14.08.2020

Inventur der Artenvielfalt im Nationalpark vor Sehestedt

450 Tier-, Pilz- und Pflanzenarten beim GEO-Tag der Natur nachgewiesen - mit 10 Fledermausarten sorgt das Schwimmende Moor für eine positive Überraschung
Etwa 30 Moos-Arten wurden beim GEO Tag der Natur in Sehestedt dokumentiert. Foto: Nationalparkverwaltung / Zwoch

Etwa 30 Moos-Arten wurden beim GEO Tag der Natur in Sehestedt dokumentiert. Foto: Nationalparkverwaltung / Zwoch

Auf Einladung der Nationalparkverwaltung „Niedersächsisches Wattenmeer“ trafen sich am vergangenen Mittwoch 42 Pflanzen-, Pilz- und Tierkundler*innen an der Nationalpark-Erlebnisstation Sehestedt zum GEO-Tag der Natur. Hochmotiviert kartierten sie die Artenvielfalt auf den Moor-, Salzwiesen- und Wattflächen im Nationalpark vor Sehestedt am Jadebusen. Das Gebiet gehört zur Ruhezone des Nationalparks und durfte abseits der Wege nur zu dieser wissenschaftlichen Erfassung betreten werden.

Besondere Anziehungskraft im gewählten Areal entfaltete das Schwimmende Moor von Sehestedt, das letzte verbliebene dieser Art in der Wattenmeer-Region und das einzige dem Salzwasser ausgesetzte Außendeichsmoor in Europa – womöglich weltweit. Bei Sturmfluten kann der Hochmoor-Körper aufschwimmen (zuletzt 2009). Dieses Moor hat sich in den letzten 4 Jahrhunderten zunehmend verkleinert auf mittlerweile weniger als 10 Hektar. In seinem Grußwort unterstrich Bürgermeister Henning Kaars den Stolz der Gemeinde Jade auf dieses Kleinod und den Ansatz, Tourismus am Watterlebnis Sehestedt naturverträglich weiterzuentwickeln.

Nach der vorläufigen Auswertung konnten rund 450 verschiedene Arten identifiziert werden: Vor allem in den Baumbeständen konnten neben knapp 25 Pilzarten auch 35 Flechtenarten nachgewiesen werden, von denen viele Anzeiger sind für einen hohen Nährstoffgehalt oder die fortschreitende klimawandelbedingte Erwärmung. Auch viele von Moosen bewachsene Flächen zeigten Folgen von Wärme und Trockenheit: Teilweise sind Bestände abgestorben, aber knapp 30 Arten wurden dokumentiert. Von den mehr als 120 Arten Gefäßpflanzen waren die meisten Arten Spezialisten der Salzwiesen und der Moore wie 2 fleischfressenden Sonnentau-Arten. Darüber hinaus wurden auch Arten gefunden, die auf menschliche Überprägung zurückzuführen sind (Ruderalvegetation) – einige davon neu für das Gebiet.

 Imke Zwoch

Schönheit der Salzwiese: die Wespenspinne. Foto: Imke Zwoch

Im schlickigen Watt wurden knapp 30 Arten entdeckt, darunter Neubürger wie die Amerikanische Trogmuschel sowie eine Pantoffelschnecke, die weitere 10 Exemplare ihrer Art Huckepack trug. In der Salzwiese und im Moor konnten 13 Schneckenarten, erfreulicherweise 13 und damit alle für Moor und Heide typischen Heuschreckenarten entdeckt, aber lediglich 13 Tagfalter-Arten nachgewiesen werden. Dazu kamen rund 75 Käfer-, 6 Libellen- und 3 Spinnenarten. Von der Herpetofauna ließen sich Waldeidechse und Erdkröte blicken. Bei den Säugetieren wurden neben Bisam, Feldhase, Reh, Steinmarder und Fuchs sensationell 10 Fledermausarten in den beiden vorangegangenen Nächten im Moor detektiert. Eine Liste von über 70 Vogelarten unterstreicht die Bedeutung des Wattenmeers für den Ostatlantischen Vogelzugweg.

„Die bemerkenswerten Ergebnisse bringen neue Impulse für Schutz, Pflege und Entwicklung im Nationalpark, aber auch für weitere Forschung“, freut sich Nationalpark-Leiter Peter Südbeck über die ergiebige Inventur. Der fortschreitende Biodiversitätsverlust müsse gebremst werden, ebenso wie ein Schwund von Artenkundigen. Die Veranstaltung gab auch Raum und Zeit, Artenkenntnis von erfahrenen Wissensträger*innen an Nachwuchsexpert*innen weiterzugeben. Über Citizen Science Apps wie den „BeachExplorer“ beteiligen sich immer mehr interessierte und versierte Nationalpark-Besucher*innen an der Arterfassung.

„Den aktuellen Artenbestand zu kennen, ist essenziell für die Informations- und Bildungsarbeit der Nationalpark-Erlebnisstation Sehestedt, um Verständnis und Akzeptanz für ihren Schutz zu vermitteln“, betont deren Leiter Rüdiger von Lemm die Relevanz für die eigene Arbeit. Das sonnige Wetter hat nicht jede vorkommende Art animiert, sich den Fahnder*innen zu zeigen. Dennoch zeigten sich alle Teilnehmer*innen von Behörden, Bildungseinrichtungen, Planungsbüros und aus der Wissenschaft glücklich und zufrieden über das Gesamtergebnis und den fachlichen Austausch.

Hintergrund:

Bei der Anerkennung des Wattenmeers als Welterbe der Menschheit durch die UNESCO spielte auch seine Bedeutung für den Erhalt der biologischen Vielfalt und insbesondere bedrohter Arten eine entscheidende Rolle. Die Biodiversität ist elementarer Teil des außergewöhnlichen universellen Werts des Ökosystems, dessen Schutz in der gemeinsamen Verantwortung der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks gegenüber den Vereinten Nationen liegen.

Die Nationalparkverwaltung beteiligt sich seit 2006 mit Aktionen am GEO-Tag der Natur,  an jährlich an wechselnden Orten im niedersächsischen Wattenmeer. „Die Natur mit anderen Augen sehen“ ist das Motto des GEO-Tag der Natur e.V.

Weitere Infos:

Broschüre Schwimmendes Moor: https://www.nationalpark-wattenmeer.de/nds/service/mediathek/dokumente/das-schwimmende-moor-von-sehestedt/2230

Das Buch „Die Jade - Flusslandschaft am Jadebusen“: https://jadebuch.de/

GEO-Tag der Natur: https://geo-tagdernatur.de/suchen/entry/1635/

 

Pressebilder-Galerie: https://www.nationalpark-wattenmeer.de/nds/service/publikationen/pressebilder-geo-tag-der-natur-2020-sehestedt/5949

 

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