Mai 2013

Mai 2013

 

Moin. Aus den Augen, aus dem Sinn. Algenschaum und schwarze Flecken werden an unserer Küste kaum mehr gesehen. Aber obwohl immer weniger Nährstoffe ins Meer gelangen, ist es überdüngt. Wenig Aufmerksamkeit genoss lange Zeit auch Harry Diedrichsen – bei den 16. Ringelganstagen erhielt er nun Gold. Mit dabei war eine internationale Expertengruppe, die das Thema Biodiversität und Tourismus studierte und biodiverser nicht sein konnte. Bleiben Sie uns gewogen. Ihre Nationalparkverwaltung

 
In dieser Ausgabe
Überdüngt

© Überdüngt

Der Meeresschutz ist eines der drei Schwerpunktthemen des Umweltbundesamtes in diesem Jahr. Ulrich Claussen (56) ist seit 2005 Leiter des Fachgebiets Meeresschutz im Umweltbundesamt. Als Kind wühlte er begeistert im Cuxhavener Wattenmeer, wo er seine Sommerurlaube verbrachte. Bis heute fährt er immer wieder gern dort hin und buddelt immer noch: Jetzt mit seinem kleiner Sohn Jan Piet.

„Die von Bund und Küstenländern vorgenommene Anfangsbewertung für die Umsetzung der EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie kommt zu dem Schluss, dass die überhöhte Nährstoffanreicherung neben der Überfischung eines der größten ökologischen Probleme der deutschen Nord- und Ostsee ist. Zwar sind die Nährstoffe Stickstoff und Phosphat in gewissen Mengen für das Leben an Land und im Meer unbedingt erforderlich. Zu viel des Guten schadet aber. Die Überdüngung unserer Meere, wissenschaftlich heißt sie Eutrophierung, verursacht schwerwiegende Veränderungen der Meeres-Ökosysteme.

Kleinste Algen können sich massenhaft vermehren, die Artenzusammensetzung dieses Phytoplanktons verschiebt sich. Dies verändert das gesamte Nahrungsnetz im Meer und betrifft viele andere Arten. Mitunter sind die Veränderungen auffällig, wie beim Algenschaum, der sich in den 1980ern an den Stränden des Wattenmeeres von den Niederlanden bis Dänemark gelegentlich so türmte, dass er Badenden bis zum Bauch reichte. Auch fädige, bodenlebende Grünalgen konnten besser wachsen, so dass sie im deutschen Wattenmeer ab Ende der 1980er Jahre Quadratkilometer große Teppiche bildeten. Damals wurde man auch auf schwarze Flecken aufmerksam. Im Frühjahr 1996 wurden im ostfriesischen Wattenmeer aus schwarzen Flecken schwarze Flächen. Teller- bis fußballfeldgroß war das Watt bis zur Oberfläche sauerstofffrei. Die Ursachen waren vielfältig: Ein kalter und langer Winter 1995/96 mit längerer Eisbedeckung im Watt und Frost im Wattboden hatte zu großen Verlusten bei Muscheln geführt. Selbst Sandklaffmuscheln waren erfroren. Erst ab Mai fand der bakterielle Abbau der toten Biomasse statt und zehrte den Sauerstoff im Watt auf. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch eine fettspeichernde Kieselalge, die sich im Frühjahr massenhaft entwickelt und verschleimend über das Sediment gelegt hatte. Sie blockierte den Sauerstoffnachschub aus der Atmosphäre, so dass sich das System erst im späten Sommer erholen konnte.

In der Nordsee führt die Überdüngung dazu, dass sich viel Phytoplankton bildet. Nach einigen Wochen stirbt es ab und sinkt zu Boden, wo der mikrobielle Abbau erfolgt. Im Laufe des Sommers führt dies in wenig durchmischten Wasserkörpern zu Sauerstoffmangel und giftigem Schwefelwasserstoff am Meeresboden. Bodenlebende Tiere, die nicht fliehen können, können dann sterben.

Über Jahrzehnte haben wir die natürlicherweise hohe Produktivität des Wattenmeeres durch Nährstoffzufuhren zusätzlich gesteigert. Die Fähigkeiten des Wattenmeeres für den Abbau organischen Materials sind nicht unbegrenzt. Wenn wir die Nährstoffzufuhr nicht auf ein natürliches oder naturnahes Maß reduzieren, riskieren wir, dass die Fähigkeit des Wattenmeeres, solche Ereignisse zu kompensieren, verloren geht.

