Niedersachsen

02.07.2026 | | Pressemitteilung der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer

Artenvielfalt im Nationalpark beeindruckend

Expert*innen zählen mehr als 600 Tier- und Pflanzenarten vor Schillig

Seit nun schon 20 Jahren durchkämmen Artenkenner*innen am „Nationalpark-Tag der Artenvielfalt“ in einem jährlich wechselnden Teilgebiet des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer die artenreiche Naturlandschaft. Am Samstag, den 27. Juni 2026 nahmen 35 Expert*innen terrestrische und marine Lebensräume vor Schillig ins Visier und zeigten auf, welch große Biodiversität in diesem Teil des Nationalparks steckt.

Der im Wangerland gelegene Küstenort bietet eine für das friesländische Festland eher untypische Lebensraumvielfalt. Der Grund: Durch die ursprünglich künstlich geschaffenen Sandvorspülungen grenzen hier auf kleinstem Raum am Festland Salzwiesen, Dünen, Sandstrand, kleine Waldgebiete und die Watten direkt aneinander. Viele Übergänge und Grenzlebensräume bedeuten eine Fülle ökologischer Nischen für die unterschiedlichsten Lebensformen.

Am Treffpunkt begrüßte Dr. Benedikt Wiggering, Dezernent für Biodiversität, Forschung und Monitoring der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer die 35 Teilnehmenden herzlich. Sodann bildeten sich Gruppen aus Spezialisten für bestimmte Tier- und Pflanzenarten und schwärmten in die verschiedenen Bereiche des Schutzgebietes aus.

Trotz hochsommerlicher Temperaturen und Hitzegewitter zum Start ließen sich die Expert*innen nicht ausbremsen. Ihre sechsstündige, akribische Suche im Watt und an Land brachte zahlreiche spannende Nachweise zutage. Die diesjährige Ausbeute wurde anschließend zusammengetragen bei Kaffee und Kuchen in der Jugendherberge Schillig, zertifizierter Partner des Nationalparks. Aus der vorläufigen Gesamtliste von über 600 Arten stechen einige Funde besonders hervor:

In Schillig konnte die Strandwinde in der höchsten bekannten Bestandsdichte nachgewiesen werden

© Benedikt Wiggering /NLPV

Die Gruppe der Pflanzenkundler*innen dokumentierte knapp 160 Gefäßpflanzen- und vier Moosarten. Neben typischen Küstengewächsen wie Stranddistel oder Dorniger Hauhechel sorgte ein Fund für besondere Begeisterung: Die Expert*innen stießen auf die Strandwinde und konnten das größte Vorkommen dieser Art am Festland bestätigen.

Pilzkundler Jörg Albers kartierte beachtliche 32 Arten. In den feuchteren Bereichen des nahegelegenen Waldstücks stieß er unter anderem auf den Natternstieligen Schleimfuß. Für das mykologische Tageshighlight sorgte jedoch ein anderer Fund: Mit der Entdeckung eines Graskernlings (ein pflanzenparasitischer Pilz) gelang ein Erstnachweis für ganz Niedersachsen – möglicherweise, denn die genaue Bestimmung dieser Pilzart muss noch bestätigt werden.

Das Team im Watt ließ sich vom anfänglichen Hochwasser nicht aufhalten und konnte rund 30 Arten dokumentieren, darunter verschiedene Algen und Arten des Wattbodens. Die Ergebnisse dieser Gruppe zeigen zudem eindrücklich, wie dynamisch sich der Lebensraum verändert: Bei rund 20 Prozent der kartierten Arten handelte es sich um Neobiota (nicht-heimische Arten). Dazu zählten etwa die etablierte Pazifische Auster oder die Manila-Teppichmuschel, die erst vor zwei Jahren in Schillig erstmalig nachgewiesen werden konnte.
Auch bei den Fluginsekten erwies sich Schillig als artenreich. Die Entomologie-Gruppe kartierte neben drei Libellenarten und einer Florfliege rund 70 Fliegen- sowie bis zu 16 Wildbienenarten. Das unangefochtene Highlight dieser Gruppe entdeckte Jana Deierling: Sie konnte ein Exemplar der in Deutschland stark gefährdeten Mooshummel nachweisen – ein Fund, der für große Freude sorgte und die Bedeutung intakter, vielfältiger Lebensräume unterstreicht.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie reich der Nationalpark für Insekten ist: So erfassten die Artenkenner*innen elf Heuschrecken-,rund 50 Wanzen und mehr als 40 Zikadenarten. Auch die Käfer-Spezialist*innen kamen mit ca. 60 unterschiedlichen Arten voll auf ihre Kosten. Doch bedarf die genaue Bestimmung noch Nacharbeit unter dem Mikroskop.

Etwas rar machten sich in Schillig hingegen die Schmetterlinge. Das Team verzeichnete 13 verschiedene Tagfalter-, darunter den bekannten Admiral, sowie elf Nachtfalterarten wie das auffällige Taubenschwänzchen.

Auch ein vielfältiges Bild zeigte sich bei den Wirbeltieren: Neben zehn Säugetier- und einer Amphibienart konnte die Gruppe der Ornitholog*innen 75 verschiedene Vogelarten nachweisen. Für den Höhepunkt sorgte dabei die Sichtung einer Raubseeschwalbe – ein seltener Durchzügler auf dem Weg zwischen Brutgebieten an der Ostsee und Überwinterungsgebieten am Mittelmeer und in Afrika.

„Dass wir hier auf dem Festland unmittelbar neben touristisch stark genutzten Bereichen eine hohe Zahl an verschiedenen Arten nachweisen konnten, ist ein großartiges Zeichen: „Nationalpark wirkt!“, erklärte Benedikt Wiggering in der abschließenden Runde. „Die besondere Beschaffenheit von Schillig zeigt uns, wie dynamisch und anpassungsfähig die Natur an unserer Küste ist und welche Auswirkungen auf die Artenvielfalt damit zusammenhängen.“

Zum Nationalpark-Tag der Artenvielfalt

Der „Tag der Artenvielfalt“ wurde 1999 vom Fachmagazin GEO ins Leben gerufen. Bundesweit machten sich Gruppen von Artenkenner*innen auf, um jeweils in einem definiert abgegrenzten Gebiet binnen eines Tages das Arteninventar zu erfassen. Seit 2006 finden die Aktivitäten auch im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer statt. Nachdem sich GEO aus diesem Veranstaltungsformat zurückgezogen hatte, setzt die Nationalparkverwaltung dieses jährliche Expert*innen-Treffen als „Nationalpark-Tag der Artenvielfalt“ fort. Im Wechsel wird jedes Jahr eine Insel oder ein bestimmter Küstenabschnitt bearbeitet.

Über 20 Jahre hat sich ein Netzwerk von Artenkundigen entwickelt, das auch für den Wissenstransfer an die nächste Generation genutzt wird

© Michael Räder / NLPV