Seeschwalben gehören zu den charakteristischen Vogelarten der Küste – gleich fünf Arten brüten im UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer. Die Zugvogeltage bereiten jedem jährlich wechselnden Titelvogel eine Bühne, um anhand dieser Zugvogelart die Lebensraumansprüche und Herausforderungen für eine vitale Bestandsentwicklung deutlich zu machen. 2026 steht die Küstenseeschwalbe im Fokus, die im Wattenmeer sowohl als Brutvogel als auch als Durchzügler vorkommt.
Zu einem wissenschaftlichen Symposium hatten die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, das Institut für Vogelforschung, die Niedersächsische Ornithologische Vereinigung e. V. und die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft e. V. eingeladen. Zu dieser Veranstaltung trafen sich am 5. Mai 2026 im UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer-Besucherzentrum Wilhelmshaven knapp 70 Fachleute zum Austausch, um daraus neue Impulse für Vogelforschung, Naturschutz und Umweltbildung zu gewinnen.
„Die Küstenseeschwalbe legt eine rekordverdächtige Flugleistung zurück, da sie jährlich zwischen Überwinterungsgebieten in der Südpolarregion und Brutgebieten in der Nordpolarregion pendelt und dabei quasi einmal um den Globus fliegt, uns also die Welt vor Augen führt“, so Peter Südbeck, Leiter der Nationalparkverwaltung, in seiner Begrüßung. Die Art nutzt dabei die Tageslänge in den polaren Sommern, um möglichst viel Zeit über dem Meer jagen zu können“, erläutert Prof. Dr. Miriam Liedvogel in ihrer Einführung, Direktorin des Instituts für Vogelforschung.
Obwohl ihre küstenfernen Jagdgebiete eine Zählung der ziehenden Vögel erschwert, sind an der niedersächsischen Küste zwischen April und Oktober Gastvogelbestände von bis zu 2.500 gleichzeitig anwesenden Küstenseeschwalben dokumentiert. Als Brutvogel zirkumpolar verbreitet, bezieht sie mit dem Wattenmeer das südlichste Brutgebiet in Europa.
In seinem Vortrag zu Küstenseeschwalben im Wattenmeer erläuterte Dr. Florian Packmor von der Nationalparkverwaltung, dass der niedersächsische Brutbestand von etwa 1.000 Brutpaaren Mitte der 1990er-Jahre auf inzwischen unter 130 Brutpaare geschrumpft ist. Der Bruterfolg ist so gering, dass beispielsweise in den Niederlanden durchschnittlich nur noch alle fünf Jahre ein Küken je Brutpaar flügge wird. Die größte Brutkolonie im Nationalpark findet sich weiterhin auf Minsener Oog, andernorts sind Brutplätze häufiger von Beutegreifern oder Überflutung betroffen. Sie ernähren sich überwiegend von wirbellosen Tieren des Wattenmeeres, wie Krabben oder Garnelen, aber auch junge Heringe oder Sprotten werden in beeindruckendem Sturzflug gejagt. In der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands und Niedersachsens ist die Küstenseeschwalbe in der Kategorie „vom Aussterben bedroht“ eingestuft.
Die ähnliche Flussseeschwalbe als ihre nächste Verwandte ist auch vor Niedersachsens Küste deutlich häufiger als die Küstenseeschwalbe. Ihre Unterscheidung im Feld ist aber äußerst schwierig, da die Merkmale nur geringfügig abweichen. Prof. Dr. Sandra Bouwhuis, stellvertretende Direktorin des Instituts für Vogelforschung, stellte in ihrem Vortrag abnehmende Nahrungsverfügbarkeit, fortschreitenden Klimawandel, Quecksilberbelastung und Vogelgrippe als bestandsregulierende Faktoren vor. Das langjährige Forschungsprojekt hat hierzu beeindruckende Aussagen ermöglicht. Das Flussseeschwalben-Infozentrum am Banter See in Wilhelmshaven lädt dazu ein, sich über die Langzeitforschung an der weltweit am besten untersuchten Brutkolonie eingehender zu informieren.
Den Blick weitete Dr. Maarten Loonen von der Universität Groningen auf Forschungsergebnisse aus den Niederlanden und von Spitzbergen, nach denen Küstenseeschwalben im Jahresverlauf 90.000 Kilometer zurücklegen und vom Wattenmeer am Kap der Guten Hoffnung vorbei bis nach Neuseeland fliegen. Christof Hermann berichtete als Leiter der Beringungszentrale Hiddensee für die an der Ostseeküste brütenden Küstenseeschwalben von Ringfunddaten zwischen Marokko und Südafrika. Abschließend nahm der Ornithologe und Umweltpädagoge Reno Lottmann das Publikum mit auf die „virtuelle Kreuzfahrt“ einer Küstenseeschwalbe vom Wattenmeer bis in die Antarktis und schilderte unterhaltsam ausgewählte Aspekte zu Geschichte, Kultur und Natur verschiedener Stationen auf dem Zugweg, wie beispielsweise Namibia – Partnerland der diesjährigen Zugvogeltage im Oktober.
„Insgesamt hat die Veranstaltung den fachlichen Bogen der diesjährigen Zugvogeltage bereitet. Nun geht es in die Endphase der Programmgestaltung, darauf freuen wir uns sehr!“, resümiert Hannah Wilting, Koordinatorin der Zugvogeltage bei der Nationalparkverwaltung.