Wir machen keine eigenen Untersuchungen, sondern verlassen uns auf die Expertisen der Wissenschaftler und Behörden vor Ort und vergeben spezielle Forschungsaufträge. Für die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie soll bis 2014 unsere bestehende Meeresüberwachung weiterentwickelt werden, um auch die Eutrophierung aussagekräftig beschreiben zu können. Wir sind da relativ weit, weil es „klassische“ Indikatoren gibt, die im Rahmen des Schutzes unserer Hausmeere einschließlich des Wattenmeeres seit langem herangezogen werden: Nährstoffeinträge der Flüsse, Nährstoffkonzentrationen und das Verhältnis von Stickstoff zu Sauerstoff im Watt und in der Nordsee, Chlorophyll als Maß der Phytoplankton-Biomasse, Sauerstoffgehalt und -sättigung sowie einige Indikatorarten des Phytoplanktons einschließlich toxischer Algen und bodenbedeckender Großalgen.

Die wichtigsten Nährstoffe sind Stickstoff und Phosphat. Sie kommen natürlicherweise in einem Verhältnis von 16 zu 1 vor. Zwar gibt es regionale Unterschiede, es ist aber wichtig, dass dieses natürliche Verhältnis annähernd weiterbesteht. Man sollte also nicht den einen oder anderen Nährstoff als schlimmer bewerten.

Stickstoff und Phosphat, die aufgrund großer Anstrengungen bei der Abwasserreinigung heute zum überwiegenden Teil aus der Landwirtschaft stammen, werden hauptsächlich über die Flüsse in Nord- und Ostsee eingetragen. Beim Stickstoff erfolgen drei Viertel der Einträge durch die Flüsse. Über 60 % davon stammen aus der Landwirtschaft, der Rest unter anderem aus Schifffahrt, Verkehr und Industrie. Die atmosphärischen Einträge von Ammoniak stammen zu über 80 % aus der Viehhaltung.

Obwohl wir bei den atmosphärischen Einträgen von Stickstoff erhebliche Reduktionen erreicht haben, erleben wir auch Steigerungen, wie bei den Stickstoffemissionen aus der Schifffahrt, weil der Schiffsverkehr erheblich zunimmt und die Auflagen für die Brennstoffe und die Abgasreinigung nicht so streng sind wie beispielsweise für Landfahrzeuge. Die Internationale Schifffahrtsorganisation IMO regelt diese Aspekte global und hat in der jüngeren Vergangenheit weiter reichende Maßnahmen veranlasst, die aber aus unserer Sicht noch zügig ausgebaut werden sollten. Lufteinträge von Phosphatverbindungen wurden bislang als nachrangig betrachtet, werden aber in aktuellen Forschungsarbeiten kritischer gesehen. Wir verfolgen das aufmerksam.

In den zurückliegenden Jahrzehnten haben wir große Reduktionserfolge erreicht. Die Flusseinträge für Stickstoff aus dem deutschen Nordseeeinzugsgebiet konnten seit 1985 um 48 % und die von Phosphat um 73 % reduziert werden. Allerdings ist dies im System bisher nicht im selben Maß spürbar. Es kann 20 Jahre dauern, bis die Reduktionen sich im Meer als verringerte Nährstoffkonzentrationen bemerkbar machen. Außerdem sind beispielsweise in den Wattsedimenten immer noch genug Nährstoffe als „Altlasten“ gespeichert, die das System intern weiter düngen können. Das Meer ist ein System, das langsam reagiert.

Wir werden immer wieder gefragt, was der Einzelne zu einer geringeren Nährstoffbelastung beitragen kann. Jeder kann die in die Nordsee gelangenden Nährstoffe verringern, wenn er weniger Fleisch isst. Die intensive Landwirtschaft benötigt nicht nur viel Energie, sondern auch erhebliche Nährstoffmengen. Wer seinen Fleischkonsum reduziert, leistet einen wenig offensichtlichen, aber dennoch unmittelbaren Beitrag zum Meeresschutz.

Ich wünsche mir, dass man in der Nordsee weiterhin problemlos baden kann und wir mit den Umweltproblemen dort deutlich vorankommen. Wir sind auf einem guten Weg, aber es reicht noch lange nicht. Als ich Student war, hat mich immer ein bisschen geärgert, dass wir in anderen Meeresgebieten viel mehr forschten und wussten als in unseren Nord- und Ostseegebieten. Ich glaube, dass es auch heute noch genug Wissenslücken bei unseren Hausmeeren gibt und es vieler regionaler Anstrengungen bedarf. Lasst uns erstmal vor der Haustür kehren."

