17.04.2020

Willkommen zurück im Wattenmeer: Flussseeschwalben besetzen ihre Brutkolonien

Zugverhalten und Brutgeschehen werden wissenschaftlich dokumentiert – vogelkundlich Interessierte können daran teilhaben und auch selbst dazu beitragen
Fischübergabe beim Balzritual der Flussseescwalben. Foto: Imke Zwoch

Balzritual der Flussseeschwalben: Die Braut erwartet vom Bräutigam angemessene Fisch-Geschenke. Foto: Imke Zwoch

Der April bietet im ganzjährigen Vogelzug-Geschehen im Wattenmeer ein besonderes Ereignis: Die Seeschwalben kehren aus ihren Winterquartieren zurück, um im Wattenmeer zu brüten oder aber bei einem Zwischenstopp Energie für den Flug weiter Richtung Norden aufzutanken. Aktuell ist die Ankunft der Flussseeschwalben zu beobachten. Im trilateralen Wattenmeer werden im Jahreslauf etwa 35.000 dieser eleganten Flieger gezählt, etwa ein Drittel davon brütet hier in Kolonien auf den Inseln und auch an der Festlandsküste. Bis Ende September sind sie im Wattenmeer zu beobachten, dann brechen die letzten in ihre Winterquartiere auf, die überwiegend vor Westafrika liegen.

Auf den Inseln im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer gibt es mehrere Flussseeschwalben-Kolonien: auf Minsener Oog (etwa 500-600 Brutpaare), auf Borkum und Memmert (jeweils über 100 Paare), auf Juist (etwa 50 Paare) sowie kleinere (mehr als 10 Paare) auf Norderney, Baltrum und Spiekeroog. Auf der künstlichen Insel Langlütjen II in der Wesermündung sind es jährlich etwa 30 bis 45 Brutpaare.

Am Festland ist neben Vorkommen in der Wesermarsch (etwa 50-80 Paare) vor allem die Kolonie auf dem Banter See in Wilhelmshaven mit mehreren hundert Brutpaaren bekannt. Hier lässt sich das Brutgeschäft der Flussseeschwalben besonders gut verfolgen. Der See, vormals ein Hafenbecken, grenzt nur durch den Deich getrennt direkt an den Nationalpark und das Weltnaturerbe Wattenmeer. Mitte der 1980er Jahre haben die Vögel dort sechs schwimmende Pontons des ehemaligen U-Boot-Hafens als Brutplatz besiedelt. Mehrere hundert Paare brüten dort dicht an dicht. Die „Insel“-Lage schützt sie vor vierbeinigen Fressfeinden, Störungen und Überflutung und nur wenige hundert Meter entfernt, liegt der Jadebusen als riesiges Nahrungsgebiet. Unentwegt pendeln die Elterntiere – bis zu sechs Kilometer weit - zwischen Brutinsel und Meer, wo sie stoßtauchend kleine Fische erbeuten, um die hungrigen Jungen satt zu bekommen.

Von Beginn an wurde die Kolonie vom ortsansässigen Institut für Vogelforschung betreut und untersucht. Mittlerweile handelt es sich um eine der am intensivsten und langfristigsten untersuchten Vogelkolonien weltweit. Seit 1992 werden alle dort flügge gewordenen Küken und einige Altvögel mit einem Mikro-Chip (Transponder) markiert, der von den installierten Antennen und Wiegeplattformen erkannt wird. Computergestützt und ergänzt durch Beobachtungen der Mitarbeiter*innen wird für jedes Individuum z. B. ermittelt, ob und wann es in die Kolonie zurückkehrt, wie sich sein Gewicht entwickelt und, langfristig, wie viele Nachfahren es schon gezeugt hat.

Die Brutinsel mit "high-tech"-Ausstattung auf dem Banter See. Foto: Imke Zwoch

Der Studienort am Banter See ist zudem ideal, um die Interaktionen zwischen den Nahrung suchenden Flussseeschwalben und ihrer Beute, den im Wattenmeer und der Jade lebenden Schwarmfischen, zu untersuchen. Ein über 10 Jahre laufendes Forschungsprojekt ergab: Von den 55 Fischarten, die in diesem Zeitraum im Jadebusen nachgewiesen wurden, sind lediglich zwei Arten als Seeschwalbenbeute essenziell, nämlich Hering und Stint. Von ihrem – jährlich schwankenden – Vorkommen hängt es ab, wie viele Küken flügge werden und am Ende der Saison mit den Eltern gen Süden ziehen.

Der Bruterfolg der Flussseeschwalben hängt entscheidend von den verfügbaren Nahrungsfischen ab. Foto: Imke Zwoch

„Aktuell kommen die Flussseeschwalben in guter Kondition am Banter See an“, berichtet Sandra Bouwhuis, die Leiterin des Flussseeschwalben-Projekts am Institut für Vogelforschung. „Die erste Ankunft wurde am 8. April gemeldet“. Das kam nicht überraschend: Die Reisezeiten und -wege der Flussseeschwalben und vieler anderer Zugvögel werden durch ein europaweites Netzwerk von haupt- und ehrenamtlichen Vogelkundlern dokumentiert, die ihre Sichtungen vor Ort in offizielle Meldeportale eingeben. So ist zu jeder Zeit bekannt, wo sich Vögel einer Art gerade aufhalten. Auf den online-Karten im Eurobird-Portal lässt sich in Echtzeit nachverfolgen, wie sich die Vogelscharen längs der Zugrouten bewegen.

Vom Südstranddeich oder Banter Seedeich in Wilhelmshaven aus bestehen gerade in diesen Zeiten gute Gelegenheiten, diese eleganten Wattenmeervögel zu erleben und den Nationalpark von einer besonderen Seite in aller Ruhe zu genießen.

Weitere Infos:

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Nahrungsnetzbeziehungen zwischen Flussseeschwalben und Fischen an der Jade“ gibt es hier als download: https://www.nationalpark-wattenmeer.de/nds/service/publikationen/nahrungsnetzbeziehungen-zwischen-flussseeschwalben-und-fischen-der-jade-10

Vogelartenkenner können ihre Beobachtungen auf www.ornitho.de bzw. über die NaturaList-App melden.

Auf https://www.eurobirdportal.org/ebp/de/#home/STEHIR/r52weeks lässt sich wochengenau nachverfolgen, wo übers Jahr Flussseeschwalben in Europa zu finden sind.

Artensteckbrief zur Flussseeschwalbe auf https://www.zugvogeltage.de/arten/flussseeschwalbe

Infos zum Projekt Banter See auf https://www.ifv-vogelwarte.de; Videos aus der Kolonie auf „Lottiweb“ (Lotti war eine der „dienstältesten“ Flussseeschwalben der Kolonie): https://www.youtube.com/channel/UC-23PM2KATRIjWgO38XCBLg

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