November 2013

November 2013
 

Moin. Mehr als eine Million Tierarten sind derzeit bekannt, vermutlich gibt es aber über fünf Millionen. Die wenigsten sind groß und bunt. Die meisten sind winzig, viele unscheinbar. Ins Fernsehen werden sie es nie schaffen. Auch im Wattenmeer gibt es diese Unscheinbaren, sogar unter den Vögeln. Ein Experte weist den Weg. Bleiben Sie uns gewogen. Ihre Nationalparkverwaltung

 
In dieser Ausgabe
Ernstes Geschöpf

© Ernstes Geschöpf

Dr. Hermann Hötker (54) ist ein exzellenter Vogelkenner. Viele Jahre arbeitete der Ornithologe am Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Uni Kiel in Büsum und war langjähriges Mitglied in den Nationalparkkuratorien Nordfriesland und Dithmarschen. Seit 2001 leitet er das Michael-Otto-Institut des NABU in Bergenhusen. Um nicht nur am Schreibtisch zu sitzen, fährt er gern raus, beispielsweise um eine Salzwiese im Winter anzusehen. Dabei entdeckte er einige Strandpieper und begann, sie systematischer zu beobachten.

Dieser Pieper ist ein einsames ernstes Geschöpf, das sich weder um Seinesgleichen, noch um andere Vögel kümmert. Seine Nahrung suchend, geht er still schrittweise, selten nur in gesteigertem Tempo, am Strande umher. Das Benehmen dieses Vogels bleibt immer dasselbe, in all seinem Wesen spricht sich weder Wohlbehagen noch Trübsal aus: einsam, ernst und geschäftig, ohne besondere Scheu vor dem Menschen, geht er seinen Obliegenheiten nach.

"So beschrieb Heinrich Gätke vor über hundert Jahren treffend die Lebensweise des damals noch Felsenpieper genannten Vogels auf Helgoland. Der Strandpieper (Anthus petrosus) lebt nicht in Trupps, sondern einzeln, nur mitunter sieht man zwei oder drei beieinander. Im Wattenmeer leben sie durchweg außendeichs und fast ausschließlich in unbeweideten Salzwiesen. Die überhängende Vegetation ihrer natürlichen Priele oder alter Gräben bildet meist die Keilmelde. Im Herbst verliert sie ihre Blätter, die dann langsam verrotten. In ihnen lebt der Flohkrebs Orchestia gammarellus, die Hauptnahrung der Strandpieper. Unter der älteren Vegetation von Abbruchkanten oder auf dem trockenen Schlick an Prielrändern halten sich die Vögel daher am liebsten auf. Darum sieht man Strandpieper meist nicht. Man muss die Gräben einer unbeweideten Salzwiese schon systematisch abgehen, um einen auffliegenden Vogel zu beobachten. Spätestens dann wird klar, dass sich ihr Lebensraum durch die Extensivierung der Salzwiesen entscheidend verbessert hat.

Im Gegensatz zu den anderen typischen Singvögeln der winterlichen Salzwiesen – Ohrenlerchen, Schneeammern und Berghänflingen – leben Strandpieper nicht in Trupps, sondern einzeln. Sie sind ziemlich gleichmäßig verteilt, aber nicht streng territorial. Auch bei Hochwasser, Frost oder Schnee bleiben sie in den Salzwiesen. Ob die Vögel standorttreu sind wie Schwalben, ist unbekannt.

An den Küsten Skandinaviens sind Strandpieper sehr verbreitet. Etwas über 100.000 Paare brüten dort. Einige Tausend zudem in Großbritannien, Irland und in der Bretagne. Der Strandpieper ist der einzige nordeuropäische Endemit unter den Vögeln, denn außerhalb dieser Region kommt er nicht vor. Im Oktober ziehen die Vögel nach Süden und überwintern an den Küsten zwischen Dänemark und Spanien, viele im Wattenmeer. In Schleswig-Holstein werden es wohl über Tausend Vögel sein, flächendeckend gezählt wurden sie bisher allerdings nicht. Mit einem Weltbestand von wenigen hunderttausend Tieren ist der Strandpieper eine seltene Art, die nur wenig Ausbreitungspotenzial hat. Gefährdet scheint er aber nicht zu sein.

