06.07.2020

Langlütjen II - ein Ort im Nationalpark der besonderen Art

Blick von der Schilfinsel nach Langlütjen II. Foto: Gregor Scheiffarth

Blick von der Schilfinsel nach Langlütjen II. Foto: Gundolf Reichert

Auch in diesem Frühjahr haben Mitarbeiter*innen der Nationalparkverwaltung die Bestände von Brutvögeln auf Langlütjen II in der Außenweser erfasst. Die Dauerbeobachtung (=Monitoring) der Brutbestände von Küstenvögeln ist eine wichtige Aufgabe, um den Zustand der Vogelbestände und somit auch des Wattenmeeres als bedeutender Vogel-Lebensraum beurteilen zu können.

Wie die benachbarte Halbinsel  Langlütjen I wurde auch Langlütjen II von Menschenhand als Festungsinsel an der Ostseite Butjadingens errichtet. Langlütjen II ist  nur über eine beschwerliche Wanderung durch das schlickreiche Watt erreichbar. Die Insel ist unbewohnt, befindet sich aber in Privatbesitz und liegt in der Zwischenzone des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer. Öffentliches Betreten ist daher nicht gestattet.

Bereits Ende Mai konnten bei einem Besuch der Insel durch die Nationalpark-Rangerin Susanne Koschel und den langjährigen ehrenamtlichen Nationalparkwart Heino Kemps brutverdächtige Küstenvögel wie z. B. Löffler, Herings- und Silbermöwe auf Langlütjen II erfasst werden. Eine Begehung im Juni durch Peter Südbeck, Bernd Oltmanns und Gundolf Reichert von der Nationalparkverwaltung konnte dies weiter konkretisieren.

Löffler haben sich als Brutvögel im Nationalpark etabliert. Foto: Gundolf Reichert

So wurden über 130 Individuen des Löfflers gezählt. Die Löfflerbruten waren dabei unterschiedlich weit fortgeschritten, es gab somit noch kleine Jungvögel in Nestern, während andererseits bereits flügge Jungvögel ins Watt zur Nahrungssuche flogen. Nach frühen Versuchen kam es erst ab 1995 zu einer dauerhaften Ansiedlung des Löfflers im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, zunächst nur auf den unbewohnten „Vogelinseln“ Memmert und Mellum. Erst ab 1999 kam es zu einer Ausbreitung auf die bewohnten Ostfriesischen Inseln und ganz neu (seit 2015) auch auf Langlütjen II. Der Gesamtbestand des Löfflers im Niedersächsischen Wattenmeer beträgt aktuell etwa 700 Paare. Wie anderenorts auch brüten die Löffler auf Langlütjen II in Vergesellschaftung mit Silbermöwen (etwa 20 Paare) sowie Heringsmöwen (etwa 50 Paare).

Eine weitere Besonderheit ist das Vorkommen von gleich zwei Brutpaaren der Mantelmöwe auf Langlütjen II. Im Niedersächsischen Wattenmeer ist die Mantelmöwe die seltenste brütende Möwenart, auch außerhalb der Brutzeit kommt sie hier nur in sehr geringer Anzahl vor. Weiterhin wurden Nil- und Brandgans, Stockente sowie Austernfischer als Brutvögel auf der kleinen Insel festgestellt.

Auf einer benachbarten Schilfinsel wurden darüber hinaus über 70 Paare der Flussseeschwalbe gezählt, ebenfalls ein überaus erfreuliches und unerwartetes Ergebnis. Daneben brüten dort sieben Paare der Lachmöwe und ein Paar des stark gefährdeten Sandregenpfeifers.

Bei der Begehung zeigte sich Langlütjen II einmal mehr als Ort der Widersprüche. Allein schon der Name, der sich zusammensetzt aus „Lange Lütje“, also die „lange Kleine“, macht dies deutlich. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg wurde Langlütjen II ab 1872 als Kriegsfort zur Sicherung des „Friedens“ erbaut, als wasserbaulicher Koloss aus Steinen und Beton inmitten der Wesermündung. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten wurden im Fort zuerst politische Gefangene inhaftiert, im Zweiten Weltkrieg wurde dann aus Geschützen vom Fort aus geschossen.

Heute ist Langlütjen II zum Glück ein friedlicher Ort. Die alte Festung ist eine Ruine, die weiter zerfällt. Die Natur hat Langlütjen wieder „übernommen“. Zwischen den Mauerfugen des Bauwerks finden sich aktuell auch wattenmeertypische Bewohner pflanzlicher Art, darunter Strand-Melde und Strandwermut. Insgesamt wurden bisher auf Langlütjen II 73 Pflanzenarten sowie über 20 Brut- und Gastvogelarten nachgewiesen.

 Gundolf Reichert

Massives Deckwerk und Bunkerreste auf Langlütjen II. Foto: Gundolf Reichert

 Gundolf Reichert

Festungsgraben Langlütjen, im Hintergrund der Containerhafen von Bremerhaven. Foto: Gundolf Reichert

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