 
 
Feiner Mann

© Feiner Mann

Er sei ein Kümmerer, ein feiner Mann. Keiner, der gern in der ersten Reihe steht, sondern einer, der Dinge mit Hand und Herz anpackt und erledigt. Und dabei Brücken schlägt. Zwischen überzeugten Jägern und überzeugten Naturschützern, zwischen dem Verein Jordsand und der Schutzstation Wattenmeer, zwischen alten Küstenschützern und jungen Zivis, zwischen Halligmenschen und Verwaltungsmenschen.

Mit diesen Worten wurde Harry Diedrichsen (links) von Dr. Ulf Kämpfer, Schleswig-Holsteins Umwelt-Staatssekretär, bei den Ringelganstagen auf Hallig Hooge, als diesjährigen Preisträger der „Goldenen Ringelgansfeder“ gewürdigt. Der 77-jährige Hooger, ist seit vielen Jahren ehrenamtlicher Nationalparkwart und Jordsand-Referent der Vogelinsel Norderoog. Als wohl bester Kenner des Hooger Wattenmeeres war Harry Diedrichsen jahrzehntelang Ansprechpartner und Ratgeber für viele Generationen von jungen Menschen, die auf Norderoog oder Hooge Zivildienst, ein Freiwilliges ökologisches Jahr oder ihren Bundesfreiwilligendienst leisteten. Als überzeugter Naturschützer sah der früher als Wasserbauwerker beim Land beschäftige Diedrichsen bei der Einrichtung des Nationalparks vor allem die Chancen. Obwohl Jäger, jagt er schon lang keine Ringelgänse mehr. Er versteht sich als Heger und erfreut er sich an der neuen Vertrautheit der Tiere, an dem sichtbaren Nationalparkeffekt, den die weitgehende Einstellung der Jagd auf den Halligen bewirkte. Er freut sich, wenn die Vögel - wie in diesem Winter - an der Warft direkt vor seiner Haustür, das extra für sie lang belassene Gras kurz fressen.

Zur Eröffnung der Ringelganstage waren so viele Besucher wie nie zuvor auf die Hanswarft nach Hooge gekommen. Für den kulturellen Rahmen sorgten die „Basstölpel“, die Akkordeongruppe der Hallig Langeness sowie die Trachtentanzgruppe der Hallig Hooge. Bei der Eröffnungsfeier wurden auch die Sieger des Malwettbewerbs für das Plakat „Ringelganstage 2014“ ausgezeichnet, an dem sich wieder über 300 Schülerinnen und Schüler aus Nordfriesland und Dithmarschen beteiligt hatten. Das Siegerbild malte Chantal Marie Titze von der Nordseeschule in St- Peter-Ording.

 
 
Lehrstück

© Lehrstück

Ben Adebanjo Awe aus Nigeria ist sehr verwundert, dass Teile von Deutschland regelmäßig überflutet werden. Erstaunt hat ihn auch die hohe Bedeutung, die der Tourismus in Deutschland und speziell an der Nordsee hat. Mit 30 anderen Tourismus- und Naturschutzexperten aus Laos und Jamaica, Bhutan, Swaziland und 20 anderen Ländern lernte er dies bei einem zweiwöchigen Trainingsseminar zum Thema Tourismus und Biodiversität in Tönning. Die World Tourism Organisation (UNWTO), eine Unterorganisation der Vereinten Nationen, hatte sich den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer als Lehrstück für ihr zweites derartiges Seminar ausgesucht.

Beim Besuch der Ringelganstage auf Hallig Hooge oder des Multimar Wattforums in Tönning nahmen die Seminarteilnehmer in Augenschein, wie Naturschutz und Tourismus voneinander profitieren können. Claudia Virgen aus dem tropischen Mexiko erlebte das Wattenmeer als „sehr anders, aber fantastisch“. Die enge Kooperation zwischen der Nationalparkverwaltung und den touristischen Organisationen will sie nun daheim anregen, denn „der Erfolg hängt von den Beziehungen und den Menschen ab“. Zrinka Badurina aus Kroatien haben die „Small Five“ begeistert, die – entsprechend den „Big Five“ Afrikas – unsere typischen Watt-Tiere repräsentieren. So etwas möchte sie auch für die kroatische Küste entwickeln.

Neben internationalen Tourismus- und Naturschutzfachleuten referierten und diskutierten auch Experten des Nordsee-Tourismus-Service, der Biosphäre Halligen, der Naturschutzverbände sowie der Nationalparkverwaltung mit der äußerst interessierten und in jeder Hinsicht „bunten“ Gruppe.

