir mit der C14-Kartierung inzwischen das Alter organischer Substanzen bestimmen können, wird das im Zuge der Klimarekonstruktion weltweit gemacht. Im Wattenmeer sind ökohistorische Untersuchungen aber ein völlig unterbelichtetes Forschungsfeld.

Vom Wattenmeer haben wir die Vorstellung, dass es zwar hochdynamisch ist, aber eigentlich alles immer nur hin- und herschwappte, ohne gerichtete oder historische Veränderung. Ich glaube, diese Vorstellung ist grundfalsch. Wir können sie nur durch eine Forschung revidieren, die sich die Rekonstruktion der Naturgeschichte des Wattenmeeres zum Ziel setzt. Die Archäologen sind da auf gutem Wege, aber über die Naturentwicklung sind unsere Kenntnisse sehr rudimentär geblieben.

Was die Zukunft des Wattenmeeres angeht, bin ich sehr gelassen, weil ich davon beeindruckt bin, welche Erfolge der Naturschutz in den vergangenen 40 Jahren gehabt hat. Erich Wohlenberg, der Leiter der Forschungsstelle Westküste, schrieb in den 1930er Jahren, sein Beweggrund, Wattforschung zu betreiben, sei die Bewertung, ob das Wattenmeer schon deichreif ist. Diese Vorstellung dominierte noch, als ich 1974 mit meiner Doktorarbeit angefangen hatte. Seitdem hat es einen Wechsel um 180 Grad gegeben, wobei die Anerkennung als Weltnaturerbe besonders markant ist. Mit seinen fantastischen Vogelschwärmen, den blühenden Salzwiesen und mit seinen Wattführungen ist das Wattenmeer als ökonomischer Faktor in gewisser Weise unantastbar geworden.“

 
 
Kleiner Riese

© Kleiner Riese

Etwa 80 Walarten gibt es weltweit. 65 sind räuberisch lebende Zahnwale mit kegelförmigen Zähnen. Alle Delphine und andere Wale, die kleiner als etwa zehn Meter sind, zählen dazu, auch der Schweinswal. Einzig der Pottwal macht eine Ausnahme von dieser Größenregel. Die anderen 15 Walarten sind Bartenwale, die sich filtrierend von Plankton, kleinen Krebsen oder Fischen ernähren. Sie schwimmen mit offenem Maul wie die Glattwale, filtern den Meeresboden wie die Grauwale oder nehmen mit einem extrem dehnbaren Kehlsack große Mengen Wasser auf, das sie mit der Zunge durch die Barten nach außen drücken wie die Furchenwale.

Seit 10 Jahren zeigt das Multimar Wattforum in seinem Walhaus Pottwal und Schweinswal. Beim Jubiläum enthüllte Umweltstaatsekretär Dr. Ulf Kämpfer nun das 6,5 Meter lange Skelett eines Zwergwals. Er ist der kleinste Furchenwal und der einzige, der gelegentlich in deutschen Gewässern anzutreffen ist. Von 2002 bis 2009 wurden neun Zwergwale im deutschen Meeresgebiet gesichtet, fast alle im sogenannten „Entenschnabel“, etwa 400 Kilometer vor unserer Küste. In der gesamten Nordsee leben etwa 10.000 Zwergwale, weltweit sind es etwa 300.000. Trotz Bejagung - derzeit werden knapp 1.000 Tiere jährlich erlegt - hat der Bestand in den vergangen 100 Jahren zugenommen. Der im Multimar ausgestellte Zwergwal war im vergangenen August am Hindenburgdamm gestrandet. Zuvor, von 1970 bis 2009, wurden sechs Zwergwalstrandungen an der deutschen Nordseeküste registriert.