Der Bijagós-Archipel auf dem Weg zum Weltnaturerbe

Auf ihren jährlichen Reisen zwischen Brutgebieten und Winterquartieren sind Zugvögel einer Vielzahl von Herausforderungen und Gefahren ausgesetzt. Umso wichtiger ist es, ihnen an allen Stationen, die sie im Jahresrhythmus nutzen, optimale Überlebensbedingungen zu sichern. Die Wadden Sea Flyway Initiative (WSFI) hat sich zum Ziel gesetzt, durch internationale Zusammenarbeit den Schutz der Zugvögel auf dem gesamten Zugweg zu verbessern und eng zusammenzuarbeiten. Vor allem in Afrika gilt es, Einiges zu bewegen, haben doch die dort lebenden Menschen angesichts schlechter wirtschaftlicher und sozialer Rahmenbedingungen bis hin zu bewaffneten Konflikten oft selbst ums Überleben zu kämpfen. So sind die Naturschutz-Akteure aus finanziell besser gestellten Ländern in der Pflicht, ihren Kolleg*innen in den südlichsten Regionen des Ostatlantischen Zugweges unter die Arme zu greifen.
Kolleginnen und Kollegen aus Guinea-Bissau und der Wattenmeerregion. Foto: Nationalparkverwaltung

Zum fachlichen Austausch trafen sich Kolleginnen und Kollegen aus Guinea-Bissau und der Wattenmeerregion. Foto: IBAP

Im Februar dieses Jahres besuchte eine Delegation aus dem Nordseeraum den  Bijagós-Archipel vor der Küste von Guinea-Bissau. Dabei waren Gregor Scheiffarth und Britta Schmidt von der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Gerold Lüerßen (CWSS), Tim Dodman (Schottland), der über langjährige Erfahrung in der Naturschutz- und Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika verfügt, sowie Anders Braa (Norwegen, Arctic Migratory Birds Initiative).

Anlass der Reise war die angestrebte Anerkennung des Archipels als Weltnaturerbe. Das Wattenmeer und die Banc d’Arguin in Mauretanien haben diesen Status bereits erreicht, und es wäre immens wichtig, dass die Bijagós-Region als zweitwichtigstes Überwinterungsgebiet paläarktischer Zugvögel auf dem Ostatlantischen Zugweg ebenfalls als UNESCO-Welterbe anerkannt wird. Die trilaterale Wattenmeer-Kooperation soll Guinea-Bissau auf dem Weg dorthin unterstützen.

Unsere Delegation lernte vor Ort, in Begleitung freundlicher und kompetenter lokaler Naturschützer, ein Gebiet mit hervorragender natürlicher Ausstattung kennen. Sie erfuhren von Stolpersteinen, aber auch erfolgreichen Projekten für Schutz und Entwicklung des Archipels. Britta Schmidt und Gregor Scheiffarth berichten über ihre Erlebnisse und Erfahrungen während des mehrtägigen Arbeitstreffens mit den afrikanischen Kollegen:


Foto: Britta Schmidt/NLPV

Der Bijagós-Archipel vor der Küste von Guinea-Bissau ist mit seinen ausgedehnten Wattflächen nach der Banc d’Arguin in Mauretanien das zweitwichtigste Überwinterungsgebiet paläarktischer Zugvögel auf dem Ostatlantischen Zugweg. Aufgrund seiner abgeschiedenen Lage, verbunden mit der stark naturverbundenen Religion der lokalen Bevölkerung, befindet sich das Gebiet noch in einem recht ursprünglichen Zustand. Das Archipel besteht aus 88 Inseln, von denen lediglich 21 permanent bewohnt sind; weitere werden landwirtschaftlich genutzt. Die Dörfer befinden sich im Inneren der Inseln, so dass die Küstenbereiche zum größten Teil von menschlicher Nutzung unbeeinträchtigt sind, mit intakten Mangroven, unverbauten Stränden und morphodynamisch aktiven Dünen und Strandwällen.

1996 wurde das Gebiet in das Weltnetzwerk der Biosphärenreservate im Rahmen des MAB-Programmes der UNESCO aufgenommen. In dem Biosphärenreservat liegen zwei Nationalparks sowie ein sogenanntes „Community Reserve“, das von der lokalen Bevölkerung beantragt wurde und auch lokal gemanaged wird. 2014 wurde das Gebiet zusätzlich als RAMSAR-Gebiet anerkannt.

