Juli 2013

Juli 2013
 

Moin. An der Küste liegen Meilensteine besonders weit auseinander. Seemeilensteine eben. Einer wurde vielleicht grad passiert, noch ist die Sicht unklar. Bleiben Sie uns gewogen. Ihre Nationalparkverwaltung

 
In dieser Ausgabe
Meilenstein

© Meilenstein

Wie gut ein Schüler ist, sieht man an seinem Zeugnis (OK - das lässt sich diskutieren), für Autos, Kameras oder Zitronenpressen gibt es Testberichte, Politiker werden bewertet und Bundesländer. Aber Nationalparke? Das sollte sich ändern, meinte EUROPARC Deutschland, die Dachorganisation der Nationalen Naturlandschaften und entwickelte dafür im Jahr 2008 Qualitätskriterien. Das Bundesumweltministerium finanzierte ab 2009 eine umfangreiche Prüfung aller 14 Nationalparke, die 2012 ihren Abschluss fand. 16 Experten von Hochschulen, Naturschutzverbänden und Naturschutzverwaltungen, aus Bund und Ländern untersuchten jeden Nationalpark, auch vor Ort. Ihre Ergebnisse fassten sie in 14 Evaluationsberichten zusammen. Dabei ging es ihnen nicht um ein Nationalpark-Ranking. Das wäre wegen der unterschiedlichen natürlichen, historischen und politischen Gegebenheiten wenig aussagekräftig. Ihr Ziel: Stärken und Schwächen aufzuzeigen und konkrete Handlungsempfehlungen zu benennen, damit jeder einzelne Nationalpark noch besser werden kann.

Der Evaluationsbericht bescheinigt unserem Nationalpark, dass er sich in vielerlei Hinsicht sehr gut entwickelt hat. Er benennt aber auch 80 Handlungsempfehlungen mit hoher, mittlerer und niedriger Priorität (Umsetzungsbeginn in 1-2, 3-4 oder 5 Jahren). Vielleicht wird der Impuls, der dem Nationalpark damit gegeben wird, eines Tages als ein Meilenstein unserer Nationalparkgeschichte gesehen werden. Die Präsentation des Evaluationsberichtes durch Umweltminister Robert Habeck bei einer gemeinsamen Sitzung der Nationalpark-Kuratorien Dithmarschens und Nordfrieslands (Foto) stützt diese Einschätzung.

Ohne Umschweife kam Habeck dabei direkt zu dem wichtigsten, aber auch konfliktträchtigsten Punkt, der Empfehlung die nutzungsfreien Teile des Nationalparks von derzeit etwa 35 % (das sind flache, nicht befischbare Wattflächen, das fischereifreie Nullnutzungsgebiet, Vorländer, Inseln und Sände) auf mindestens 50 % zu erhöhen. So sehen es das Bundesnaturschutzgesetz und die Qualitätskriterien vor, weil die Nationalpark-Idee des „Natur Natur sein lassen“ erst glaubwürdig wird, wenn sie im überwiegenden Teil eines Nationalparks maßgebend ist.

Weil Krabbenfischerei die einzige Nutzungsform ist, die mit Ausnahme des kleinen Nullnutzungsgebietes überall erlaubt ist, wäre sie flächenmäßig am meisten betroffen. Habeck will die Anpassung an nationale und internationale Standards nicht rechtlich verordnen, sondern eine einvernehmliche Lösung mit den Krabbenfischern finden. Dafür sieht er einen Weg: Weil Konsumenten immer umweltbewusster einkaufen, ist das MSC-Siegel (Marine Stewardship Council), mit dem sich nachhaltige Fischereien zertifizieren lassen können zu einem Marktfaktor geworden, an dem auch die Krabbenfischerei künftig kaum vorbei kommen wird. Sie bemüht sich deshalb bereits seit 2010 um dieses Öko-Zertifikat. Das Verfahren stockt allerdings, u.a. weil es keine zuverlässigen Bestandsangaben für die Nordseegarnelen gibt. Habeck würde die Krabbenfischer aber in einem im MSC-Verfahren möglichen Seitenweg bei der Zuerkennung des MSC-Siegels unterstützen, wenn sie bestimmte Gebiete nicht mehr befischen würden. „Das könnte eine echte Win-win-Situation werden“, so der Minister, der die harte Arbeit der Fischer während einer Nacht im Winter an Bord eines Krabbenkutters eindrücklich erlebt hatte.

