Weltnaturerbe Wattenmeer: Geologische Entwicklung

Das Wattenmeer hat sich erst in den letzten 8.000 Jahren entwickelt und ist damit geomorphologisch und evolutionär noch ein sehr junges Ökosystem. Es zeigt die nacheiszeitliche Entwicklung einer Sandbarriereküste in gemäßigtem Klima unter den Bedingungen eines steigenden Meeresspiegels.
Die Kachelotplate als Muster für die dynamische Entwicklung des Wattenmeeres

Beispiele aus dem niedersächsischen Wattenmeer für die Hauptstufen der erdgeschichtlichen Entwicklungen (Kriterium VIII Richtlinien Welterbeanmeldung)

Das Ökosystem Wattenmeer ist ein Watten- und Barriereinselsystem mit ausgedehnten Salzwiesen, dass weltweit in dieser Größenordnung und Vielfalt einzigartig ist.

Typisches Merkmal dieses Sand- Schlickwattsystems ist die hohe Dynamik und die fortlaufende Veränderung der Watten, Rinnen und Priele.

Im niedersächsischen Teil des Wattenmeeres zeigen die riesigen Watt-Prielsysteme im Hohe Weg Watt (Wesermündung), am Knechtsand (Wurster Küste) oder auf den Rückseiten der Ostfriesischen Inseln dieses dynamische Wechselspiel zwischen Meer und Land mit seinem ganzen Formenreichtum auf eindrucksvolle Weise.

Im Westen, von der Emsmündung bis zur Jade, schirmt die Kette der Barriereinseln von Borkum bis Wangerooge mit starken Unterschieden zwischen ihrer Land- und ihrer Seeseite; den Salzwiesen und Dünen, die zwischen Inseln und Festland liegende Tidezone mit ihren Differenzierungen in Sand-, Misch- und Schlickwatt, gegen die Nordsee ab. Im Osten, zwischen Jade und Elbmündung wo der höhere Tidenhub vornehmlich Sandbänke aber keine Barriereinseln zulässt, erstreckt sich großflächig ein hochgradig dynamisches System von sich ständig verändernden Sandbänken, Rinnen und Prielen. Hoch liegende Sandplaten wie der Knechtsand können über einige Jahre Inselcharakter annehmen, der aber auch wieder vergeht. Die Geologie des niedersächsischen Wattenmeeres wird weiterhin geprägt durch die Flussmündungen von Ems, Jade, Weser und Elbe, so wie durch die großen Buchten von Leybucht und Jadebusen mit ihren ausgedehnten Salzwiesenflächen. Diese natürlichen Merkmale beherrschen die Landschaft und das Meerespanorama und werden durch den ständigen, schon über tausend Jahre währenden Kampf des Menschen mit dem Gebiet, der sich eindrucksvoll in der Hauptdeichlinie zeigt, noch verschärft.

Das niedersächsische Wattenmeer enthält viele Beispiele nacheiszeitlicher Küstengeomorphologie und der dynamischen Wechselwirkung physikalischer und biologischer Prozesse. Das Geestkliff bei Cuxhaven, wo das Wattenmeer noch direkt ohne jede Küstenschutzmaßnahme an das Festland grenzt, die Buchten von Dollart, Leybucht und Jadebusen als Zeugnis der letzten großen Meereseinbrüche und das wohl weltweit einmalige Schwimmende Moor bei Sehestedt, als Überbleibsel der ehemals riesigen Hochmoorflächen, sind dafür besonders anschauliche Teile des Weltnaturerbegebietes.

Trotz menschlicher Eingriffe werden die Entwicklung und Verjüngung von Landschaftsformen unter Einschluss der gesamten Bandbreite von Lebensräumen durch den ständigen Ablauf der dynamischen Naturprozesse sichergestellt und die Funktionen des Ökosystems gewahrt. Das Werden und Vergehen der Kachelotplate, einer westlich von Juist gelegenen riesigen Sandbank, mit ersten Ansätzen der Inselbildung zeigt, dass für den ungestörten Ablauf geomorphologischer Prozesse auch heute noch viel Platz im Weltnaturerbegebiet ist.