2012 wurde bei der UNESCO ein Dossier zur Nominierung des Bolama-Bijagós Biosphärenreservats als Weltnatur- und -kulturerbe eingereicht. Der Antrag wurde abgelehnt, weil die Kriterien für eine Anerkennung als KulturNatur- und Kulturerbe jeweils nicht ganz erfüllt wurden. Das Welterbe-Komitee regte jedoch an, verbunden mit verschiedenen Empfehlungen, erneut einen Antrag zu stellen. Die trilaterale Wattenmeerkooperation ist von der UNESCO aufgefordert worden, diesen Prozess zu begleiten.

Das erneute Bestreben Guinea-Bissaus, das Bijagós-Archipel als Welterbe anerkennen zu lassen, war somit Anlass dieser Reise. Die Bedeutung des Archipels für die Zugvögel und die Vernetzung der bedeutenden Zugvogelrastgebiete Wattenmeer, Banc d’Arguin und Bijagós über den Ostatlantischen Zugweg soll sich in einer Vernetzung von UNESCO-Weltnaturerbestätten widerspiegeln.

In der Vergangenheit gab es bereits eine Zusammenarbeit der trilateralen Wattenmeerkooperation mit Guinea-Bissau u. a. im Rahmen der Wadden Sea Flyway Initiative (mehr zur WSFI siehe Newsletter Feb. 2017: Besuch in Gambia). Eines der Projekte war die Organisation eines Trainings zur Vermittlung von Handlungskompetenzen rund um den Vogelzug und die Vogelerfassung.

Bedrohtes Paradies

Zu Beginn der Reise sollten wir zunächst einen Eindruck vom Archipel gewinnen. Vor Ort stießen Guiomar Alonso Cano (UNESCO-Büro Dakar) und Youssouph Diedhiou (IUCN-Büro Dakar) hinzu, beide bereicherten die Gruppe inhaltlich sehr mit ihren Erfahrungen und Sichtweisen. Hamilton Monteiro war vom Institut für Biodiversität und Schutzgebiete (IBAP, Obere Naturschutzbehörde des Landes) beauftragt, als Guide durch das Gebiet zu führen. Dank seiner Vernetzung vor Ort, seiner guten Artenkenntnisse und seiner freundlichen Art hat er uns, gemeinsam mit verschiedenen Rangern sowie den Bootsführern, in kürzester Zeit einen sehr guten Eindruck des Archipels samt seiner Besonderheiten vermitteln können. In drei Tagen, die von einem interessierten Austausch geprägt waren, wurden beide Nationalparks besucht und dabei sechs Inseln angesteuert. Wie im Wattenmeer gab auch hier häufig die Tide den Zeitplan vor. Fortbewegungsmittel war ein Alu-Boot der dortigen Nationalparkverwaltung, auf dem wir vorbei an unberührt wirkenden Inseln fuhren. Verschiedene Watvögel ruhten am Strand oder in den Mangroven aus, andere suchten auf den Wattflächen nach Nahrung, außerdem waren mehrere Reiherarten, Fischadler und Flamingos zu sehen, um nur einige zu nennen. Ein Krokodil trat beim Anblick des langsamer werdenden Boots schnell die Flucht ins Wasser an und man munkelt, dass auch eine Seekuh (der Afrikanische Manati Trichechus senegalensis)den Besuch von unten betrachtet hätte.

Ganz so paradiesisch, wie es zunächst erscheint, ist es aber nicht überall in diesem Inselreich. Brandrodungen, Landwirtschaft, Fischerei und ein fehlendes Abfallsystem hinterlassen im Inneren der Inseln, aber auch im Meer und am Spülsaum ihre Spuren.

In den Nationalparks wird einiges getan, um die intakte Natur zu bewahren. Einheimische werden zu Rangern ausgebildet oder profitieren von Einrichtungen wie dem Orango Park Hotel, durch welches z. B. ein Kindergarten und eine Krankenstation in einem nahegelegenen Dorf errichtet wurden. Radiostationen berichten über Aktuelles im Nationalpark und Biosphärenreservat und sollen künftig genutzt werden, um die Bevölkerung über den Welterbe-Prozess zu informieren. Es gibt landeseigene touristische Einrichtungen; so ist nahe einer Beobachtungsstelle für Flusspferde eine neue Öko-Lodge gebaut worden.

