13.07.2018

Miles and More oder: Der Weg ist das Ziel

Vom 13. bis zum 21. Oktober 2018 finden die Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer zum 10. Mal statt. Anlässlich dieses Jubiläums wird in einem „Zugvogeltage-Countdown“ jeden Monat eine typische Zugvogelart des Wattenmeeres vorgestellt. Der Juli-Beitrag widmet sich der Küstenseeschwalbe, deren Flugleistung alle Rekorde in den Schatten stellt.
Küstenseeschwalbe im Flug mit Beute. Foto: S. Pfützke / green-lens.de

Küstenseeschwalbe mit Beute. Foto: S. Pfützke / green-lens.de

von Jürn Bunje

Zu den Zugvogeltagen im Nationalpark Niedersächsischen Wattenmeer haben die Küstenseeschwalben ihre Brutplätze im Wattenmeer schon lange verlassen, als Zugvögel vor den Ostfriesischen Inseln sind sie dann aber immer noch präsent. Dass Küstenseeschwalben gerne und weit fliegen, ist hinlänglich bekannt. Von „einmal um die Welt“ war bisher respektvoll die Rede. Doch wie neuere Forschungen zeigen, übertrifft die tatsächliche Flugleistung der anmutigen Flieger den Erdumfang bei Weitem.

Wissenschaftler haben einige Vögel an ihren Brutplätzen mit winzigen Sensoren, sogenannten Geolokatoren ausgestattet und sie ein Jahr später wieder abgenommen und ausgelesen. Die Sensoren speichern u. a. Zeit, Lichteinfall und Temperatur. Mit diesen Daten lassen sich Flugroute und Aufenthaltszeiten der Vögel nachzeichnen. Die Auswertungen ergaben, dass die Küstenseeschwalben auf ihrer Hin- und Rückreise zwischen der Arktis und der Antarktis bis zu 96.000 Kilometer (!) zurücklegen – viel mehr, als bisher angenommen wurde und mehr als alle anderen wandernden Tierarten der Erde.

Der Grund ist, dass die besenderten Küstenseeschwalben nie auf direktem Weg zu ihrem Ziel flogen, bzw. der Weg das Ziel war. In den Niederlanden während der Brutzeit besenderte Vögel starteten z.B. Ende Juli über den Atlantik Richtung Westküste Nordafrikas. Die erste Überraschung war, dass die Vögel zunächst einen ein- bis mehrwöchigen Aufenthalt mitten im Nordatlantik, etwa 1.000 Kilometer nördlich der Azoren, einlegten. Dort fanden sie offensichtlich genügend Nahrung, um sich für den Weiterflug zu stärken. Denn nun flogen sie in ca. zwei Wochen über 10.000 km bis nach Südwestafrika. Nach einem vierwöchigen Aufenthalt ging es weiter vorbei an der Küste Südafrikas über ca. 8.000 km bis hin zu einer winzigen Insel mitten im Indischen Ozean, Amsterdam Island. Von dort ging es nach zwei Wochen mit einem kleinen Schlenker Richtung Australien wieder ca. 8.000 km in die Antarktis, wo sie entlang der Küstenlinie die Zeit von Dezember bis März verbrachten, um hauptsächlich kleine Krebse zu fressen. Von März bis April kehrten die Vögel zurück an ihre Brutplätze in den Niederlanden. Alles in allem stehen so am Ende des Jahres bis zu 96.000 km auf dem „Tacho“ der Seeschwalbe.

Bei einer Lebenserwartung von ca. 30 Jahren kann es dieser nur 125 Gramm schwere Vogel so auf rund 2,4 Millionen Flugkilometer bringen. Das ist so weit wie dreimal zum Mond und zurück. Und das Ganze auch noch umweltfreundlich mit nur zwei Flügeln und etwas Fisch.

Küstenseeschwalben sind also fast immer in der Luft. Mit ihren langen, spitzen Flügeln haben sie ihren Körperbau perfekt an den Langstreckenzug angepasst. Beim Fischen stürzen sie sich aus dem Flug heraus aus mehreren Metern Höhe mit halb geschlossenen Flügeln in steilem Winkel ins Wasser und kehren mit einem kleinen Fisch an die Wasseroberfläche zurück. So können sie ihren Reiseproviant sozusagen en passant zu sich nehmen.

Seeschwalben sind Charakterarten der Küsten per se und unser Nationalpark hat eine herausgehobene Bedeutung für sie. Ihre Brutkolonien in den Salzwiesen und auf Stränden genießen einen strengen Schutz, das gebietet allein der Respekt vor diesen Hochleistungssportlern.

Halten Sie während der 10. Zugvogeltage vom 13. bis zum 21. Oktober Ausschau nach den vorbeiziehenden Globetrottern!

Jürn Bunje arbeitet in der Nationalparkverwaltung und ist Mitautor der beiden Bücher „Nationalpark für Entdecker“.

 

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