12.10.2015

Zugvögel verbinden das Wattenmeer mit der Welt

Gelungener Auftakt der 7. Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer

v.l.n.r.: Stefan Wenzel (Niedersächsischer Ministerfür Umwelt, Energie und Klimaschutz), Holger Barkowsky (Bürgermeister Stadt Wilhelmshaven), Peter Südbeck (Leiter Nationalparkverwaltung) und Dr. Juliana Köhler (Leiterin Wattenmeer Besucherzentrum) eröffneten die 7. Zugvogeltage. Foto: Nationalparkverwaltung

(Wilhelmshaven) Zum Auftakt der diesjährigen Zugvogeltage begrüßte Nationalpark-Leiter Peter Südbeck am Freitag mehr als 130 geladene Gäste im Wattenmeer Besucherzentrum Wilhelmshaven. Traditionell lädt die Nationalparkverwaltung ihre Mitveranstalter und Unterstützer aus Naturschutz, Behörden, Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien am Vorabend der neuntägigen Veranstaltungsreihe zu dieser Festveranstaltung ein – als Dankeschön, zur Einstimmung und zur Pflege des Zugvogeltage-Netzwerkes. Weil dieses Netzwerk von Jahr zu Jahr wächst, wurde der große Ausstellungsraum für diesen Abend zum Vortragssaal umfunktioniert, damit alle Gäste Platz fanden. Das ungewohnte Ambiente zwischen Aquarien, Vogelpräparaten und Fischkutter schuf eine lockere wie anregende Atmosphäre.

Wie im Vorjahr ließ es sich Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel nicht nehmen, persönlich ein Grußwort zu sprechen. Für ihn verkörpern die Zugvogeltage in idealer Weise die Themen Nachhaltigkeit, Internationalität des Naturschutzes und Sanfter Tourismus. Er berichtete von der mehr als 20jährigen Partnerschaft zwischen Niedersachsen und der Region Eastern Cape in Südafrika. Partner-Vogelart ist die Brandseeschwalbe. Auf Baltrum befindet sich eine der bedeutendsten Brutkolonien dieser Art, im Herbst ziehen die Tiere entlang der westafrikanischen Küste bis hinunter nach Südafrika. „Zugvögel verbinden das Wattenmeer mit der Welt“, so Wenzel. Damit einher gehe die internationale Verantwortung für ihren Schutz. Er erinnerte an Bedrohungen der Lebensräume z. B. durch Öl- und Gasexploration in der Arktis, intensive Fischerei durch Drittländer an der afrikanischen Küste, die nicht nur die Vögel, sondern auch die einheimische Fischerei bedrohe, bis hin zu den globalen Problemen Meeresmüll und Klimawandel. Ein hoffnungsvoller Ansatz sei die Wadden Sea Flyway Initiative, die bereits von vielen Partnern entlang der Vogelzugroute unterzeichnet wurde. Die Umsetzung in ein konkretes Handlungsprogramm müsse sich an den Bedürfnissen von Mensch und Natur orientieren, Menschenrechtsfragen und wirtschaftliche Zusammenhänge dürften nicht außen vor bleiben. „Die Zugvogeltage verdeutlichen diese vielen komplexen Zusammenhänge“, stellte Wenzel fest. Durch die vielen Veranstaltungsformate würden unterschiedlichste Zielgruppen erreicht. Den Einheimischen an der Wattenmeerküste würde bewusst, welche Einmaligkeit sie umgibt. Das Alleinstellungsmerkmal auch als Weltnaturerbe fördere auch das mediale Interesse für den Naturschutz. Abschließend unterstrich Wenzel, dass sein Haus den Nationalpark weiterhin in der Fläche stärken wolle. Mit zehn hauptamtlichen Rangern, die in diesem Jahr ihren Dienst angetreten haben, wurde dafür ein wichtiger Baustein gelegt.

Natur kennt keine politischen Grenzen

Der Umweltminister genieße über Parteigrenzen hinaus ein hohes Ansehen, erklärte Bürgermeister Holger Barkowsky in seinem Grußwort als Vertreter der Stadt Wilhelmshaven. “Natur kennt keine politischen Grenzen“. Die Stadt sei sich ihrer zentralen Bedeutung innerhalb des Wattenmeeres bewusst, zum einen durch die geografische Lage in der Mitte der Küste zwischen Esbjerg und Den Helder, zum anderen als Heimat zahlreicher Institutionen, die sich dem Schutz und der Erforschung des Naturraums Wattenmeer widmen. Ein behutsamer Umgang mit der Natur müsse selbstverständlich sein. Mit einem „herzerfreuenden Staunen für die Vielfalt der Natur“ könnten die Zugvogeltage dieses Anliegen bestens vermitteln.

