13.04.2018

Löffel, Schmuck und Thron – der Löffler kehrt zurück

Vom 13. bis zum 21. Oktober 2018 finden zum 10. Mal die Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer statt. Anlässlich dieses Jubiläums wird in einem „Zugvogel-Countdown“ von Januar bis Oktober jeden Monat eine typische Zugvogelart des Wattenmeeres vorgestellt. Diesmal geht es um einen wahrhaft königlichen Vogel: den Löffler.
Löffler. Foto: Marcus Säfken

von Peter Südbeck

Nachdem das letzte Eis geschmolzen ist und der Frühling sein blaues Band wieder durch die Luft flattern lässt, kehrt ein Zugvogel zu uns ans Wattenmeer zurück, der in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist: der Löffler.

Schon von weitem zieht der strahlend weiße Vogel die Blicke auf sich. Mit einer Größe von 70 bis 95 cm (fast so groß wie ein Storch) und einer Flügelspannweite von bis zu 1,35 m ist er eine imposante Erscheinung in der offenen Landschaft am Wattenmeer. Bei näherem Hinsehen zeigt er jetzt zu Beginn der Brutzeit einen goldgelben Brustlatz und auffällig lange Schmuckfedern am Hinterkopf. Dieser Kopfschmuck wird bei der Balz eingesetzt, die man jetzt beobachten kann. Dabei werden immer wieder Kopfbewegungen vollführt, bei denen die langen Schöpfe besonders gut zur Geltung kommen. Die Schmuckfedern sind offenbar für potenzielle Partner attraktiv, wobei die Länge der Schopffedern möglicherweise auch etwas über die „Fitness“ des Partners aussagt – und die ist letztlich entscheidend für den Bruterfolg.

Das Nest, welches – oft am letztjährigen Standort - in einer Kolonie in den Salzwiesen im Nationalpark errichtet wird, wirkt wahrhaft königlich: Nicht selten bauen Löffler einen regelrechten Thron. Diese Nestplattform kann durchaus eine Höhe von 50 Zentimetern und mehr erreichen. Sie besteht aus zusammengedrückter alter Vegetation, aber auch Fundstücken aus dem Nahrungslebensraum der Löffler wie Holzstücken oder Zweigen. Leider werden auch Reste von Fischernetzen und anderer Meeresmüll im Nest verbaut - nicht ohne Gefahr für die Vögel und ihren Nachwuchs.

Das Brüten von erhöhter Warte aus ist nicht einfach eine Laune der Natur, sondern bietet handfeste Vorteile. Nester des Löfflers befinden sich zumeist in den Salzwiesen, also direkt oberhalb der Mitteltidehochwasserlinie. Niedrig gelegene Nester unterliegen einem erheblichen Überflutungsrisiko, auf ihrem „Thron“ sitzen die Löffler also recht sicher. Außerdem haben sie eine viel bessere Übersicht über mögliche Gefahren, sie können früher flüchten oder sich anderweitig darauf einstellen.

Bemerkenswert am Löffler ist natürlich auch der namensgebende schwarze Löffelschnabel, nun zur Brutzeit mit gelber „Platte“ als Signal am vorderen Ende. Der „Löffel“ ist ideal für den charakteristischen Nahrungserwerb: Mit ausholenden Pendelbewegungen des Kopfes waten die Löffler bei Niedrigwasser durch die Priele des Wattenmeeres, den Schnabel immer im flachen Wasser, und jagen den aufgescheuchten, flüchtenden Garnelen (Granat) nach. Der verbreiterte Vorderschnabel erleichtert das Greifen der im Wasser flüchtenden Krebstiere und erhöht so die Jagdeffizienz.

Bei Hochwasser fliegt der Löffler von seinen Brutkolonien auf den Ostfriesischen Inseln zu Binnengewässern auf den Inseln, aber auch kilometerweit ins Binnenland. Dort jagt er in Gräben nach kleinen Fischen, vor allem Stichlingen, wobei er dieselbe Technik anwendet.

In seiner Entwicklungsgeschichte ist der Löffler ein typischer Bewohner der ausgedehnten Küstenlandschaft mit einem ursprünglich offenen Übergang zwischen Land und Meer, mit weithin verzweigten Prielen, Flachgewässern und einem graduellen Übergang auf die Geestlandschaft mit Süßwasserbedingungen. Heute gehören die Naturlandschaft vor den Deichen und die Kulturlandschaft hinter den Deichen zum Biosphärenreservat Niedersächsisches Wattenmeer. Als Nutzer beider Bereiche ist der Löffler somit ein Botschafter für das Biosphärenreservat, einer Modellregion für nachhaltige Entwicklung im Miteinander von Mensch und Natur.

In der Vergangenheit hat man diesem schönen Vogel sehr nachgestellt, so dass wir nur indirekt wissen, dass er „früher“ bei uns gelebt hat. Seit 1995 hat der Löffler das niedersächsische Wattenmeer wieder besiedelt und heute leben etwa 650 Brutpaare im Nationalpark, auf allen Inseln in den gut geschützten Salzwiesen – eine echte Erfolgsgeschichte!

Bei den 10. Zugvogeltagen vom 13. bis zum 21. Oktober werden wir die letzten Löffler dieses Jahres im Wattenmeer erleben können, die meisten sind dann schon wieder unterwegs ins Winterquartier in Südwesteuropa oder in Westafrika. Unter vielen spannenden Entdeckungen wird die Sichtung eines Löfflers dann ein besonderes Erfolgserlebnis für aufmerksame Beobachter sein.

Peter Südbeck ist Ornithologe und Leiter der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer.

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