 B. SchmidtFoto: Britta Schmidt/NLPV

Die Anreise in den Archipel ist allerdings nicht ganz einfach. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs fuhr die Fähre, das einzige öffentliche Transportmittel vom Festland nach Bubaque, schon seit Monaten nicht. Daher wundert es nicht, dass wir nur einige Sportfischer trafen, für die ein Komplettpaket samt Anreise bis ins Archipel angeboten wird. Auf unserer Reise durch die Nationalparks des Archipels wurden alle Fischerboote, egal ob Angel-Touristen aus Europa oder afrikanische Pirogen mit Mannschaften aus dem Senegal und Guinea-Bissau, kontrolliert und hatten die erforderlichen Papiere zur Hand. Für den imposanten Sägefisch kommen solche Maßnahmen leider zu spät. Er gilt im Bijagós-Archipel mittlerweile als ausgestorben. Für die Meeresschildkröten, insbesondere die Suppenschildkröte, für die das Gebiet von überregionaler Bedeutung ist, besteht mehr Hoffnung. Für sie gibt es ein umfangreiches Monitoring- und Schutzprogramm. Ebenso für die Timneh-Graupapageien, die einen Rückzugsort im Archipel gefunden haben und sich am frühen Morgen gut beobachten lassen.

Welterbeantrag – zweiter Anlauf

Unsere Reise durch den südlichen Teil des Archipels endete schließlich in Bubaque, wo das IBAP (mit finanzieller Unterstützung der WSFI und der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer) einen zweitägigen Workshop als Auftakt zum erneuten Welterbeantrag veranstaltete. An dem Workshop nahmen neben den Bereisungsteilnehmern der Umweltminister, Vertreter von Politik und Verwaltung, der lokalen Bevölkerung und NGOs teil. Wesentliche Programmpunkte zum Prozess der Antragsstellung und zum Konzept des Welterbegebietes wurden von einem von der MAVA-Stiftung beauftragten Gutachter (Tilman Jaeger) vorgestellt. Als inhaltlicher Einstieg in die Veranstaltung wurden die Eindrücke der Bereisungsgruppe den Teilnehmenden des Workshops vorgestellt.

Zunächst befassten sich die Workshop-Teilnehmer mit der Geschichte des Biosphärenreservates, den Welterbekriterien und Erfahrungsberichten aus den bestehenden Welterbegebieten Wattenmeer und Banc d’Arguin. Kernthemen waren dann aber die Analyse des abgelehnten Antrages und die strategische Ausrichtung des neuen Antrags.

Die Stimmung war positiv und vom konkreten gemeinsamen Ziel getragen, dass das Bijagós-Archipel die Anerkennung als Welterbe erhält. Allerdings ist die politische Lage im Land äußerst instabil und es bleibt abzuwarten, ob es gelingt, die Bevölkerung „mitzunehmen“. Aufgrund der Empfehlungen der UNESCO soll sich der neue Antrag vorerst auf die Anerkennung als Weltnaturerbe beschränken. Bereits im Workshop wurde deutlich, dass dieses sorgfältig und gut begründet transportiert werden muss, da für die örtliche Bevölkerung das kulturelle Erbe untrennbar mit dem Naturerbe einhergeht.

Ein hölzerner „Bootschafter“

Nach Beendigung des Workshops haben wir den Archipel verlassen, um uns noch das eingangs erwähnte Projekt der WSFI weiter im Norden anzuschauen. Fernando, Einwohner eines Dorfes auf der Insel Jeta, hat an dem Workshop zur Erfassung und zum Schutz von Vögeln teilgenommen und ist nun für die Vogelkolonie auf einer kleinen unbewohnten Insel zuständig, die seinem Wohnort vorgelagert ist. Die Piroge ermöglicht ihm, zur Insel überzusetzen, um das Monitoring durchzuführen, aber auch, um Aufklärungsarbeit und Schutz zu gewährleisten, wenn z. B. versucht wird, Eier zu plündern. Das einfache Holzboot leistet aber noch viel mehr: Es ermöglicht allen Dorfbewohnern eine erhöhte Mobilität, einen Austausch und Handel mit dem Festland, der vorher nicht möglich war. Dabei ist ihnen bewusst, dass sie diese mobile Errungenschaft der Vogelkolonie zu verdanken haben, und nehmen ihre Aufgabe, die Kolonie zu schützen, daher sehr ernst. Bei unserem Besuch der Kolonie zählten wir ca. 1.000 Brutpaare Raubseeschwalben sowie einige Graukopfmöwen. Hier ist eine gute Kombination aus Artenschutz und gewinnbringender Unterstützung für die örtliche Bevölkerung gelungen.

Britta Schmidt / Dr. Gregor Scheiffarth

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