Wie immer geht unser Einsatz im Januar los, diesmal, 2025, für volle drei Monate. Ganz am Anfang steht die „Dienstbesprechung“ mit Ranger Florian Lemke. Wir notieren, was es zu tun gibt: Kartierung und Austausch aller defekten Hinweisschilder, Erneuern von verrotteten Pfählen an den Wegen, Verbesserung des Leitsystems, Reinigung von Infotafeln, Besucheransprache bei Fehlverhalten, Beratung im Vogelwärterhaus, Bereitstellen von Infomaterial, Müllsammlungen, Dokumentation von auffälligen Strandanschwemmungen, seien es verletzte oder auffällig viele verendete Tiere oder – diesmal ganz neu – Kokspäckchen. Haben wir uns verhört? Nein. An mehreren Inseln sind blaue Plastikpäckchen mit Kokain angeschwemmt worden. Also: Augen mal ganz anders aufhalten.
Mit Hallo und Schulterklopfen begrüßen wir dann all die Menschen, mit denen wir bei unseren Einsätzen wieder zu tun haben werden: Inselbauer Rumbi, der für die Inselrinder zuständig ist; Meik Julius, der Leiter des NLWKN, Kerstin und Herbert vom Wasserwerk (OOWW) und viele andere. Alle wissen inzwischen, wo wir meistens zu finden sind: Jürgen Dreckschmidt schwerpunktmäßig im Westen, beim Naturpfad und am Flinthörn-Strand, ich schwerpunktmäßig im Osten, im Vogelwärterhaus, beide zusammen immer auch auf der ganzen Insel, wie z.B. zum Müllsammeln am Ostende oder an der Mole im Hafenbereich oder bei der Vogelbeobachtung überall. Da sind sie wieder, die alten Bekannten: die Goldregenpfeifer am „Mount Müll“, die riesigen Kolonien der Nonnengänse, Unmengen an Graugänsen, die sich jetzt schon Ende Januar als Pärchen absondern, die Schneeammern, Alpenstrandläufer … Schnee und Alpenstrand? Wir wundern uns nicht mehr über die ornithologischen Namen. Meistens haben sie mit den Lebensräumen/ Brutgebieten der jeweiligen Vögel zu tun. Und auch das gehört zu unserem Ehrenamtsjob: neben dem knallharten „Malochen“ wie Pfähle schleppen, Löcher graben, Pfähle einsetzen, Drähte ziehen, Schilder ausgraben, andere eingraben heißt es: lernen, lernen, lernen! Wir können und wollen es nicht mit Ornithologen, Biologen und Rangern aufnehmen, aber wir wollen so fit sein, dass wir die häufigsten Fragen von Inselgästen beantworten können: Gibt es Kaninchen, Igel, Rostgänse, Kühe, Füchse, Seeadler, Eulen? Wann brüten die Gänse? Sind die Löffler schon da? Warum liegen so viele tote Vögel am Strand? Was macht eigentlich ein Ranger? Wo kann ich am besten Seehunde sehen? Oder Fragen zu Fundstücken: Ein Delphinkopf? Ein Zimtbär? Schnecke oder Muschel? Wie heißt denn das Ding hier? Und nicht zuletzt auch die dringliche Frage: Gibt es hier eine Toilette?
Diesmal nehmen wir uns das Vogelwärterhaus ganz besonders vor. Wir entstauben, putzen und wienern die Vitrinen. Wir versuchen mit wenigen Mitteln mehr motivierende Bilder und Figürchen in der Ausstellung zu präsentieren. Wir richten einen Selfieplatz vor einer schönen Rangerwand ein und einen Sitzplatz „Selfie mit Basstölpel“. Überhaupt die Ausstellung: Sie beschäftigt uns schon einige Jahre, da leider nicht alles so funktioniert wie es soll. Aber die Infofilme auf dem großen Screen laufen beständig ihre Schleifen.
Da meine Hauptaufgabe Beratung im Vogelwärterhaus ist, will ich was Besonderes anbieten. Und weil es dafür keine Mittel gibt, schreibe ich – als Autorin im sonstigen Leben – diesmal Meeresgedichte. Jedes Gedicht schreibe ich auf ein schönes Stück Papier, rolle es ein, umwickel das Ganze mit Fäden von Geisternetzen, und jede Besucherin und jeder Besucher kann sich vom Gedichte-Teller in der Ausstellung eins mitnehmen. Dadurch komme ich mit den Gästen ins Gespräch, oft auch in lange Gespräche. Die meisten Gäste kommen wegen der Ruhe in der Natur auf die Insel. Mal rauskommen, wegkommen vom Alltagsstress, mal wieder frei atmen können, die Augen öffnen für die Vogelwelt, die Weite, das Watt, das Meer. Manche haben eine harte Zeit hinter sich durch Kummer, Krankheit oder Verlust. Über das Gedicht-Geschenk kommen wir aber auch ins Gespräch über unsere Tätigkeit als Ehrenamtliche, über den Nationalpark Wattenmeer und was man selber für den Schutz der Natur tun kann. Die Besucher freuen sich über Gedicht, Gespräch und Information. Und wenn jemand eine Spende geben will, reichen wir die Sammeldose für die Familien von getöteten Rangern weltweit. Die Besucher unterstütze gerne für diesen guten Zweck.
Während ich Kindern mit Hilfe von Figuren aus Überraschungseiern (angeschwemmt 2017 aus geplatztem Maersk-Container) den Meeresmüll erkläre, zieht Jürgen den „Fahrplan der Zugvögel im Wattenmeer“ auf eine große Holzplatte auf und macht sie wetterfest. Ein echtes Highlight, denn nun können die Besucher auf dem Fahrplan außen an der Hütte sehen, welche Vögel woher und wohin, wann und in welcher Größenordnung kommen und gehen. Auch für uns als Beratende ist der Fahrplan (kostenloser Download) eine tolle Unterstützung.
Am nächsten Tag ist wieder volle Armkraft gefragt: Die alte Vogelkiek-Wand muss abgerissen werden, zu morsch, zu instabil. Ein Job für Jürgen. Ein paar Stunden später ist nichts mehr von der Wand zu sehen, und das Holz ist auch schon kleingesägt und entsorgt. Schon flitzt Jürgen weiter, um neue Beschilderungen zu befestigen. Im Hänger eine Trittleiter, die er eigens dafür vom Langeooger Sperrmüll organisiert hat. Und während er richtet und schraubt, komme ich kaum mit den Gedichten hinterher.
Schrauben und schreiben, das passte jedenfalls super gut zusammen in diesem Einsatz.
(Bericht von Marion Döbert)