Mit Blick auf die Empfehlung des unabhängigen Evaluierungskomitees, die von der Muschelfischerei beeinflusste Fläche zu reduzieren, machte der Minister deutlich, dass er das Zustandekommen und die Inhalte des derzeitigen Muschelfischereiprogramms kritisch sieht. Diese rechtliche und naturschutzfachliche Sorge würde auch durch verschiedene Klagen der Naturschutzverbände bestärkt. Er wolle in den weiteren Verfahren den Ansprüchen des Nationalparks und der Muschelfischerei unter Einbeziehung der Naturschutzverbände besser gerecht werden und Regelungen mit allen Beteiligten entwickeln. „Nach all den Jahren des harten Konflikts wäre es schön, wenn es einen echten Muschelfrieden geben könnte.“

Alle Nationalparkakteure werden sich nach dieser ersten Präsentation der Handlungsempfehlungen nun in den kommenden Monaten eingehend mit den 80 Punkten befassen.

 
 
Grünzeug

© Grünzeug

Nach der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie werden Grünalgen und Seegräser als sensible Indikatoren für Nährstoffeinträge in Küstengewässern angesehen. Je weniger Grünalgen und je mehr Seegras, desto besser sollte die Umweltqualität im Wattenmeer sein. Mit bis zu 20% der Wattfläche Schleswig-Holsteins hatten die Grünalgen zu Beginn der 1990er Jahre eine zuvor nicht beobachtete Ausdehnung erreicht. Sie blieben anschließend aber unter 5% und im Jahr 2012 bedeckten sie weniger als 1%.

Seegraswiesen nahmen im Gezeitenbereich seit den 1990ern graduell zu. Ihr Flächenanteil im Dithmarscher Watt blieb aber sehr gering (< 1% von 434 km²), während in Nordfriesland (1008 km² Watt) der Bestand von 3% in den 1990ern auf 14% im Jahr 2012 zugenommen hat. Dort befindet sich im Gezeitenbereich das größte zusammenhängende Vorkommen Europas. Der Anteil sehr dicht wachsender Bestände (> 60% Bedeckung) lag bei 77%. Im Dithmarscher Watt wurde kaum Seegras gesehen, außer in Lahnungsfeldern am Südufer der Halbinsel Eiderstedt. Innerhalb Nordfrieslands treten unterschiedliche Tendenzen auf. So gehen gegenwärtig auf der Wattseite von Nord-Sylt die Seegrasbestände seit einigen Jahren zurück, während es entlang der Festlandküste und auf einigen Platen Nordfrieslands Zuwächse gab.

Das ausgedehnte Vorkommen der Seegräser im Watt Nordfrieslands bei gleichzeitig geringem Vorkommen von Grünalgenmatten zeigt gute Gewässerqualität an, während für das Dithmarscher Watt keine schlüssige Bewertung möglich ist, weil sowohl Seegras wie auch Grünalgen in 2012 kaum vertreten waren.

Auszug aus K. Reise et al. (2013): Vorkommen von Grünalgen und Seegras im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer 2012, Forschungsbericht für den LKN-SH

 
 
Migration

© Migration

Seit Anfang Mai ist Christian Piening neuer Nationalpark-Ranger im nördlichen Dithmarschen vom Eidersperrwerk bis Büsum. Er folgt Heiko Hoffmann, der als Ranger nach Sylt gewechselt hat. Der 35-Jährige stammt aus einem alten Dithmarscher Bauerngeschlecht, hat sich in der Welt umgesehen, ein halbes Jahr in Südamerika gelebt, Landschaftsarchitektur und Umweltplanung in Höxter studiert und einige Jahre in seinem Beruf als Landschaftsplaner in Hamburg gearbeitet. Doch dieser Beruf war ihm zu theoretisch, so dass er jetzt als Nationalpark-Ranger in seine Heimat zurückgekehrt ist. Seinen Zivildienst hatte der Hobby-Ornithologe beim Naturschutzbund Deutschland im Katinger Watt geleistet, nun arbeitet er auf der Dithmarscher Seite der Eider. Oft beginnt er seinen Dienst am Eidersperrwerk, schaut nach den Hunderten von Lachmöwen und Küstenseeschwalben, die dort in Deutschlands beobachtungsfreundlichster Vogelkolonie brüten.

Einen Migrationshintergrund anderer Art hat Beyda Hilal Sertdere. Als Kind türkischer Eltern wurde sie in Deutschland geboren und hat so zwei Muttersprachen. Die 26-Jährige ist Nachfolgerin von Britta Diederichs und ab sofort für die Datenbank zuständig, in der die Ergebnisse aller Umweltbeobachtungsprogramme im schleswig-holsteinischen Wattenmeer gesammelt werden („Weisst de Watt“ ist der öffentlich zugängliche Teil). Zum Abschluss ihres Studiums der Physischen Geografie in Frankfurt hatte sie in ihrer Bachelorarbeit die Sedimentation in den Sylter Dünen mit Georadar-Aufnahmen untersucht. Darauf folgten mehrmonatige Praktika in der Nationalparkverwaltung - und die Zusage der öffentlich ausgeschriebenen Stelle. Vor Freude laut geschrien habe sie, wie ein Sechser im Lotto sei es gewesen. Die Daten, die sie bearbeitet, spiegeln Brut- und Rastvogelzahlen, die Verbreitung von Algen oder die Mengen von Müll an unserer Küste. Manche Datensätze beschreiben Mondphasen. Das passt: Hilal heißt Viertelmond, Beyda Vollmond. Warum, erzählt sie gern.