Trotz der weltweiten Finanzkrise wächst der Tourismus jährlich um drei bis fünf Prozent. Weltweit sind neun Prozent aller Arbeitsplätze diesem Bereich zuzuordnen. In den beiden vergangenen Jahrzehnten hat der Tourismus besonders in den Entwicklungsländern große Bedeutung erlangt. Allerdings ist er von einer intakten Natur abhängig und damit auch von dem Erhalt der natürlichen Artenvielfalt, die vielerorts stark gefährdet ist. In der internationalen Konvention zum Erhalt der Artenvielfalt wurde der Tourismus als einer der entscheidenden Faktoren erkannt, die einen effizienten Schutz der Artenvielfalt fördern oder behindern können. Deutschland unternimmt große Anstrengungen, die Artenvielfalt international zu schützen und nachhaltige Wirtschaftsweisen zu fördern. Maßnahmen für einen nachhaltigen, qualitativ hochwertigen und wettbewerbsfähigen Tourismus werden unterstützt. Das Bundesumweltministerium hat daher die Kosten des Seminars übernommen.

 
 
Austausch

© Austausch

Weltweit hat die UNESCO 46 marine Welterbestätten ausgezeichnet, davon sieben in Europa. Zum ersten europäischen Treffen kamen nun Vertreter aus vier Gebieten zusammen: High Coast/Kvarken (Schweden/Finnland), Jurassic Coast (England), St. Kilda (Schottland) und dem Wattenmeer (Dänemark, Deutschland, Niederlande). Bei ihrem dreitägigen Treffen in Tönning erhielten die 25 Teilnehmer einen Eindruck vom Weltnaturerbe und Nationalpark Wattenmeer, besuchten St. Peter-Ording, Hallig Hooge und das Nationalpark-Zentrum Multimar. Sie tauschten ihre Erfahrungen aus und waren sich einig, dass das Weltnaturerbe dem Naturschutz, der kulturellen Identität und der regionalen Wirtschaft große Möglichkeiten bietet.

Jens Enemark, der Leiter des Gemeinsamen Wattenmeersekretariates, will nun ein gemeinsames Projekt auf die Beine stellen, dass „das Weltnaturerbe als Katalysator für eine nachhaltige regionale Entwicklung und den Schutz der Natur stärkt. Damit nehmen wir die globale Verantwortung wahr, die sich aus der Ernennung zum Weltnaturerbe ergibt.“  Das Treffen wurde in Zusammenarbeit mit dem UNESCO Welterbezentrum in Paris durchgeführt und vom Gemeinsamen Wattenmeersekretariat in Wilhelmshaven und der Nationalparkverwaltung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer innerhalb des Interreg IVB Projektes PROWAD organisiert.

 
 
Sollte sein

© Sollte sein

Es gehe darum, die Bildungsarbeit der Schulen in den Themenbereichen Wattenmeer, Meer und Küste zu stärken - die Schulen ins Watt und das Watt in die Schulen zu bringen. Ob bei Projektwochen, Klassenfahrten, Vorhabentagen oder bei Lehrerfortbildungen, ob im Multimar Wattforum oder beim Unterricht fern der Küste - immer steht die konkrete Unterstützung der Schulen im Mittelpunkt. So beschreibt Elisabeth von Meltzer (43) ihre neue Tätigkeit, der sie seit Februar mit halber Stelle aber voller Kraft dienstags bis donnerstags in der Tönninger Nationalparkverwaltung nachkommt. Neben dem Wattpaket oder der Wanderwerkstatt sollen weitere Unterrichtsmaterialien zum Watt und zum Nationalpark für Schleswig-Holsteins Schulen entwickelt, die bestehenden an den sich verändernden schulischen Alltag angepasst werden. Den kennt die Diplom-Biologin und Realschullehrerin gut, weil sie zehn Jahre an der Gemeinschaftsschule im lauenburgischen Büchen unterrichtete. Seit die Hessin mit Studienbeginn in den Norden (Kiel) „eingewandert“ war, hat sie einen Draht nach Nordfriesland und in den Nationalpark: Praktikum bei der Schutzstation Wattenmeer auf Hooge, Vogelwärterin des NABU auf der Hamburger Hallig, Referendariat in Bredstedt und zahlreiche schulische Aktivitäten im Wattenmeer. Sie habe sich riesig gefreut, dass sie die landesweit ausgeschriebene Stelle bekommen habe. Das sei nicht nur ein Glücksfall, das sollte auch so sein, schmunzelt sie.