27.05.2019

Steinschmätzer-Paradies Norderney

Deutschlandweit stark rückläufige Vogelart erreicht im Nationalpark höchste Brutdichte in Mitteleuropa
Steinschmätzer im Prachtkleid.

Steinschmätzer im Prachtkleid. Foto: Mathieu Waldeck

Der etwa spatzengroße Steinschmätzer ist im Sommer Charaktervogel der Graudünen auf Norderney, wo er in alten Kaninchenbauten brütet.

2018 wurde der Brutbestand des Steinschmätzers auf Norderney erstmalig systematisch erfasst. Dabei ermittelte Mathieu Waldeck im Rahmen seiner Masterarbeit am Institut für Vogelforschung "Vogelwarte Helgoland" (IfV)/Wilhelmshaven 200 Brutpaare. Das entspricht etwa 40% des gesamten niedersächsischen Brutbestands. „Sowohl der Schlupf- als auch der Aufzuchterfolg der Steinschmätzer auf Norderney sind mit weit über 90% sehr hoch“, erklärt Dr. Heiko Schmaljohann, Projektleiter am IfV. Mit 4-6 Jungen pro Nest, die ab Anfang Juni ausfliegen, sind Steinschmätzer mit dann etwa 1000 Jungvögeln und 400 Altvögeln kaum zu übersehen.

Während die Jungvögel und Weibchen eher unauffällig bräunlich gefärbt sind, fallen die Männchen durch ihre charakteristische Zeichnung sofort auf: Zu der grauen Oberseite und der weißen Unterseite kontrastieren die schwarze „Zorro-Maske“ und die schwarzen Flügel deutlich. Der Steinschmätzer ist Insektenfresser, der nur im Sommer bei uns ist. Den Winter verbringt er in den Trockengebieten Afrikas südlich der Sahara so wie die Vögel aus den anderen Brutgebieten auch. Denn der Steinschmätzer brütet nicht nur bei uns. Sein Brutgebiet erstreckt sich vom östlichen Kanada über Grönland, Island, Europa und Asien bis nach Alaska. Dabei ist der Steinschmätzer unter den Singvögeln Streckenrekordhalter: Die Vögel Alaskas ziehen zur Überwinterung 15.000 km nach Ostafrika. Und er ist auch „Extremsportler“: Die Vögel Kanadas fliegen ohne Anhalten 3400 km über den Nordatlantik nach Westeuropa, von wo es dann noch weiter nach Westafrika geht. Diese Vielfalt seines Zugverhaltens macht ihn zum spannenden Modellobjekt der Zugvogelforschung am Institut für Vogelforschung.

Norderney und der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer haben somit für den Erhalt der Art in Niedersachsen eine hohe Bedeutung und sogar eine nationale Verantwortung, denn nirgends in Mitteleuropa ist die Brutdichte so hoch wie auf Norderney, erläutert Bernd Oltmanns, Leiter des Naturschutz-Dezernates der Nationalparkverwaltung. Für Niedersachsen ist der Steinschmätzer daher im Nationalpark Wattenmeer eine Art mit höchster Priorität für Erhaltungsmaßnahmen.

War der Steinschmätzer früher ein Allerweltsvogel magerer Landschaften im ganzen Land, ist er heute gemäß Roter Liste der Brutvögel Deutschlands vom Aussterben bedroht. Ursachen für den massiven Bestandseinbruch in Niedersachsen über die vergangenen Jahrzehnte sind die Überdüngung der Landschaft, fehlende Dynamik in Sandflächen und fehlende Initialstadien der Vegetationsentwicklung, die Festlegung von Binnen- und Küstendünen und die Bepflanzung von offenen Flächen.

Die Brutvogelerfassung war ein gemeinschaftliches Projekt vom IfV mit der Nationalparkverwaltung und wurde durch den Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) unterstützt. Das Projekt soll in den nächsten Jahren weitergeführt werden. Den Forschern geht es darum herauszufinden, ob der Norderneyer Steinschmätzernachwuchs der Insel treu bleibt und wieder zurückkehrt oder anderswo zur Brut schreitet. Mit einem Fernglas ausgerüstete Beobachter können individuell farbberingte Steinschmätzer ablesen und dem IfV melden. Die Rückkehrrate der Steinschmätzer kann zudem darüber Auskunft geben, ob die Population auf Norderney sich in erster Linie selbst erhält oder sogar andere Inseln mit Steinschmätzern versorgt.

Fachliche Ansprechpartner

PD Dr. Heiko Schmaljohann, Institut für Vogelforschung

Gundolf Reichert, Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer

Gemeinsame Presseinformation der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer und des Instituts für Vogelforschung "Vogelwarte Helgoland"

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