Nationalpark-Leiter Peter Südbeck stellte Schwerpunkte und Neuerungen des aktuellen Zugvogeltage-Programms vor. Geografisch-thematischer Leitfaden ist in diesem Jahr Großbritannien als „Mutterland des birdwatching“. Mehr als 1 Million Mitglieder, darunter 200.000 Junioren, zählt dort allein die „Royal Society for the protection of birds“ (RSPB). Tausende „Vogel-Verrückte“ reisen mit Spektiv im Gepäck kurzfristig in die entlegensten Regionen Großbritanniens, um einen Blick auf ein einziges Exemplar einer seltenen Vogelart zu erhaschen.

In diesem Jahr findet zum 3. Mal der „Zugvogeltage-Aviathlon“ statt, ein Wettbewerb zwischen den verschiedenen Inseln und Festlandsregionen: Wo werden während der Zugvogeltage die meisten Vogelarten gezählt? Erstmals fließen die Ergebnisse in die Fachdatenbank ornitho.de ein. Damit wird der Aviathlon, über „Vogelbeobachtung als Volkssport“ hinaus, zu einem „Citizen Science“-Projekt, zu Deutsch Bürgerwissenschaft, als ehrenamtlicher Beitrag zu fachlichen Datensammlungen.

Schutz der Lebensgrundlagen für Mensch und Natur

Professor Klaus Töpfer, seit 2014 Schirmherr der Zugvogeltage, musste seinen Festvortrag kurzfristig wegen einer internationalen Verpflichtung absagen. Gebannt lauschten die Teilnehmer seiner Videobotschaft aus dem Vorjahr, die an Aktualität nicht verloren hat. Beim Einsatz gegen den Verlust der biologischen Vielfalt weltweit behält Töpfer stets auch die Menschen der betroffenen Regionen im Blick. Vor einem Jahr schaute die Welt auf die Gestrandeten von Lampedusa, heute hat das Flüchtlingsdrama ganz andere Dimensionen erreicht. Töpfer bezeichnet Lampedusa als „Fanal des Scheiterns auch und gerade unserer Entwicklungspolitik“. In diesem Sinne seien die Zugvogeltage „auch ein Beitrag zur Friedenspolitik“, denn über den ornithologischen Tellerrand hinaus geht es bei den Partnerschaften mit afrikanischen Regionen auch um den den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen der Einheimischen.

Als Festredner sprang Peter Südbeck ein. In seinem eindrucksvollen Vortrag verdeutlichte er, auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, doch in Wort und Bild allgemeinverständlich aufbereitet, wie großartig und gleichzeitig fragil das System ist, in dem sich unsere Zugvögel zweimal jährlich bewegen. Die nordischen Brutgebiete, die südlichen Winterrastplätze und dazwischen das Wattenmeer als wichtigster Zwischenstopp: Hier entscheidet sich, mit welcher Fitness die Vögel an ihrem Ziel ankommen. In jedem Lebensraum, den die Vögel auf ihrer langen Reise nutzen, sind sie Bedrohungen ausgesetzt. Daraus leitete sich fast selbstverständlich ab, welch große Verantwortung wir und alle anderen Länder am „Flyway“ tragen und welcher Handlungsbedarf für Gesellschaft und Politik besteht. Die Zugvogeltage sollen und können, ausgehend vom Naturerlebnis, einen gesellschaftlichen und politischen Diskurs in Gang setzen, der schließlich in konkrete Maßnahmen auf regionaler bis hin zu internationaler Ebene mündet.  

Kultur als verbindendes Element

Für den musikalischen Rahmen des Abends sorgte das Folk-Trio Dreybartlang mit Petra Walentowitz (Akkordeon), Kati Bartholdy (Geige, Bratsche) und Holger Harms-Bartholdy (Gitarre). Seit 2012 sind ihre eigens für die Zugvogeltage arrangierten Konzerte mit Musik aus den Ländern entlang der Vogelzugroute fester Bestandteil des Gesamtprogramms und das Trio ist, so Südbeck, „eine tragende Säule des kulturellen Anspruchs der Zugvogeltage“.

Bei leckeren Spezialitäten aus der britischen Küche, hergestellt mit nachhaltig produzierten Zutaten aus der hiesigen Region, und angeregten Gesprächen klang der Abend aus. Dabei entstanden neue Partnerschaften und Projektideen für den Schutz der Zugvögel und für die kommenden Zugvogeltage. 

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