Kornweihen im Wattenmeer: Die Letzten ihrer Art

Abschlussbericht zum Forschungsprojekt über den Rückgang des Brutbestandes von Kornweihen im Wattenmeer

Sie zählen zu den seltensten Brutvögeln in Deutschland und sind vom Aussterben bedroht. Und sie gehören zu den Charakterarten im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: Kornweihen brüten in ganz Deutschland nur noch hier in den weitläufigen, weitgehend ungestörten Dünenlandschaften der Ostfriesischen Inseln regelmäßig. Richtiger wäre brüteten, denn der Brutbestand von Kornweihen im Nationalpark ist seit Anfang der 2000er Jahre massiv eingebrochen und steht vor dem Erlöschen.

Vor dem Hintergrund der nationalen Verantwortung für den Schutz und Erhalt dieser bedrohten Greifvogelart wurde in einer ersten Projektphase ab 2009 ein umfangreiches Forschungsprojekt initiiert, welches die Gründe für diesen starken Rückgang identifizieren sollte. Angesiedelt in der AG Landschaftsökologie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, in Kooperation mit der Nationalparkverwaltung in Wilhelmshaven und niederländischen Forscherkollegen, sind Nadine Knipping (Uni Oldenburg) und Dr. Julia Stahl (Sovon, Niederlande) den verantwortlichen Einflussfaktoren für diese dramatische Entwicklung auf den Grund gegangen und haben nun Antworten gefunden. Die Ergebnisse dieser zunächst von der Niedersächsischen Ornithologischen Vereinigung und ab 2013 fachlich und finanziell von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), der Niedersächsischen Wattenmeer-Stiftung und der Nationalparkverwaltung geförderten Langzeitstudie wurden Ende Januar im Rahmen einer Abschlusspräsentation in der Nationalparkverwaltung vorgestellt. Ziel und Kernstück des Projektes war die Erstellung eines Integrierten Populationsmodells für Kornweihen im Wattenmeer, welches mittels einer kombinierten statistischen Analyse aller bereits vorhandenen und in diesem Projekt gesammelten Daten zu Brutpaarzahlen, Reproduktionsleistung sowie Wiederfunddaten aus langjährigen Beringungsprogrammen unter anderem die jährlichen Überlebensraten von Kornweihen schätzt.

Gründe für den Rückgang liegen nicht im Wattenmeer

Positives Ergebnis dieser komplexen Modellierung ist, dass die Gründe für den starken Rückgang nicht im Brutgebiet auf den Wattenmeerinseln liegen. Denn der Bruterfolg ist langjährig auf hohem Niveau stabil und auch die Nahrungssituation, insbesondere das Angebot an Wühlmäusen, hat sich nicht wesentlich verändert. Zudem können Kornweihen recht flexibel auf ein variierendes Nahrungsangebot reagieren, um einen gleichbleibend hohen Bruterfolg zu erzielen. Dies zeigt eindrücklich, dass es sich bei den gewählten Bruthabitaten im Nationalpark durchaus um sehr geeignete Lebensräume handelt. Das bestehende Schutzkonzept im Nationalpark sowie die Anwendung kurzfristiger und gezielter Maßnahmen (z.B. Wegesperrung zum Schutz von Nistplätzen) können den Schutz von Brut- und Nahrungshabitaten der Kornweihen in großem Maße sicherstellen.

Der entscheidende Faktor für den Bestandsrückgang ist offenbar die jährliche Überlebensrate insbesondere der adulten Kornweihen, die seit Ende der 1990er Jahre massiv gesunken ist. Kurzum: Zu viele Kornweihen sterben außerhalb der Brutzeit, so dass die Gründe für den massiven Rückgang der Brutpopulation weniger im Wattenmeer selbst zu suchen sind.

Europaweite Zusammenarbeit erforderlich

Kornweihen sind nicht nur in Deutschland massiv in ihrem Bestand gefährdet, sondern befinden sich in ganz Europa in einer besorgniserregenden Bestandssituation. Die in dieser Langzeitstudie offenkundig gewordene komplexe artspezifische Ökologie zeigt, dass es vor allem internationaler Anstrengungen zum Kornweihenschutz bedarf, insbesondere einer deutlichen Verringerung der Mortalität außerhalb der Brutsaison Derzeit gibt es hierzu nur Vermutungen. Sie reichen von der jagdlichen Verfolgung über Kollisionen mit Windkraftanlagen bis hin zum Verlust von störungsarmen, extensiv genutzten und damit nahrungsreichen Flächen in Rast- und Überwinterungsgebieten aufgrund der drastischen Ausweitung industrieller Landnutzungsformen. Letztlich gilt es, die bestandsrelevanten Todesursachen schnell zu ermitteln, um auf internationaler Ebene Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.

In einem ersten Aufschlag für einen gesamteuropäischen Kornweihenschutz findet im März 2019 ein Kornweihen-Experten-Workshop in den Niederlanden statt. Hier werden sich Kornweihenforscher aus ganz Europa zum fachlichen Austausch treffen und über Status, Trends und Ergebnisse zur Kornweihenforschung in ihren Ländern berichten. Ziel ist nichts Geringeres als die Ausarbeitung einer „Zukunftsvision“ für eine lebensfähige Kornweihenpopulation in Europa. Dazu möchten wir mit unserer Teilnahme unseren Beitrag leisten.

Nadine Knipping

 

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