 
 
Bücher
 
Naturführer Wattenmeer

©Naturführer Wattenmeer

Über 10.000 Tier- und Pflanzenarten leben im Wattenmeer, auf Salzwiesen und Dünen. Viele Bestimmungsbücher helfen, das Who is Who des Watts zu entdecken. Dieses ist anders. In guten Bildern werden die häufigsten 200 Pflanzen, Würmer, Krebse, Fische und Vögel wiedererkennbar gezeigt. Dazu gibt es wundervolle Bio-Geschichten. Von Kieselalgen mit Düsenantrieb am Po; von der Salzmiere, in deren Polstern sich gern vom Wind verwehte Insekten verstecken, um zu verschnaufen; vom Blasentang, deren auf Miesmuscheln lebende blasenlose Variante man früher für eine eigene Art hielt; vom Schlickgras, das 1870 als blinder Passagier aus Amerika einreiste, sich in englisches Schlickgras verliebte, deren Nachkommen aber zunächst unfruchtbar waren, bis sie ihre Chromosomenzahl verdoppelten… Coole Tipps lösen das Versprechen der Naturerlebnis-Landschaft Wattenmeer ein. Fischkisten und ähnlicher Strandmüll lohnen einen zweiten Blick: Die problematischen Zivilisationsreste sind oft Siedlungsort für interessante Meerestiere. Schreibt man auf frisch angespülten, grün-braun bewachsenen Holz- oder Plastikteilen nachts mit dem Finger seinen Namen, bringen winzige Leuchtorganismen ihn vielleicht zum Leuchten – welche es sind, sei nicht bekannt.

Meist dauert es Jahrzehnte, bis neues Wissen den Weg aus Laboren in wissenschaftliche Journale, Vorträge und Bücher schafft. Dabei bleibt viel auf der Strecke. Rainer Borcherding hat es zusammengekramt. Nationalpark-Wattführer kommen an diesem Buch nicht vorbei, wenn sie ihre Wattgeschichten updaten wollen. Ihre Gäste werden es staunend danken.

Rainer Borcherding (2013): Naturführer Wattenmeer, Wachholtz Verlag, 150 Seiten, 12,80 €.

Wir Halliglüüd

©Wir Halliglüüd

Bisher 1-2 mal jährlich erscheint das Halligmagazin „Wir Halliglüüd“. Die zweite Ausgabe, 2013, ist auf dem Markt. Einiges ist vor allem für die rund 300 Bewohner der zehn nordfriesischen Halligen interessant, wie das Interview mit den neuen Vorsitzenden der Biosphäre und die Darstellung der Biosphärenstruktur, der Ideenwettbewerb Hallig 2050 zum künftigen Wohnen auf den Halligen, die Untersuchungen zur Sedimentation auf den Halligen oder die Erinnerung an gemeinsame Fahrten oder an Verstorbene. Die eigentliche Zielgruppe, jene, die wissen möchten, was das Leben auf einer Hallig heute ausmacht, und dünne Faltblätter wie dicke Bücher meiden, sind dennoch gut bedient. Man glaubt zu wissen, wie sich ein Landunter anfühlt, kennt die großen Themen auf den kleinen Halligen und hat den (zutreffenden) Eindruck, dass die Menschen dort irgendwie anders, durch ihre besondere Vertrautheit untereinander vielleicht besonders liebenswert sind. Die vielen Fotos vermitteln einen authentischen Eindruck vom Halligleben. Nach der Lektüre weiß man vieles über den Küsten- und Naturschutz auf den Halligen, die Feuerwehren und das Altwerden, kennt die Termine der kulturellen Highlights (viele Konzerte!) und die Rezepturen für zwei Klassiker der zeitgenössischen Halligküche. Mehr Halliggefühl lässt sich auf 112 Seiten nicht vermitteln.

Biosphäre Halligen (2013): Wir Halliglüüd, 112 Seiten, ist für 4,90 € auf den Halligen vielerorts erhältlich. Die Zeitschrift kann zu diesem Preis oder im jederzeit kündbaren Abo für jährlich 3,90 € (jeweils + 2,50 € Porto) hier bestellt werden: ">