Wozu brauchen wir den Strandpieper? Hat der Mensch ökonomischen Nutzen von ihm? Ist er unverzichtbar im ökologischen Netz? Nein. Er ist wohl weder ökonomisch noch ökologisch bedeutsam. Er ist einer der Kleinen, Unscheinbaren – wir sollen uns einfach nur an ihm erfreuen."

Strandpieper wiegen etwa 25 g und sind 16 cm lang. Das düster olivfarbene Gefieder ist undeutlich gemustert. Der Schnabel ist relativ lang und dunkel. Vom Wiesenpieper unterscheidet er sich durch die dunklen Beine. Beim Auffliegen ruft er meist ein bis zwei Mal scharf „wiisst“.

 


Foto: Jochen Dierschke

Die Leser der Nationalpark Nachrichten haben die einzigartige Gelegenheit, mit Hermann Hötker am 23. November um 11 Uhr an einer exklusiven Strandpieper-Exkursion auf Eiderstedt teilzunehmen. Interessierte melden sich hier per Mail an, die ersten 20 erfahren dann den Treffpunkt. Im Anschluss an die Exkursion ist eine gemeinsame Stärkung und Aufarbeitung des Erlebten vorgesehen.

 
 
Ruhestand

© Ruhestand

23 Jahre lebten Gudrun und Hermann Matthiesen mitten im Nationalpark - und waren die einzigen Menschen, die dort dauerhaft wohnten. Durch ihr verantwortungsvolles Wirtschaften haben sie aus der Hallig Süderoog ein naturnahes Paradies gemacht. Viele Tausend Besucher haben sie über Naturschutz und Küstenschutz im Nationalpark, über das Hallig-Leben im Allgemeinen und ihr ganz spezielles Süderoog-Leben im Besonderen, über das Leben der Austernfischer im Sommer und das der Ringelgänse im Winter informiert. 2002 wurden sie dafür bei den Ringelganstagen mit der Goldenen Ringelgansfeder ausgezeichnet. Jetzt, das arbeitsreiche Leben auf der Hallig ist nicht mehr so leicht zu schaffen wie in früheren Jahren, gehen sie in den Ruhestand. Künftig leben sie auf Pellworm und können Süderoog so im Blick behalten. Bei einer Feierstunde dankte Nationalparkleiter Detlef Hansen beiden für ihre langjährige, engagierte Arbeit.

Ebenso wie Hermann Matthiesen gab auch Klaus Fleeth seine Aufgaben als Nationalparkwart aus Altersgründen ab. Er war seit 1999 Ansprechpartner für die Halligen Gröde und Habel und zählte dort regelmäßig Brut- und Rastvögel. Hansen begrüßte auch gleich die Nachfolger: Nele Wree und Holger Spreer sind die neuen Bewohner von Süderoog. Holger Spreer arbeitet dort als Wasserbauwerker und ist ehrenamtlicher Nationalparkwart. Nele Wree wird hauptamtliche Nationalpark-Rangerin in Teilzeit und somit die erste Hallig-Rangerin. Neuer Nationalparkwart auf Gröde ist Rainer Mommsen. Als Wasserbauer kennt er seine Hallig ganz genau.

Insgesamt engagieren sich 14 Nationalparkwarte ehrenamtlich und unterstützen die Arbeit des Nationalpark-Ranger und der betreuenden Naturschutzverbände. Sie kennen sich in ihren Schutzgebieten, die direkt vor ihrer Haustür liegen, hervorragend aus und sind kompetente Berater beim Natur- und Landschaftsschutz. Sie wissen, wo die Tier- und Pflanzenwelt besonders empfindlich ist und informieren darüber, wo man die Natur am besten beobachten kann, ohne sie zu stören.

 
 
Auftritt

© Auftritt

Internationale Gartenschau in Hamburg, Wattolümpiade in Brunsbüttel, Landmarkt am Schloss Gottorf, NORLA in Rendsburg oder Kitesurf World Cup in St. Peter-Ording – Hunderttausende besuchen diese Veranstaltungen. Der Nationalpark soll da nicht fehlen. Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung, Ranger oder Praktikanten sind dabei und zeigen mehr als Flagge: Mit präparierten Vögeln und Streichel-Seehund, mit Muschelschalen und Strandfunden machen sie das Watt anschaulich, fühl- und riechbar. Kinder beteiligen sich am Welterbe-Quiz, basteln Wattiges oder drehen am großen Rad. Vielleicht bringt es Glück und kleine Gewinne. Große erwartet mitunter Großes: 2-tägige Kurzurlaube auf Föhr, ein Familienaufenthalt mit 6 Personen in einer Jugendherberge oder exklusive Naturerlebnisse im schleswig-holsteinischen Wattenmeer, gestiftet von Nationalpark-Partnern. Die meisten der täglich bis zu 1000 Besucher interessieren sich aber schon so fürs Watt, finden es auch ohne Anreiz reizend und nehmen Infos To Go gern mit. Wohin die Reise geht, zeigen die Wattbilder auf dem neuen Info-Hänger schon auf seinem Weg zum Ziel.

