22.01.2016

Hochdekorierter Gast aus Nordwest-Grönland auf Borkum

Inmitten eines Watvogel-Trupps wurde ein Tier beobachtet, das „im Dienst der Wissenschaft“ unterwegs ist. Naturfreunde können die Forscher durch Meldung von Ringfunden unterstützen.
Sanderling mit Farb-Ringen und Daten-Logger (im Gefieder verborgen). Foto: André Thorenmeier

Sanderling mit Farb-Ringen und Daten-Logger (im Gefieder verborgen). Foto: André Thorenmeier

André Thorenmeier, dem Leiter des Nationalpark-Schiffs „Borkumriff“, gelang kurz vor Weihnachten eine aufregende Beobachtung: Unter lauter Sanderlingen, die am Weststrand von Borkum geschäftig auf der Suche nach Nahrung hin und her flitzten, fiel ihm ein Individuum auf, das mehrere Farbringe trug, am linken Bein zwei weiße und zwei gelbe Ringe, am rechten Bein einen Metallring und zwei rote Farbringe. Die weißen Ringe waren auch noch mit kleinen Fähnchen versehen – also ein wirklich hochdekoriertes Tier. Farbringe sind leichter zu entdecken als einfache Metallringe, trotzdem braucht man natürlich gute Optik, um die Ringe erkennen zu können - am besten macht man ein Foto, damit man sich die Zahl und Anordnung der Ringe zuhause am Bildschirm genau ansehen kann.

Und genau das ist André Thorenmeier gelungen. So konnte er seine Beobachtung mit Fotos dokumentieren und dem Beringer melden. Der Wissenschaftler aus den Niederlanden war hocherfreut über diese Beobachtung, denn bei diesem Tier handelt es sich um einen von 30 Sanderlingen, die zusätzlich zu den Farbringen mit einem Geolokator ausgestattet wurden. Das ist ein winziger Datenlogger (mit Microprozessor), der alle 10 Minuten die Lichtintensität aufzeichnet. Daraus lässt sich der genaue Aufenthaltsort des Vogels zur jeweiligen Zeit bestimmen. Allerdings muss man den Geolokator wieder in die Hand bekommen, um ihn auslesen zu können. Weil Sanderlinge als ausgesprochen brutorttreu gelten, hofft der Wissenschaftler, ihn eines Tages am Brutplatz erneut fangen zu können.

Durch die Beobachtung auf Borkum weiß man aber jetzt schon, dass der Sanderling, der am 2. Juli 2015 in Zackenberg, Grönland, beringt wurde, sich im Dezember im Wattenmeer auf Borkum herumtrieb.

Im Juni 2015 gelang André Thorenmeier schon einmal die Beobachtung eines farbberingten Sanderlings auf Borkum. Als „Belohnung“ für seine Meldung erfuhr er, dass dieses Tier im November 2008 im Nationalpark Banc d’Arguin in Mauretanien beringt und dort im selben Monat noch ein paarmal beobachtet wurde – danach aber nicht mehr!

Farbberingter Sanderling auf Borkum, Juli 2015. Foto A. Thorenmeier

Beide Beobachtungen auf Borkum sind ein schöner Beleg dafür, dass Sanderlinge auf dem Ostatlantischen Zugweg unterwegs sind: Sie brüten hocharktisch, rasten im Wattenmeer und überwintern in Westafrika. Aber gibt es eine Population, die genau diese Strecke immer wählt? Sind es immer dieselben Individuen, die wir an unseren Stränden beobachten? Sanderlinge überwintern auch im Wattenmeer und sogar in Südafrika – wo kommen die her? Machen die das immer so? Es sind noch erstaunlich viele Fragen offen zu dem Leben dieser kleinen Vögel. „Im Rahmen der „Wadden Sea Flyway Initiative“ soll der Schutz und auch die Erforschung der Vögel auf dem gesamten Zugweg intensiviert werden“, erklärt Nationalpark-Leiter Peter Südbeck. „Der kleine Sanderling ist ein idealer Botschafter für dieses Ziel im Weltnaturerbe Wattenmeer.“

Sanderlinge gehören zu den Strandläufern und machen diesem Gattungsnamen alle Ehre: Während Alpenstrandläufer und andere Verwandte im Watt nach Nahrung suchen, sind sie vor allem an den Sandstränden zu beobachten. Hier laufen sie flink und ungeheuer geschickt vor den Wellen her und picken nach Nahrung, die das auflaufende Wasser am Spülsaum deponiert. (Diese stete Unruhe brachte ihnen den plattdeutschen Namen „Keentied“ ein.)

Ein Sanderling ist übrigens der „Titelvogel“ der 8. Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, die vom 8. bis 16. Oktober 2016 stattfinden. 

Ringfunde unbedingt melden!

Mithilfe der Beringungen wollen die Wissenschaftler die offenen Fragen klären. Deswegen ist es so wichtig, jeden beringten Vogel, den man beobachtet, zu melden – das gilt natürlich für alle Arten. Bei Farbringen kommt es auf die Kombination der Ringe an; größere Arten tragen manchmal Ringe mit Ziffern und Buchstaben, die man ablesen kann.

Alle Ringfunde können an die für Nordwestdeutschland zuständige Beringungszentrale am Institut für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“ in Wilhelmshaven (ring@ifv-vogelwarte.de) gemeldet werden. Bei farbberingten Vögeln ist das Mitschicken eines Fotos oft sinnvoll. Jede Meldung wird mit der „Lebensgeschichte“ des beobachteten Vogels honoriert!

 

 

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