Die morphologische Entwicklung des Ökosystems Wattenmeer wird im Wesentlichen von den Gezeiten dominiert, aber auch Windbelastungen und Wellen spielen eine wesentliche Rolle. Die für jedermann am eigenen Leib erlebbaren Sandverlagerungen bei starkem Wind an den Stränden der Ostfriesischen Inseln, die letztendlich die Dünenbildung und ihre Dynamik bewirken, oder auch die Veränderungen ganzer Watt-Prielsysteme nach einer schweren Sturmflut, zeigen die Auswirkungen dieser beiden Kräfte in beeindruckender Weise.

Die geomorphologische Entwicklung von Düneninseln, Salzwiesen und Watt ist untrennbar miteinander verknüpft. Die Grundlage bilden die im System vorhandenen Sedimente, die von Wasser und Wind transportiert und dabei gemäß der physikalischen Bedingungen sortiert und im Raum verteilt werden. Erosion und Sedimentation sorgen für eine fortlaufende Umverteilung. So kommt es in bestimmten Bereichen zur Entwicklung von Dünen, Salzwiesen oder von Sand-, Misch- oder Schlickwatten.

Im Schutze der Dünen entstehen auf den Inseln die großflächigen Salzwiesen. Die Kette der Düneninseln und Außensände schützt das dahinterliegende Watt und führt zur Entwicklung der großen Wattströme zwischen den Inseln mit den dazugehörigen Prielsystemen. Seegang und Strömung beeinflussen wiederum die Sedimentationsverhältnisse. Inselnah herrschen Sandwattbereiche vor, daran schließen sich weite Übergangsbereiche mit Mischwatt an, während entlang der Festlandküste, aber vor allem in den strömungsberuhigten Meeresbuchten wie dem Jadebusen Schlickwatten überwiegen. Im Gegensatz zu anderen Teilen der Welt mit ähnlichen Systemen sind die Watten hier nur gelegentlich von Seegraswiesen oder Schlickgras bestanden, da die große Dynamik und die Mobilität der Sedimente einen flächendeckenden Bewuchs mit aufrecht wachsender Vegetation im Wattenmeer verhindert. Dies hat den einmaligen Charakter einer Küstenlandschaft entstehen lassen, geprägt durch vegetationslose Sand- und Wattflächen, die durch ein kompliziertes Muster aus Prielen und Wattströmen unterteilt werden.

In den verschiedenen Dünenstadien der Inseln, den Prielen, den Watten und den Salzwiesen lässt sich ein breites Spektrum an biogeomorphologischen Prozessen finden. Besonderheit ist, dass die Veränderung der geomorphologischen Merkmale der Landschaft nicht Jahrtausende braucht, sondern schon innerhalb der Lebensspanne eines Menschen ablaufen kann. So hatte die Insel Spiekeroog noch vor 50 Jahren nur etwa die Hälfte ihrer heutigen Ausdehnung. Aus ehemals vegetationsfreien Sandflächen sind heute ausgedehnte Dünen- und Salzwiesenlebensräume entstanden.

Diese morphodynamischen Anpassungen sind deswegen möglich, weil das Wattenmeer-System auf Veränderungen noch in natürlicher Weise reagieren und sich weitgehend ungehindert entwickeln kann. Die Entwicklung Spiekeroogs ist ein gutes Beispiel für die starke hydraulische und äolische Dynamik, welche die auffälligen morphologischen Veränderungen in unterschiedlichster räumlicher und zeitlicher Ausdehnung gestaltet: von der Wanderung ganzer Inseln über Jahrhunderte bis hin zur Entstehung winziger Minidünen im Schutze einer Muschelschale für nur ein paar Stunden.

Weltweit gibt es nur sehr wenige Gebiete, wo man so direkt Zeuge der dynamischen Anpassung biogeomorphologischer Prozesse innerhalb einer Generation werden kann, wie an den "dynamischen Brennpunkten" des Welterbegebietes: den Ostenden der Ostfriesischen Inseln, den Anlandungs- und Abtragungsprozessen in den Salzwiesen oder den bei Niedrigwasser großflächig trocken fallenden Wattflächen.

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