13.08.2018

Schwarze Reiter im Hochsommer am Wattenmeer

Ein Schwarm Dunkler Wasserläufer

Ein Schwarm Dunkler Wasserläufer. Foto: Gerd Kaja

von Peter Südbeck

Es ist August: die ersten Zugvögel sind zurück am Wattenmeer, die herbstliche Zugzeit beginnt. Ein steter Begleiter unter den Zugvögeln des Wattenmeeres in dieser Zeit ist der Dunkle Wasserläufer. Ganz ähnlich einem Rotschenkel, etwas größer und langbeiniger, ist er jetzt am Wattenmeer weit verbreitet und auch in binnenländischen Feuchtgebieten zu finden. Große Konzentrationen in internationaler Bedeutung gibt es vor allem am Dollart, im Jadebusen und im Bereich der Elbmündung.

Altvögel des Dunklen Wasserläufers tragen ein wunderschönes Schwarz am Körper und fallen damit dem geübten Vogelbeobachter sofort auf, denn es ist die einzige Watvogelart bei uns, die so daherkommt. Auf Niederländisch heißen sie auch „Zwarte Ruiter“ („Schwarze Reiter“), was auf diese Körperfärbung hinweist, aber auch auf die Eleganz von Bewegung und Auftreten verweisen mag.

Zudem ist etwas anderes interessant: der Wegzug der Vögel, das bedeutet der Weg zurück in Richtung der Winterquartiere, die im tropischen Afrika liegen, beginnt bereits in der ersten Junihälfte, und zwar mit den Weibchen! Diese waren dann tatsächlich bereits in der Taiga und Tundra Nordeuropas und Russlands, haben dort einen Partner gefunden, ein Nest angelegt und bis zu vier Eier hineingelegt. Da die Vögel auf dem Heimzug im Mai noch in hiesigen Gefilden waren und zudem zu dieser Zeit mögliche Brutgebiete noch voller Eis und Schnee, ist das eigentliche Brutgeschäft eine sehr schnelle Angelegenheit – für die Weibchen. Noch vor Ende der Bebrütungsphase verlassen viele von ihnen das Nest mit den Eiern wieder und überlassen dann den Männchen den Rest der „Saisonarbeit“. Etwa vier Wochen später kommen dann die Männchen zu uns, viele noch im schwarzen Brutkleid und dadurch gut zu erkennen. Ab Ende Juli folgen dann die jugendlichen Dunklen Wasserläufer, noch ohne Schwarz im Jugend- und später im hellen Winterkleid. Zu den Zugvogeltagen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer im Oktober ziehen dann die letzten Jungvögel weiter in die Winterquartiere.

Aus menschlicher Perspektive erzählen diese Fakten keine unbedingt schöne Geschichte, wenn Mütter ihre noch im Ei befindlichen Kinder so früh verlassen, aber da ist die Natur hart an den jeweiligen Interessen der Beteiligten orientiert: Im Verlaufe der Evolution hat sich das Verhalten durchgesetzt, das die höchste Wahrscheinlichkeit besitzt, möglichst viele Nachkommen (oder gar Gene) in die nächste Generation zu bringen. Die Brutgebiete befinden sich in einer extremen Landschaft mit schwierigsten klimatischen Bedingungen. Die Vögel kommen dort an nach einem Nonstop-Flug über mehrere tausend Kilometer. Beim Dunklen Wasserläufer könnte es so sein, dass die Weibchen nach dem Energie zehrenden Flug, der Paar- und Nestbildung und vor allem der Eiablage ihren Anteil an Zukunft erledigt haben, sich dann auf ihr eigenes Überleben konzentrieren und den Männchen, die keine Eier legen, den Rest überlassen. Sie reduzieren ihren Aufenthalt im Brutgebiet auf eine extrem kurze Zeit von nur wenigen Wochen.

Einige von ihnen nutzen auch die gewonnene Zeit, um ein weiteres Gelege mit einem anderen Männchen zu zeitigen. Dann aber kehren auch sie zurück ins Wattenmeer, erholen sich und wechseln das Gefieder im Rahmen der Mauser – ebenfalls ein kostenträchtiger Vorgang. Die Männchen – so lässt sich vermuten - verfolgen dieselbe Strategie, nur etwas später, da sie die Jungen aufziehen müssen. Sie haben ihre Energiereserven vielleicht noch mehr geschont. Dann aber verlassen sie ganz schnell das Brutgebiet und überlassen den Jungvögeln den ersten Wegzug vollständig alleine.

Man lernt vielleicht aus diesen Betrachtungen, dass unser menschliches Werten kein geeigneter Maßstab für die Natur sein muss, dass die Interessen der Vögel auch zwischen den Geschlechtern und Generationen sehr unterschiedlich sind und dass es sehr verschiedene Lösungen gibt, eine Vogelart in die nächste Generation zu führen. Flexibilität ist dabei sicher eine wichtige Eigenschaft, um mit unvorhersehbaren und schwankenden äußeren Bedingungen, wie in der Taiga, umgehen zu können.

Gut, dass das Wattenmeer diesen schönen Wasserläufern günstige Bedingungen – so hoffen wir jedenfalls – im Nationalpark bereithält, so dass auch zu den 10. Zugvogeltagen möglichst viele Besucher diese „Reiter des Wattenmeeres“ beobachten können.

Peter Südbeck ist Ornithologe und Leiter der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer.

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