 
 
Meer Newsletter

© Meer Newsletter

Wem in der Flut mariner Küsten-Informationen nach Meer dürstet, dem kann geholfen werden: Das Thema wird in vielen digitalen Newslettern behandelt, beispielsweise im „Küsten Newsletter“ der  EUCC, der Küsten Union Deutschland. Darin gibt es noch mehr übers Meer: Auf den Seiten 19 ff. sind 21 Newsletter angegeben, die in den Bereichen Meer - Küste - Naturschutz nach Neuigkeiten fischen. Fehlt nur noch eine Lesenlassen-App, um nicht in den digitalen Fluten zu versinken.

 
 
Abend

© Abend

Abend auf der Hamburger Hallig

Der Tag ist nun Vergangenheit mit ungezählten Stimmen.
Nur Frieden herrscht jetzt weit und breit, bald wird die Sonn‘ verglimmen.
Noch steht sie feurig wie ein Ball am Horizont der Träume.
Noch färbt sie lichtens überall unsagbar schön die Räume.
Kein Laut der technisierten Welt dringt hier in diesen Frieden,
nur Vögel unterm Himmelszelt, noch schnell zum Rastplatz fliegen.
Am Horizont verlöscht das Licht, geht strahlend in die Tiefe.
Wo eben golden es gebricht, folgt Nebel, Dunst und Kühle.
Das ist die Stunde der Natur, wo Tag und Nacht sich scheiden
in dieser stillen Stunde nur Gedanken sich entkleiden.
Ein träumend Blick in‘s weite Land, wie schön ist diese Welt.
Ich danke Gott und bitte ihn, dass Er sie uns erhält.

Im Mai 1972 schrieb Claus-Jürgen Reitmann dieses Gedicht auf der Hamburger Hallig. 1999 wurde es in der Anthologie Buchausgabe der Nationalbibliothek München veröffentlicht. Der Hamburger betreute als NABU-Referent jahrzehntelang, bis in die 1990er Jahre, die Hamburger Hallig. Um seine Verdienste zu ehren, wurde die im Bild gezeigte Vogelwärterhütte nach ihm benannt. Claus-Jürgen Reitmann verfasste sogar ein Büchlein über die kleine, von Salzwiesen gebildete Halbinsel. Sie war seine Herzensangelegenheit. Nun ist er, 87-jährig, in Hamburg gestorben.

 
 
Bücher
 
Watt für eine Klasse(n)fahrt!

©Watt für eine Klasse(n)fahrt!

Anja Szczesinski, Bildungs- und Tourismusreferentin des WWF in Husum, hat einen „Leitfaden für naturverträgliche  Klassenreisen“ zusammengestellt, der es in sich hat. Wohl alle Fragen, die Lehrer und Schüler sich vorab stellen, werden beantwortet: Eine Packliste für Schüler ist dabei, eine Material- und Linkliste zur Vor- und Nachbereitung, Tipps für die nachhaltige Anreise, attraktive Programme und eine „Hausordnung“ für das Verhalten im Nationalpark sowie 11 Pauschalangebote verschiedener Veranstalter zwischen Esbjerg und Texel (aus Schleswig-Holstein: Sylt, Hooge, Westerhever, Tönning). Sogar Fragen, die nicht gestellt wurden, werden beantwortet. So gibt es Tipps für die Veröffentlichung eigener Reiseberichte oder zur Ermittlung des ökologischen Fußabdruckes der Klassenfahrt.

Die Firma Costa Meeresspezialitäten, die Bingo-Umweltlotterie und das Interreg IVB-Projekt PROWAD Protect & Prosper der EU finanzierten das Heft.

Watt für eine Klasse(n)fahrt! WWF Deutschland (2013). 36 Seiten, A4. Kostenloser Bezug: oder hier als Download.